The Wrens - The Meadowlands

The Wrens- The Meadowlands

Absolutely Kosher / Lo-Max / BB*Island / Soulfood
VÖ: 25.11.2005

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Das Ende vom Ende

Dies ist das Album einer desillusionierten Band. Es besteht von Anfang an kein Zweifel daran. Vier Männer, Mitte 30 bis Anfang 40, haben es aufgenommen. Nach Feierabend und ein paar starken Kaffee, nachdem sie ihre Kinder ins Bett gebracht hatten. Sie klingt so unglaublich schwer, diese Platte, als sei es die Pest gewesen, sie zu machen. Müde, ausgelaugt, fertig mit der Welt. Sie ist das letzte bißchen Seele, das diese Band noch zu geben hatte. Ein aussichtsloser, unmöglicher, ein absolut großartiger Kraftakt. Nach sieben Jahren, die die Hölle waren. Was mit den Wrens passiert ist? Eine Geschichte des Geldes. Oder vielleicht eher: eine Geschichte, in der Geld keine Rolle spielt.

Es ging damit los, daß Alan Meltzer, ein respektabler, unerhört reicher Musiktycoon, sich buchstäblich in die/den Wrens verguckte. Es war 1996, und er wollte sie haben, koste es, was es wolle. Also kaufte Meltzer das Label der Band auf, bot ihr einen Millionen-Dollar-Vertrag an und verlangte im Gegenzug, sie fit machen zu dürfen für Radio, Charts und Superstardom. Die Chancen standen damals gar nicht schlecht. Gerade erst hatten die Wrens das übersprudelnd spritzige und schlagfertige "Secaucus", eine ausgesprochen leichte Platte, veröffentlicht. Man war jung, voller Hoffnung und strebte nach oben. Nur die eigene Seele, die hätte man halt doch gerne behalten. Also lehnten die Wrens ab. Und ihr Schicksal war erstmal besiegelt.

Man landete zunächst auf dem Abstellgleis, später auf der Straße. Handelte zwei neue Deals aus, die jeweils in letzter Sekunde platzten. Und gewöhnte sich nebenbei schon mal an Bürojobleben und Steuererklärungen. Daß die Wrens trotzdem nie zum Abschluß kamen mit ihrer Musik, weiterhin Songs schrieben, obwohl es immer schwerer fiel und frustrierender wurde, sollte sich erst 2003 bezahlt machen. Ein Album war fertig, ein Album von seltsam kraftstrotzender Bitterkeit und unwirklich antriebsstarker Resignation, mit dem die Band nicht wiederzuerkennen war. Sie klang wie vier tote Menschen und war doch seit sieben Jahren nicht mehr so lebendig gewesen. Das US-Label Absolutely Kosher griff zu. "The Meadowlands" wurde die Indie-Platte des Jahres.

Daß nochmal zwei Jahre vergingen, bis es das Album schließlich nach Europa schaffte - eine Randnotiz in seiner einmaligen Entstehungsgeschichte. Gerahmt wird es nun jedenfalls von zwei neunzigsekündigen Liedern, die klingen, wie nie ganz fertig geworden. Sie zerbrechen nach der Hälfte, sortieren sich neu und zeigen die Richtung auf für alles, was zwischen ihnen passiert: "Per second second" mit der dreckigsten Verzerrer-Gitarre, die gerade noch in einen Song von Neutral Milk Hotel passen würde. "Everyone chooses side", das als potentieller Carefree-Hit des Albums ziemlich abrupt vor einer Betonwand endet. Und "13 months in six minutes", aus dessen Trostlosigkeit beinahe unbemerkt ein zweiter Song herauswächst. Es geht ihm natürlich auch nicht besser.

Dabei gibt es auch Stücke auf "The Meadowlands", die sehr viel besser als das zerfressene "Boys, you won't" verstecken, durch welchen Mist die Wrens da gegangen sind. "Hopeless" mit seinen quirligen Gitarren und himmelschreienden Refrains könnte man etwa für einen fröhlichen Zwischenruf halten, würde es nicht diese verlorene Beziehungsgeschichte vor sich hertragen. Und "This boy is exhausted" tarnt sich als nostalgischer 60s-Pop-Bengel, obwohl es doch eigentlich der große, unmißverständliche Abrechnungssong des Albums ist. "Every win on this record's hard won." Es ist wirklich nichts Versöhnliches in dieser Musik. Keine Genugtuung. Es muß viel zu zermürbend gewesen sein, sie zu machen.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • She sends kisses
  • This boy is exhausted
  • Hopeless
  • Boys, you won't
  • Everyone chooses sides

Tracklist

  1. The house that guilt built
  2. Happy
  3. She sends kisses
  4. This boy is exhausted
  5. Hopeless
  6. Faster gun
  7. Thirteen grand
  8. Boys, you won't
  9. Ex-girl collection
  10. Per second second
  11. Everyone chooses sides
  12. 13 months in six minutes
  13. This is not what you had planned

Gesamtspielzeit: 56:10 min.

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User Beitrag

7th Seeker

Postings: 73

Registriert seit 13.06.2013

2018-09-02 19:57:19 Uhr
So gut, dass ich es teilen muss: Die Wrens spielen in einem Wohnzimmer mit drei Gitarren und einer Packung Corn-Flakes "Everyone Choose Sides":

https://www.youtube.com/watch?v=unzN5oLwZdw

Fight Club 1968
2018-01-15 21:41:26 Uhr
Dieses Album ist ein einziger Killer
PUNKT

Und live sind die Jungs zum Niederknien...

Rabe
2013-05-18 16:48:37 Uhr
Aber irgendwie sind die doch süß oder? ich mein auch wenn die ihre instrumente nicht beherrschen, aber irgendwie haut die mucke doch rein oder nicht? ich mein die melodien sind teilweiso´schon klasse auch wenn nicht jeder Song der Killer ist. meistens sind auf den alben auch ein paar füller dabei, aber das macht nichts, solange die tinte nicht aufgefüllt wird. ich mein, es gibt schlechtere bands, damit wir uns nicht falsch verstehen.
modest house
2013-05-18 15:34:42 Uhr
'Live waren die ja echt saugut' schreibt oben ein Kollege. Ich frag mich hingegen ob sie partout nicht perfekter sein wollten oder ob sies nicht konnten. Das anarchische hat ja was für sich aber haben sie das wirklich als Programm? Weil ich grad die Nations gehört hab, eine Gegenband sozusagen, da wird jedes Instrument, jeder Ton bewusst gesetzt.
Kurzum, ich finde die Wrens haben zuwenig aus ihrem Talent gemacht.
solea
2013-04-27 01:03:37 Uhr
WANN?
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