Tocotronic - The best of Tocotronic

Tocotronic- The best of Tocotronic

L'Age D'Or / Rough Trade
VÖ: 18.11.2005

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Pure Unvernunft

Tocotronic? Klar, kennen wir. Eine wertig aufgemachte Box dieser Band, mit zwei Silberlingen, von denen einer mit Raritäten bestückt ist? Hm. Kennen wir auch. Schließlich wurde erst vorletztes Jahr mit "10th anniversary" das Jubiläum begangen. Und jetzt schon wieder sowas? Sollten sich die Antikapitalisten etwa niederen Beweggründen schuldig machen? Wir sind gnädig und interpretieren die Sache anders: Letztes Mal war's vor allem eine Kollektion der Musikvideos als kleine Geburtstagssause. Und für eine wahre "Best of"-Compilation fühlen die Hamburger nun erst 2005 die Zeit gekommen. Erst nach "Pure Vernunft darf niemals siegen" und der vollendeten Entwicklung von den gleichgültigen Schrammelrock-Außenseitern zu den allgemeingültigen Artrocker-Außenseitern kann der bemerkenswerte Weg auf kompletter Distanz nachgezeichnet werden. Wir verzeihen Tocotronic sogar, daß sie dank all ihrer Spezial-Outputs zu den meistrezensierten Bands auf Plattentests.de zählen. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Schließlich hat jeder einzelne der Releases mehr oder weniger eine Daseinsberechtigung. Die meisten eher mehr als weniger.

Für das Highlight-Feuerwerk des güldenen Digipaks qualifizierten sich vom jüngsten Studioalbum mit "Aber hier leben, nein danke", "Gegen den Strich" und "Pure Vernunft darf niemals siegen" in normaler und in Remix-Version zwar nur vier Songs. Und doch ist "The best of Tocotronic" die ungleich bessere Wahl als die "10th anniversary"-CD/DVD-Box. Weil die zwölf Lo-Fi-Videoclips der DVD damals zwar auch eine nette Sache waren, sich aber mit dieser Audio-CD dann doch nicht messen können. Zumal die Auswahl der sage und schreibe 22 Songs äußerst exquisit gelungen ist. Natürlich fehlt "Freiburg" ebensowenig wie "Digital ist besser", sind auch die neueren Hits wie "Let there be Rock" oder "Hi Freaks" einträchtig versammelt. Der Fokus liegt bei den Singleauskopplungen. Daher mag man "Morgen wird wie heute sein", "Es ist egal, aber", "Ich habe geträumt, ich wäre Pizza essen mit Mark E. Smith" oder die Abrechnung mit Michael Ende vermissen. Aber es ist halt eine "Best of" mit begrenzter Kapazität, und in den Schrank jedes anständigen Indierockers gehört ohnehin eher eine "Alles of".

Die Sammelwut jener Klientel wird mit der zweiten CD gestillt, die der Limited Edition beiliegt. Nochmal 21 Songs namens "Raritäten", die wohlgemerkt keinerlei Überschneidung zu den 23 selbigen von "10th anniversary" aufweisen. Kamen beim letzten Mal vornehmlich die B-Seiten zum Zuge, wurden nun die restlichen Reste zusammengekehrt. Wohlgemerkt alle bislang unveröffentlicht, mit fünf Ausnahmen: Die verheerend schlecht produzierten Versionen von "Meine Freundin und ihr Freund", "Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk", "Letztes Jahr im Sommer" und "Hamburg rockt" sind der raren Debüt-7"-EP von 1994 entnommen, "A human certainty (live)" dürfte auf der "Human beatbox Vol. 4"-Vinylscheibe auch schon in vereinzelten Regalen stehen.

Der Rest sind Demos bekannter Tracks wie "Let there be rock" oder "Näher zu Dir", Outtakes wie "Weiter" (weder verwandt noch verschwägert mit dem Toco-Sample aus "Immer weiter" von Egoexpress) und Livemitschnitte von 1994 bis 2005. Besonders ulkig: die Proberaum-Version von "Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit" von 1993 inklusive anfänglicher Diskussion: "Neenee, Du wirst nicht lauter." Schockierend genug, daß die sich in ihrer Schrottigkeit kaum von den nachfolgenden Studioalben unterscheidet. Aber dafür liebten wir sie ja lange genug. Und auch für das, was sie nach ihrer Abkehr vom Gleichgültigkeits-Rock so vollbracht haben. Die haarsträubende Unvollkommenheit so mancher hier als Rarität verkauften Momentaufnahme macht Tocotronic nur sympathischer. Kernstück ist hier ohnehin die erste CD. Mit 22 Zeugnissen, daß wir es hier mit einer der wichtigsten deutschen Rockbands der letzten zwölf Jahre zu tun haben. Mit 22 Lehrstücken für erfrischende Eigenwilligkeit. Und mit 22 Beweisen, daß Stillstand ein Fremdwort für Tocotronic ist. Man muß immer weiter durchbrechen.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Meine Freundin und ihr Freund
  • Digital ist besser
  • Die Welt kann mich nicht mehr verstehen
  • Sie wollen uns erzählen
  • Let there be rock
  • Jackpot
  • Pure Vernunft darf niemals siegen

