The Crash - Comfort deluxe

The Crash- Comfort deluxe

Evidence / WEA
VÖ: 27.11.2000

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Heizdecke (Made in Finland)

Was wären wir nur ohne finnische Exportgüter? Sicherlich um eine ganze Menge toller Dinge ärmer. Denn wäre eine Mahlzeit ohne eine krümelnde Scheibe Knäckebrot auch nur halb so schmackhaft? Dürfte sich ein Besäufnis ohne Eläkeläiset überhaupt noch Besäufnis nennen? Wem würde Schumi regelmäßig seine Niederlagen in die Schuhe schieben? Welche irdischen Götzen könnte der heranwachsenede Teufelsbeschwörer anbeten, wenn nicht Ville Valo und seine Mannen? Wer nun vorlaut erwidern wird, daß Knäckebrot eigentlich in Wirklichkeit aus Schweden stammt, dem sei hiermit gesagt, daß es für den gemeinen Finnen weitaus schlimmere Schimpfwörter gibt als "Knäckebroterfinder": Wer sich nämlich erdreistet, Finnland kurzerhand Skandinavien zuzurechnen, dem ist eine Tracht Prügel gewiß. Das finnische Völkchen ist stolz auf sein Land und im Falle von The Crash bedeutet dies sogar, daß sie ihre geliebte Heimat auf dem Albumcover ihres Debütalbums reflektieren möchten. Hoffentlich wird uns dabei die halbe Wahrheit vorenthalten. Denn wenn das, was auf dem Cover von "Comfort deluxe" zu sehen ist, wirklich ein naturgetreues Abbild von Finnland darstellt, würden aus tiefstem Mitgefühl die Knäckebrotumsätze schlagartig in ungekannte Höhen steigen.

Schon bei der Fassade wird deutlich: Wenn es für Understatement Punkte geben würde, würden The Crash jede Skala sprengen. Die Herren Teemu, Samuli, Toni und Erkki sind überaus zurückhaltende und sympathische Zeitgenossen. Wenn Teemu Brunila am Mikrofon seine englischen Texte vorträgt, dann klingt das in etwa genauso unbeholfen wie Mika Häkkinens hinlänglich bekannte Versuche, uns im Werbefernsehen die Vorteile der mobilen Kommunikation nahezubringen. Statt in die Ferne zu schweifen und über den großen Teich zu blicken, belassen es The Crash lieber beim kleinen und schielen, über die Nordsee hinweg, unaufhörlich in Richtung Großbritannien.

Verträumter Gitarrenpop ist dort nichts Neues, und ein britisches Trio namens JJ72 hat erst vor wenigen Wochen ihr Debüt veröffentlicht, dem der Sound von "Comfort deluxe" zum Verwechseln ähnlich klingt. Daß ein Song mit "Muse" betitelt ist, mag ein bloßer Zufall sein, aber daß The Crash mit dem Brit-Pop-Hype aufgewachsen sind, ist unverkennbar: Zu einem Stück wie "Fidelity" hätte auch Brett Anderson in jungen Suede-Jahren gerne emphatisch gejault, während "World of my own" die Luftigkeit der frühen Lighning Seeds ins Gedächtnis ruft. Und nachdem die Boo Radleys vor einigen Jahren noch ein euphorisches "Wake up Boo!" aus allen Fenstern brüllten, spielen die Finnen mit "Boo! Morning, grey. Sober up today" Morgenmuffel. Man geht die Dinge etwas behäbiger an als die Vorbilder, und nachdem Coldplay unlängst "We live in a beautiful world" konstatierten, schließen sich The Crash ihnen an. "Take my time, I'll wait forever" - die Welt ist schön, warten wir sie ab.

An ihrem allerletzten kleinen Sympathiebonus schließlich sind The Crash vollkommen unschuldig. Auf durchaus augenzwinkernde Art und Weise versucht das Presseinfo, auch die Kundschaft zu erschließen, die ihre Produkte ansonsten nur über QVC und Tele-Shop zu beziehen pflegt. Da läßt Tracy (23) die denkwürdigen Worte "I can't believe it, it's amazing!" verlauten, Thelma (16) berichtet mit Tränen in den Augen "At first I was a loser, but after I bought myself comfort deluxe, I'm a winner!" und Bob (18) schließt sich mit den Worten "I love this CD (Crying) It changed my life!" ihrer tiefen Begeisterung an. Ganze Leben wird "Comfort deluxe" nun sicherlich nicht umkrempeln. Aber mehr noch als der dekorative Kachelofen oder die formschöne, aber sündhaft teure Heizdecke aus dem Tele-Shop kann auch "Comfort deluxe" eine behagliche Wärme in die winterliche Stube zaubern. Zwar kommt auch "Comfort deluxe" nicht ohne Wackelkontakte und gelegentliche Ausfälle aus, doch vorausgesetzt, der Tonträger zerfällt nach Ablauf der Garantiezeit nicht in seine Einzelteile, werden wir an "Comfort deluxe" auch im nächsten Winter noch unsere helle Freude haben.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Sugared
  • Fidelity
  • Going out

Tracklist

  1. Sugared
  2. World of my own
  3. Fidelity
  4. Coming home
  5. Polar
  6. Furious boy
  7. I never dance
  8. Take my time
  9. Muse
  10. Prophecy
  11. Going out

Gesamtspielzeit: 42:28 min.

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