Tori Amos - B Of A Pavilion Boston MA 8 21 05

Tori Amos- B Of A Pavilion Boston MA 8 21 05

Epic / Sony BMG / Amazon
VÖ: 25.11.2005

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Eine Schachtel Pralinen

Sie hat ihr Versprechen also tatsächlich wahr gemacht. Und sich auf ihrer jüngsten Welttour nicht nur zwischen die Stühle, sondern auch zwischen die Instrumente gesetzt. Mit einer Pobacke notdürftig am Stuhl festgeklemmt und einem Fuß von sich gestreckt, saß Tori Amos zwischen Piano und Orgel. Gemütlich sah das nicht wirklich aus, dafür schallte es um so besser. Zwei Instrumente gleichzeitig zu spielen ist ja im Pop nichts Neues. Man kennt das von einem Dylan, der gleichzeitig die Gitarre bedient und nicht immer ganz unschief in seine Mundharmonika trötet. Von einem Helge Schneider, der gleichzeitig am Klavier klimpert und sich dabei an der Trompete begleitet. Und man kennt es auch von so manchem Keyboarder. Aber zwischen Piano und Orgel, mit der einen gestreckten Hand am einen und der anderen am anderen Instrument, sieht man Musiker höchst selten sitzen.

Von diesem kuriosen Anblick waren selbst die versöhnt, die der festen Überzeugung waren, eine Orgel habe in Tori Amos' Sound nichts zu suchen. Dochdoch, sie hat. Nachzuvollziehen anhand von "The beekeeper", anhand von 19 begeisternden Songs, die natürlich den Hauptanlaß gaben für jene Welttour im Jahr 2005. Aber Tori Amos wäre nicht Tori Amos, wenn sie sich aufs bloße Abnudeln neuer Songs beschränken würde. Ihre Shows in den Konzertsälen geraten immer zum kleinen Happening. Auch wenn sich ihr Verständnis dieses Begriffes deutlich von dem eines Till Lindemann unterscheidet. Man wußte vorher nur, daß es was Edles werden würde. Aber man wußte nie, was man kriegt. Wie beim ollen Forrest Gump und seiner Schachtel Dickmacher.

Und weil kein Tori-Amos-Gig dem vorherigen gleicht, werden sechs davon nun als offizielle, exklusiv über Amazon zum recht fairen Preis von 17 Euro vertriebene, Bootlegs veröffentlicht. Sechs Doppel-CDs mit Mitschnitten der Shows in Chicago, Denver, Los Angeles, London, Manchester und Boston in brillanter, höchst intim wirkender Soundqualität. Damit man mal einen kleinen Eindruck davon bekommt, was man denn anderswo verpaßt hat. Denn mehr als eine oder zwei Shows konnten sich bei diesen gesalzenen Ticketpreisen lediglich Millionäre leisten. Nun reißen sechs Doppel-CDs wahrlich auch ein ordentliches Loch ins Portemonnaie, selbst wenn man diese im verbilligten, kurz vor Weihnachten erscheinenden Komplettset kauft. Aber die Entscheidung für ein einziges fällt nicht leicht. Weil jedes für sich seine exklusiven Vorzüge hat. Wobei Fans ohnehin alle sechs Doppel-CDs brauchen. Und Nicht-Fans lieber mal mit Hilfe der Studioalben zu welchen werden sollten.

Mit "Originial sinsuality", das dem ersten Teil der Tour den Titel verlieh, beginnen die Shows alle. Es folgt eine wilde und ausgewogene Mischung aus allen Tori-Amos-Karrierejahren, die sogar des öfteren "Cool on the island" von ihrer düsteren Vergangenheit in den späten Achtzigern bei der Hardrock-Band Y Kant Tori Read mit einschließt. Am ausgewogensten ist wohl wie erwähnt das Boston-Bootleg, weswegen es an dieser Stelle auch exemplarisch für alle sechs rezensiert wird. Mit "Winter", "Pretty good year", "Caught a lite sneeze", "Playboy mommy", "1,000 oceans", "Amber waves" und "The beekeeper" ist von jedem der sieben Studioalben ein Highlight unter den 16 Songs vertreten. Auch wenn man - die Crux an der ganzen Sache - wiederum ein "Silent all these years", ein "Icicle", ein "Winter" oder ein "Hey Jupiter" nur auf anderen Bootlegs findet. "Cornflake girl" ist übrigens nirgends vertreten. Und wurde während der ganzen Tour nicht gespielt, wie sich anhand dieser minutiösen Auflistung einer Fanseite oder der Setlist-Datenbank nachvollziehen läßt. Aber das hat höchstens die Nur-Einen-Song-Kenner-Fraktion enttäuscht.

Jene wurden dafür von "Tori's Piano Bar" versöhnt, festem Bestandteil einer jeden Show. Die Bühne wird etwa gegen Mitte des Sets in passendes Ambiente gehüllt, Tori Amos plaudert traditionell mit einem verlegenen "Okay. So." drauflos und erzählt die Hintergründe der beiden folgenden Songs. Ob es sich um online geäußerte Wünsche handele oder die Songauswahl schlicht mit der aktuellen Stadt zu tun hat. "Tori's Piano Bar" umfaßt nämlich zwei Coverversionen, die Tori Amos teils eigens für jene Stadt einstudiert hat und von denen sich nur manche während der Tour wiederholen werden. Ein weiterer Grund, alle sechs Bootlegs zu kaufen.

So bekommt Los Angeles als "city of hair metal" neben "All through the night" (Cyndi Lauper) auch "Livin' on a prayer" (Bon Jovi) zu hören. In Chicago sind "Operator" (Jim Croce) und "The circle game" (Joni Mitchell) dran, in Denver "I ran" (A Flock Of Seagulls) und "Suzanne" (Leonard Cohen), in London "Father figure" (George Michael) und "Like a prayer" (Madonna). Manchester kriegt neben "My favorite things" (The Sound Of Music) mit "Don't look back in anger" natürlich einen wunderbar intonierten Oasis-Song geboten. Und jenes hier ausdrücklich empfohlene Boston-Bootleg glänzt mit "Total eclipse of the heart" (Bonnie Tyler) und "Angie" (The Rolling Stones) sowie später noch mit "Dream on" (Aerosmith) als Extra-Cover. Schade, daß es keine Tondokumente aller 54 Shows gibt. Oder wenigstens eine Compilation aller Live-Coverversionen von Tori Amos. Und ihre Interpretationen von "Purple rain" (Prince), "Personal Jesus" (Depeche Mode), "Karma police" (Radiohead), "Hyperballad" (Björk), "YMCA" (Village People), "Common people" (Pulp), "Mad world" (Tears For Fears), "Penny Lane" (The Beatles), "Piano man" (Billy Joel), "Candle in the wind" (Elton John), "Wrapped around your finger" (The Police) oder vor allem "Killing me softly" (Roberta Flack) der Phantasie überlassen bleiben. Aber die schlägt dank dieser Klänge eh längst Purzelbäume.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Original sinsuality
  • Caught a lite sneeze
  • Winter
  • Dream on
  • Pretty good year

Tracklist

  • CD 1
    1. Original sinsuality
    2. Caught a lite sneeze
    3. Amber waves
    4. Martha's foolish ginger
    5. Winter
    6. Pancake
    7. Cool on your island
    8. Total eclipse of the heart
    9. Angie
  • CD 2
    1. Barons of Suburbia
    2. Garlands
    3. Tear in your hand
    4. The beekeeper
    5. Dream on
    6. Pretty good year
    7. Playboy mommy
    8. 1,000 oceans

Gesamtspielzeit: 119:47 min.

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