Tracklist

  • CD 1
    1. Meine Freundin und ihr Freund
    2. Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein
    3. Freiburg
    4. Drüben auf dem Hügel
    5. Digital ist besser
    6. Du bist ganz schön bedient
    7. Die Welt kann mich nicht mehr verstehen
    8. So jung kommen wir nicht mehr zusammen
    9. Bitte gebt mir meinen Verstand zurück
    10. Sie wollen uns erzählen
    11. Dieses Jahr
    12. Ich bin viel zu lange mit Euch mitgegangen
    13. Let there be rock
    14. Jackpot
    15. Die Grenzen des guten Geschmacks 2
    16. This boy is Tocotronic
    17. Hi Freaks
    18. Free hospital
    19. Aber hier leben, nein danke
    20. Gegen den Strich
    21. Pure Vernunft darf niemals siegen
    22. Pure Vernunft darf niemals siegen (Lawrence Remix)
  • CD 2
    1. Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit (Proberaum, 1993)
    2. Meine Freundin und ihr Freund (7"-EP, 1994)
    3. Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk (7"-EP, 1994)
    4. Letztes Jahr im Sommer (7"-EP, 1994)
    5. Hamburg rockt (7"-EP, 1994)
    6. Jungs, hier kommt der Masterplan (Studio, 1994)
    7. Freiburg (Live, Hamburg 1994)
    8. Wir kommen um uns zu beschweren (Live, Bremen 1996)
    9. A human certainty (Live, Hamburg 1996)
    10. Gehen die Leute (Live , Hamburg 1997)
    11. Die letzte Adresse (Demo, 1998)
    12. Let there be rock (Demo, 1998)
    13. Weiter (1999)
    14. Das Geschenk (Live, Bizarre Festival 1999)
    15. Drüben auf dem Hügel (Live, Austin/Texas 2000)
    16. This boy is Tocotronic (Demo, 2001)
    17. Näher zu Dir (Demo, 2001)
    18. In höchsten Höhen (Demo, 2003)
    19. Ich habe Stimmen gehört (Live, Bremen 2005)
    20. Ich bin viel zu lange mit Euch mitgegangen (Live, Bremen 2005)
    21. Neues vom Trickser (Live, Bremen 2005)

Gesamtspielzeit: 157:10 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
JimCunningham
2007-04-06 21:25:03 Uhr
Ich liebe "Jackpot". in worten: P U N K T
flo
2006-01-29 13:19:39 Uhr
Ganz Indie-Deutschland kann sich auf diese Platte einigen und reibt sich verwundert die Augen, als bereits im Juli ein weiteres (Mini-)Album erscheint. Um das Stück "Michael Ende, Du Hast Mein Leben Zerstört" entwickelt sich eine skurile Geschichte: Die TAZ druckt den Text als Nachruf auf den im August '95 verstorbenen Schriftsteller. Daraufhin geht im Labelbüro ein mysteriöses Droh-Fax ein. Die Band beschließt, das Lied nie wieder zu spielen.

und ich habe mich immer gewundert wieso sie den song nie spielen und wieso er nicht auf der best-of oben ist
Armin
2006-01-26 20:10:35 Uhr
Tocotronic
http://www.tocotronic.de

Booking: POWERLINE | fax +49.(0)30.44358031 | info@powerline-agency.com | http://www.powerline-agency.com

2006-04-01 D Hamburg - Uebel & Gefährlich


Mixtape
2005-12-01 07:51:31 Uhr
Arnim, hast Du gut geschrieben! Einzig der Aspekt der Wortauswechselungen von Demos zu den Albumversionen fehlt mir persönlich, Fanta - Champagner usw., was ich sehr amüsant finde.
colinzeal
2005-11-30 20:13:12 Uhr
Wer sowas wie Digital ist Besser veröffentlicht, darf sich eh alles erlauben....

Nur Platz 51 in den Albencharts ist aber nicht grade der Knüller, oder ? Nicht, dass das etwas bedeuten würde.....aber ein richtiger Andrang auf die Best of kann's ja dann nicht gewesen sein
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