Green Day - Bullet in a bible

Green Day- Bullet in a bible

Reprise / Warner
VÖ: 11.11.2005

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Jesus of Milton Keynes National Bowl

Als im Jahre 1096 ein Heer von Bauern und niedrigem Adel den Sternen folgte, um Palästina zu befreien, hatte man einige wenige, todesmutige Prediger im Gepäck. Man konnte sich darauf verlassen, daß Papst Urban II. vom heimigen Sessel aus beide Daumen zum Gelingen der blutigen Missionierung drückte. Der Startschuß für die Kreuzzüge war gefallen, die Würfel aber noch in vielerlei Händen verteilt. So kam es, daß nach dem ersten Zug der zweite folgte. Dann der dritte. Und der vierte. Im Laufe der Zeit versandete der Begriff "Kreuzzug" in den staubigen Seiten der Geschichtsbücher. Stattdessen nutzt man nun die Formulierung "Befreiung". Die Befreiung des Iraks zum Beispiel. Wer Befreier Nummer Eins ist, wissen wir. Hat man uns schließlich oft genug vorgebetet. Wir wissen aber auch, daß er ein Idiot ist. Von wem wir das wissen, wissen wir auch.

Billie Joe Armstrong (Berufung: Rockstar, Überzeugung: Pazifist) schrie es vor kurzem erst der Welt entgegen: "Don't wanna be an American idiot / (...) I'm not a part of a redneck agenda." Die grandiose Rockoper namens "American idiot" schwenkte den Hammer, polarisierte und platzte in die Plattenregale der hornbebrillten Philosophiestudenten, den skateboardenden Milchgesichtern und aktienkaufenden Bankern. Grund genug, um auf einen eigenen Kreuzzug zu gehen. Ladies and Gentlemen: die Green Day World Tour 2005.

Es ist schon ein gigantisches Feuerwerk, was die drei Kalifornier in London an zwei Tagen vor knapp 130.000 Leuten abfackeln lassen. So drückt zu Beginn des Konzertes wie auch zum Abschluß und selbstsprengend während jedes Liedes dazwischen auch der mitgereiste Feuerwehrmann auf ein Knöpfchen, auf daß es ein Rammsteinfestival des Feuerwerks wird. Das Publikum freut sich. Es ist begeistert, Ja, es reißt sogar frenetisch seine Arme in die Luft und versucht mit aller gegebenen Stimmgewalt den Wumms der Explosionen in Grund und Boden zu schreien. Unterdessen lassen sich Tré Cool, Mike Dirnt und Billie Joe feiern, als wären sie die goldenen Götter höchstpersönlich, bekleidet lediglich mit Gitarre, Baß, Schlagzeug und Kayal. Es ist die perfekt inszenierte Rockshow für die Oma, die ihrem Enkel zum Geburtstag eines der begehrten Tickets geschenkt hat, oder für den Kegelklub, der es zu seinem zehnjährigen Jubiläum mal ordentlich krachen lassen will. Ein All-inclusive-Paket für die ganze Familie. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und die Band spielt einen Hit nach dem anderen. Moment. Einen Hit nach dem anderen? War da nicht irgendwo eine Klausel versteckt? Ein Hintertürchen oder gar was Kleingedrucktes?

Wem nach der Botschaft eines Livealbums von Green Day schon der Speichel im trockenen Mund zusammengelaufen ist, weil er sich auf ein Manifest der postmodernen Punkrockgeschichte gefreut hat, wird wohl leider verdursten müssen. Was hier zum Besten gegeben wird, ist schlichtweg banal. Sind wir schon im Formatradio oder erst dorthin unterwegs? So richtig kurzlebig wird die Platte allerdings erst durch die Produktion. Die ist nämlich so glatt wie Phil Collins' Glatze. Poliert, gerundet und für keinerlei Überraschung gut. Wer jetzt ruft: "Glaub ich nicht" schaue sich die beiliegende, zusammen geschnittene DVD voller Bombast und Feuerwerk an. Er wird sicher zustimmen, daß dieser Kreuzzug eine Nummer zu groß ist. Diese Perfektion ödet. Man hält sich am besten an Urban II.: Man erfreut sich am Erfolg, bleibt aber in weiter Ferne.

(Christian Preußer)

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Highlights

  • Jesus of Suburbia
  • Longview
  • Brain stew

Tracklist

  1. American idiot
  2. Jesus of Suburbia
  3. Holiday
  4. Are we the waiting
  5. St. Jimmy
  6. Longview
  7. Hitchin' a ride
  8. Brain stew
  9. Basket case
  10. King for a day / Shout
  11. Wake me up when September ends
  12. Minority
  13. Boulevard of broken dreams
  14. Good riddance (Time of your life)

Gesamtspielzeit: 65:02 min.

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