The Wohlstandskinder - Zwischen Image und Gewohnheit

The Wohlstandskinder- Zwischen Image und Gewohnheit

Netmusiczone / Rough Trade
VÖ: 11.11.2005

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Abschied, Baby

Der gemeine Kinderüberraschungsfigurensammler achtet stets mit Argusaugen auf die Auswahl des zu erwerbenden Eies. Er gibt sich nicht dem schnöden Zufallsprinzip hin, um willkürlich in die im Verkaufsraum postierte Palette hineinzugreifen. Vielmehr fixiert er das favorisierte Ei, hebt es aus dem Brei des rotweißglänzenden Einerleis heraus. Vorsichtig raschelt er, lauscht, wiegt es in den Händen und nimmt seine Beute mit nach Hause. Dort verspeist er Schokolade und gibt sich dem Genuß der Vorfreude hin. Doch aufgrund eines Plastikfahrrads (mühevoll zusammengebaut), sagt er sich: "Beim nächsten Mal wird alles besser."

Der ein oder andere Leser von plattentests.de wird sich nun fragen: "Was soll denn diese Einleitung? Ich will was über die dahinscheidenden Wohlstandskinder lesen!" Und schon sind wir drin im Strudel der Interpretation. Denn der gemeine Konzertbesucher, der mit Bedacht und Überlegung entscheidet, welches Konzert er besucht, steht vor der gleichen Wahl wie unser ominöser Eierkäufer. Spiel, Spaß, Überraschung?

Zehn Jahre Wohlstandskinder. Aufgelöst. Letzte Tour. Und dann der Opener "Am Ende nichts". Da kann einem schon mal die zarteste Versuchung beim Mitsingen im Halse stecken bleiben. Wenn sie einem bei "Lass alles" in den Weiten der Speiseröhre dann allerdings tatsächlich stecken bleibt, ist wohl eine Fehlinformation über das Rückenmark geleitet worden. Zwar wird man das präpubertäre Gekreische von links und rechts schnell leid, doch immerhin kann man durch die Flucht zum Bierstand diesen Begleiterscheinungen aus dem Weg gehen. Während man lässig und erwachsen am Tresen steht, schwappt der Spaß plötzlich doch über. Man sieht sich in seinen jungen Jahren in selbigem Ringelpiez mit Anfassen vor dem geistigen Auge wieder. Man staunt und summt "Es gibt keine Balladen mehr" mit, denkt bei "Wie ein Stern" an all die makeupbekleisterten Tussis, die man noch bis zum Abi-Abschlußball jeden Tag ertragen mußte und beklatscht schließlich zufrieden "Grüß Bob Marley".

Die Erkenntnis, daß Honolulu Silvers Stimme live das Spektrum zwischen Chorknabe und Rampensau halten kann, umschmeichelt noch das Image des Schwiegersohns. Wer hätte das gedacht, nachdem der Vergleich in jeder Rezension der Wohlstandskinder nachzulesen war? Man muß natürlich kritisch anmerken, daß nicht nur die Künstlernamen vermuten lassen, daß die Beipackzettel der Kinderüberraschungen aufmerksam studiert wurden. Das Projekt, authentisch wie eine Keramikspielzeugfigur zu werden, scheiterte. Aber was soll's? Der Hit aller Nachwuchspunker "Der Staat ist nett" wird live wie eh und je zum Springmäuschen und auch das goldene "Las Vegas" reißt die Fäustchen nach oben. Zum Schluß gibt man dem King noch mal die Ehre und zitiert auf nette Weise "Can't help falling in love" Dann ist Schluß. Für immer. Schade.

(Christian Preußer)

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Highlights

  • Es gibt keine Balladen mehr
  • Jungen weinen nicht
  • Ein kleines Märchen
  • Der Staat ist nett
  • Wir sehn uns in Las Vegas wieder

Tracklist

  • CD 1
    1. Am Ende nichts
    2. Lass alles
    3. Groschenromantik
    4. Es gibt keine Balladen mehr
    5. 6 Milliarden und ich
    6. Wie ein Stern
    7. Rosa Radio
    8. Augen wie die
    9. Deine Nacht über Berlin
    10. 180 g Europa
    11. Jungen weinen nicht
    12. Das ist bloß der Sonnenstich
    13. Die Gedanken sind frei
    14. Ich will dich, ich krieg dich, du willst mich doch auch
    15. Sie betet nur
    16. Nur eine Lösung
    17. Lied eines Träumers
    18. Das Grau unserer Zeit
    19. Roter Luftballon
    20. Die Welt von Mitteleuropa aus
    21. Klischee
    22. Oasen im Ozean
    23. Ein Tor war es nicht
  • CD 2
    1. Lautstärke, Baby
    2. Du, ich und wir zwei
    3. Sommer ist
    4. Grüß Bob Marley
    5. Renn
    6. Einer von Millionen
    7. Reiß das Fenster auf
    8. Ein kleines Märchen
    9. Sonntagslied
    10. Die Masse von nebenan
    11. Dein Jesus
    12. Hätte er die Wahl
    13. Kein Radiosong
    14. Der Penthousebewohner
    15. Als du am Boden lagst
    16. Was Freiheit ist
    17. Das blaue Kleid
    18. Rock'n'Roll Opa
    19. Scheiß Scheiß
    20. Der Staat ist nett
    21. Satellitenbild
    22. Wir sehen uns in Las Vegas wieder
    23. Das Grab

Gesamtspielzeit: 151:50 min.

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