The Mars Volta - SCAB dates

The Mars Volta- SCAB dates

Gold Standard Labs / Universal / Motor
VÖ: 04.11.2005

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Enigmatischer Exzeß

Ärztlichen Ratschlägen zu folgen, paßt in aller Regel zu Rockmusik wie Rosenkohl zu Feuerwehrautos. Selbst bei zigfachem Hinsehen maximal kaum. Gerade der Tip, für ausreichend Schlaf zu sorgen, bewirkt eher grotesk verzerrtes, verständnisloses Schmunzeln. Doch fast möchte man der Plattenfirma vorschlagen, einen "Bitte ausgeschlafen anhören!"-Aufkleber auf der Hülle der neuen Live-CD von The Mars Volta, "SCAB dates", anzubringen. Ziept, zerrt, kratzt und rupft das orgiastisch mäandernde Improvisationsgebräu auf dem Silberling doch enorm munter und vergnügt am Nervenkostüm herum. Aufregend und aufreibend gleichermaßen. Ruhepausen fürs Ohr? Rar gesät. Schonen wollten sie uns noch nie.

Und nach wie vor nicht neu auf dem Tableau weltbewegender Erkenntnisse ist die Feststellung: Wer sich sicher glaubt, die enigmatischen Achterbahnfahrten von Omar, Cedric & Co. zu verstehen, darf sich fast sicher sein, daß er irrt. Zementiert haben sie dies mit jeder Platte stärker. Wenn man denn in diesem Kontext überhaupt von Festigkeit sprechen darf. Das gilt mindestens so deutlich für ihre ausufernden Konzerte. Denn dort stellen sie die absolute Vorläufigkeit der konventionellen Songform unter Beweis. Die Fassungen auf den Studioscheiben sind kaum mehr als Schnappschüsse, in der Gegenwart kurzzeitig gebannte Momente einer unentwegten Metamorphose. Das traumverlorene Tauchen in Klang, das exzessive Auskosten des Moments, das Erschaffen abstruser Klangkosmen aus dem Nichts im Hier und Jetzt, verknüpft mit obskuren Klangcollagen, ganz im Sinne von John Cages "Musik der Geräusche". Kryptisches Chaos als und mit Konzept. Nicht selten steht hier das verwirrte Ohr als Ochs vorm Berg in böhmischen Dörfern.

Die Aufnahmen der "SCAB dates" sind zusammengesammelt aus diversen Konzerten der Band der Jahre 2004 und 2005. Von den insgesamt sechs Stücken, die sich in zwölf Teile zergliedern, kennt der geneigte Hörer allerdings nur drei von den Studio-Alben: "Take the veil cerpin taxt" und "Cicatriz" von "De-loused in the comatorium" und "Concertina" von der Tremulant-EP. Daß nicht ein einziger Vertreter von "Frances the mute" die Trackliste ziert, läßt allerdings schon ein, zwei Schweißperlen der Verblüffung auf der Stirn glitzern, paßt aber nur zu gut ins Konzept der Erwartungsdurchbrechung. Einen etwas besser abgemischten Sound - weniger Klangmatsch, mehr Transparenz - hätte man bei allem jedoch schon erwarten können. Auch das vergleichsweise lieblos hingerotzte Artwork hinkt meilenweit hinter der aufwendigen Gestaltung der Studioalben her.

Quietschende Babys, Straßengeräusche und spanische Lautsprecherdurchsagen verquirlen sich zu Beginn der Platte mit Crashbeckenwirbeln, minimalistischen Gitarrenfiguren und Feedback-Schleifen zu einer hypnotisch einlullenden Wolke, in die erst nach gut vier Minuten "Take the veil Cerpin Taxt" einbricht. Das Gedächtnis bejubelt sich plötzlich selbst. "Ha! Ich habe das Stück erkannt!" Doch wie zu erwarten war, werden auch die bekannten Stücke mit der musikalischen Kettensäge zerteilt, zerfasert in ihre Einzelbestandteile, mit Vollgas gegen die Wand gefahren und gedehnt wie Erdbeerkaugummi. Schon nach kurzer Zeit bricht das Stück bei voller Fahrt aus bekannten Bahnen aus, schleudert in ein infernalisches Krachinferno, überschlägt sich dreimal. Das Ohr sucht inmitten der halsbrecherischen Improvisationskapriolen nach Halt, und urplötzlich, auf Schlag, kehrt das Stück für wenige Momente auf den Pfad der Erkenntlichkeit zurück, ehe uns die Spinner aus El Paso alsbald wieder zum Narren halten und erneut in unerhörte Gefilde abdriftet. Der Rock schießt wüst ins Kraut.

