Geschmeido - Same same

Geschmeido- Same same

Community / Virgin
VÖ: 13.11.2000

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Sie wollen uns erzählen

Auch wenn der Begriff anno 2000 schon arg ausgelutscht ist: Wenn es um anspruchsvolle Popmusik mit deutschen Texten geht, fällt als erstes Stichwort immer noch "Hamburger Schule". Leider hat die hanseatischen Pennäler nach einigen kreativen Jahren mittlerweile eine gewisse Lethargie befallen. Während Blumfeld tausend Tränen (tief) vergießen fragen Die Sterne verlegen "Wo ist hier", und Tocotronic ergehen sich derweil in langatmigen Variationen, die außer der Band eigentlich keiner so richtig K.O.O.K findet. Die restlichen Hamburger Musiker haben sich anscheinend selbst aus der Schule geschmissen und eifern damit ihren mehr oder weniger originellen Klonen nach. Nur in Bayern scheinen ein paar Sportfreunde mit gar nicht stiller Musik für ein bißchen Hoffnung am düsteren Horizont des deutschen Schrammel-Pop zu sorgen. Weil ein Schüler aber noch keine ganze Klasse ausmacht, wird's dringend Zeit für frischen Wind. Während die Berliner Surrogat selbigen mit rohem Gitarrenlärm herbeizaubern wollen, verfolgen Geschmeido aus Freiburg ein ganz anderes musikalisches Konzept. Anstatt wie die Kollegen aus der Hauptstadt ein knallhartes "Rock" in die Welt herauszubrüllen, flüstern die vier geschmeidigen Herren lieber ein fragiles "Pop" in die Gehörgänge und setzen sich damit nicht nur zwischen, sondern über sämtliche Stühle hinweg.

Das Wort "Pop" eignet sich bei den Freiburgern sowohl für die musikalische als auch für die bandhistorische Beschreibung. Geschmeido sind so die Light-Version von Liquido und hatten genau wie die narcotischen Heidelberger das Glück, aufgrund eines Beitrags zum Visions-Sampler vom Fleck weg von Virgin unter Vertrag genommen zu werden. Nach dem überzeugenden Erstling "Zwischen den Mahlzeiten" liegt ein Jahr später nun der Nachfolger "Same same" auf dem Tisch. Wer jetzt denkt, das Quartett hätte plötzlich einen Sprachkurs in Englisch absolviert irrt sich aber gewaltig. Nach wie vor erzählen Geschmeido ihre kryptisch verpackten Geschichten in lupenreinem Hochdeutsch. Lupenrein ist auch die luftige Produktion des Albums, die viel Platz für Intrumentalspielereien und textliche Interpretationen läßt. Noch mehr als beim kantigen Debüt umschmeicheln die Gitarren zärtlich die Ohren, Keyboard und Saxophon gesellen sich verschämt dazu und sogar eine Triangel findet den Weg in die opulent arrangierten Tracks. Zusammen mit dem leicht entrückt wirkendem Gesang fliegen Nummern wie "Hände weg von Dir" oder "Nur ein Wort" geradezu federleicht durch den Pophimmel. Soweit also alles wunderbar - sollte man meinen. Wer hoch fliegt, kann aber auch tief fallen. Im Falle von Geschmeido bewahrheitet sich dieser Spruch leider und "Same same" stürzt unversehens ins Bodenlose ab.

Das liegt vor allem daran, daß die Jungs in ihrem Übereifer, den perfekten Song zu kreieren, eine der wichtigsten Grundlagen der Popmusik vergessen: die Eingängigkeit. Trotz aller schönen Meldodien fliegen die Tracks einem kurzen Windhauch gleich so schnell aus den Ohren, wie sie reingekommen sind. Es fehlen die Ecken und Kanten, die einen Song unvergeßlich machten. Harmonie und Homogenität in aller Ehren, im Übermaß ist dieses Konzept aber zum Scheitern verurteilt. Außer "Knochen allein" und "Hände weg von dir" verdient keine Nummer auf dem Album das Prädikat Ohrwurm. Dazu kommt noch, daß die vier Jungs allem lyrischen Anspruch, den sie vorgeben, zum Trotz, bei näherer Betrachtung keineswegs die tiefgehende Schiene fahren, sondern vielmehr kleine Nichtigkeiten in eindeutig zu große Worte fassen. Verschachtelte Sätze und Neologismen sind noch lange kein Maßstab für anspruchsvolle Texte, vor allem wenn sich dahinter doch nichts anderes als die üblichen Jammergeschichten und Miseren mit der Ex verstecken. An sich wäre das nicht so schlimm, wenn die musikalische Umrahmung dafür überzeugend genug wäre. Das aber ist sie trotz aller Ambitioniertheit nicht. Umso trauriger, da Geschmeido im Grunde genau wissen, wie ein guter Popsong funktioniert. So ist "Same same" leider eine recht ungeschmeidige Geschichte, deren lyrischer Inhalt und musikalische Verpackung nicht dem verheißungsvollen Erzähltitel gerecht wird.

(Christof Nikolai)

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Highlights

  • Hände weg von dir
  • Knochen allein

Tracklist

  1. Das Geld singt unsere Lieder
  2. Hände weg von dir
  3. Rivella
  4. Knochen allein
  5. Peinlichkeiten
  6. Nachts um 2
  7. La Propulsion
  8. Nur ein Wort
  9. Ich an deiner Stelle
  10. Windows
  11. Billy Jean

Gesamtspielzeit: 58:18 min.

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