Form ist Freiheit. Struktur ist, was man aus dem Moment erschafft und dazu erklärt. Es lebe die akustische Anarchie. Das Trommelfell leidet Schwindel. Verwirrender Samplewust und orgiastische Soli, fingerverknotendes Gefrickel, schweißgebadete Trommelwirbel, Bixlers Stimmenpurzelbäume, Sirenengeheul, schwurbelnde Orgelkaskaden, furztrockene Freejazz-Bläser. Am konventionellsten kommt noch das beinahe gelassen schwingende "Concertina" daher, das Gedächtnis glaubt sich beinahe wieder auf der sicheren Seite, verliert seine Karten aber spätestens im exzessiven Gegniedel-Vabanque-Spiel "Haruspex" wieder, ehe es in der völlig orgiastischen, gigantomanischen Achterbahnfahrt von "Cicatriz" - schlappe vierzig Minuten, übrigens - wieder zwischen Halt und Hilflosigkeit umhergeworfen wird. Je nach Gemütslage ist das horizonterweiternd, enorm fesselnd und mitreißend oder aber völlig überfrachtete Existenzbedrohung für das Nervenkostüm. Völlig erschöpft sinkt das Gehör nach gut siebzig Minuten in sich zusammen. Anstrengend bis ins Mark, aber vermutlich ziemlich groß. Insofern: lange schlafen, die Anlage laut aufdrehen, Handtuch zum Schweißabtupfen bereitlegen, eintauchen. Und das Luftholen nicht vergessen.

(Ole Cordsen)

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Highlights

  • Take the veil cerpin taxt
  • Concertina
  • Cicatriz

Tracklist

  1. Abrasions mount the timpani
  2. Take the veil Cerpin Taxt [a)- Gust of mutts b) And ghosted pouts]
  3. Caviglia
  4. Concertina
  5. Haruspex
  6. Cicatriz [Part I - IV]

Gesamtspielzeit: 72:54 min.

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yanqui

Postings: 187

Registriert seit 13.07.2018

2018-07-25 20:29:58 Uhr
starke platte, die ich hinter frances und deloused direkt auf platz 3 in der diskographie einordnen würde. nochmal ein stück brachialer als ohnehin schon im studio. klanglich finde ich die aufnahmen auch mehr als okay.

The MACHINA of God

Postings: 10638

Registriert seit 07.06.2013

2018-07-25 18:08:26 Uhr
Ich würd ja noch lieber eines haben von der 08er Tour zu "Bedlam".
"Scab dates" ist wiklich ein sehr eigenartiges Ding, aber ich muss sagen, ich höre es doch recht gern und oft. Ich komm aber auch gut mit Zwischenspielereien zurecht. 7,3/10
Take a bath
2018-07-25 17:02:42 Uhr
Die Cassandra Parts rühren daher, dass der Song aus 2003-2004 live gespielten Cicatriz ESP Jam Parts zusammengebaut wurde.

Ich finde das grandiose 2005er Berlin Bootleg schlägt Scabdates als Live Album um Längen: https://youtu.be/iGwowRH95YY

Hoffentlich erscheint eines Tages ein Konzertfilm von der Tour. Gefilmt haben sie.

Huhn vom Hof

Postings: 831

Registriert seit 14.06.2013

2018-07-25 13:33:14 Uhr
Not very satisfying. SD ist ein sehr durchwachsenes Album. Der Sound lässt zu wünschen übrig, in der zweiten Hälfte bessert er sich aber ein wenig.
Im letzten Teil von "Cicatriz" kann man sich über einen Ausschnitt von "Cassandra Gemini" freuen.

5/10

Eine offizielle Live-DVD wäre was Feines.
6&7/10
2011-11-22 21:50:27 Uhr
ja, stimmt
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