Kate Bush - Aerial

Kate Bush- Aerial

Capitol / EMI
VÖ: 04.11.2005

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Mutter Natur

Zwölf Jahre. Mantraartig ist überall die Rede von dieser Zeitspanne. Ja, so lange ist es her, daß Kate Bush mit "The red shoes" ihr letztes Album veröffentlicht hat. Man wußte nicht, ob überhaupt noch eines folgen sollte oder sie sich nicht einfach längst zur Ruhe gesetzt hat. Selbst als sich die Gerüchte langsam mehrten und zu jenem Gesamtbild zusammensetzten, daß eben tatsächlich mit einem neuen Output zu rechnen sein könnte, war noch nichts sicher. Nicht mal Kate Bush sich selbst. Sie wußte nicht so genau, ob sie das Album vorm Sankt Nimmerleinstag fertig bekommen würde. Das Dasein der Kate Bush mag kein einfaches sein: Ehe sie sich versieht, ist das Kalenderblatt umgedreht, ändert sich die Jahreszahl für diese Frau in gefühlten Sekunden.

Zwölf Jahre. Bis heute. Bis "Aerial" tatsächlich hör- und greifbar ist. Und das große Mysterium, das im Vorfeld darum aufgebaut wurde, darf hier nicht als Marketinggag gewertet werden, sondern rührt vielmehr sicher von der natürlichen Eigenwilligkeit dieser Kate Bush her. Ganzen zwei Interviewern hat sie sich anläßlich von "Aerial" gestellt, der Rest bekommt sie höchstens durch einen Schutzwall namens Telefonhörer zu sprechen. Auch aktuelle Fotos kursierten zunächst kaum. Vielleicht auch mit gutem Grund. Denn was die Farben da malen, ist weit weg von der Verlockung, die ihre Musik ausmachen sollte. Kate Bush sieht immer noch höchst sympathisch aus, aber kaum noch entrückt, eher wie eine normale Dame Ende vierzig, wie die an der Fleischtheke im Supermarkt oder die Hausfrau von nebenan. Und doch steckt viel mehr hinter dieser Fassade.

"Aerial" ist ein Doppelalbum geworden. Als ob nach allen Beschwerlichkeiten doch der Knoten geplatzt ist und sie sich nicht beschränken konnte. Denn es sind eigentlich sogar zwei Alben für sich. "A sea of honey" heißt das erste, "A sky of honey" das zweite. Titel, in die man viel hineininterpretieren kann, die letztlich nicht besser passen könnten. Die erste CD ist durchsetzt von zarter Elektronik, die eher fließt als blubbert, die Tiefe aufbaut. Das meiste passiert unter der Oberfläche, verlangt nach einem Kopfhörer. Unverkennbar, daß Kate Bush eine Perfektionistin ist und keineswegs elfeindreiviertel Jahre Däumchen gedreht hat, um dann schnell das Album einzuspielen. Oft ist dieser "sea of honey" auch undurchschaubar, man muß aufpassen, nicht unter Wasser gedrückt zu werden. Es ist ein "Mer de noms", denn die meisten Songs sind einzelnen Personen gewidmet. Die epische, wohl bereits 1996 verfaßte Vorabsingle "King of the mountain" zollt Elvis Presley Tribut, mit "Joanni" ist "Jeanne d'Arc" gemeint, und mit dem theatralisch folkigen "Bertie" widmet sich Kate Bushs ihrem Sohnemann. Bei "Mrs. Bartoluzzi" besteht der Refrain nur aus einem langgezogenen "Washing machiiiiiiiine". Lachen will man darüber trotzdem nicht. Denn mit "Aerial" ist alles, bloß nicht zu spaßen.

Dazwischen das sechsminütige "π", das Synthetisches gleichberechtigt neben eine Akustikgitarre und Bushs unverfälschte Stimme stellt. Das damit ähnlich weitläufig scheint wie das berühmte Pi und lange nicht nach der dritten Nachkommastelle abbricht. Die blanken Instrumente von "How to be invisible" könnten auch vom letzten Depeche-Mode-Album stammen. Es ist das zielstrebigste Stück von "Aerial", der einzige Song, der für eine Single prädestiniert ist und gerade deswegen wenig repräsentativ. Den ersten Teil schließt dann "A coral room" ab. Kate Bush und ihr Piano. Unplugged, nackt, intim. Wie eine schleichende Befreiung. Oder wie eine Belohnung. Die sagen will: Du hast die Prüfung bestanden, "A sea of honey" schätzen gelernt. Du bist "A sky of honey" würdig. Viel Spaß beim wahren Honigschlecken!

Denn der zweite Teil von "Aerial" ist eindeutig der faszinierendere. Nicht zuletzt aufgrund dieser Gastsänger. Die sind nicht etwa Stars, sondern Stare. Immer wieder werden die Klänge von Vogelstimmen untermalt, die dem ganzen einen Rahmen geben, den Aufbau von "A sky of honey" unterstützen. Zwar besteht diese zweite CD aus neun einzelnen Stücken, die nicht ineinander übergehen, doch sind diese, vom "Prelude" über den "Prologue" bis hin zum finalen "Aerial", unverkennbar miteinander verknüpft. "A sky of honey" widmet sich konzeptionell der Schöpfung, und tatsächlich fühlte man sich der unverfälschten Natur so nah wie in diesen 42 Minuten Musik. Nicht da draußen und schon gar nicht hier, im stillen Kämmerlein. Anders als die erste CD, die vor persönlichen Hommagen wimmelt ist, spricht "The sky of honey" jeden an. Es spannt einen Bogen wie einst "Spirit of Eden" von Talk Talk und ist dieses hehren Vergleichs vollkommen würdig. Im bezaubernden "Prelude" nimmt einen diese Kinderstimme an die Hand und läßt einen die Augen schließen, in "An architect's dream" oder "The painter's link" redet einem immer wieder ein Mann ins Gewissen - doch es ist vor allem Kate Bush, die Regie führt. Die mehr eine Stimmung aufbaut als Melodien, eine stete Kontinuität statt einzelner Songs. Mit dem opulenten "Sunset", dem umherschweifenden "Somewhere in between" oder dem überwältigenden Schlußakkord aus "Nocturn" und "Aerial", das mit überraschendem Gelächter und ausreißenden Gitarren alle Register zieht. Dann zwitschern wieder Vögel, leiser und leiser.

"Kate ist halt wie Oregano, am Anfang schmeckt man gar nichts, aber dann...", beschrieb unlängst ein Fan in einem Internetforum den Reiz dieser Frau so eigenwillig wie treffend. Mag sein, daß "Aerial" nicht jedermanns Sache ist, daß es im ersten Teil gewisse Längen hat und nicht ganz so stringent ist wie beispielsweise "Hounds of love". Doch es ist ähnlich eigentümtlich. "Aerial" hat nicht nur ein einzigartiges Bouquet, es ist beinahe eine eigene Musikrichtung. Ja, es ist das Oregano zwischen all dem öden Salz und Pfeffer, zwischen langweiligen Gewürzmischungen, zwischen ordinärem Curry, dessen penetranter Geruch die Sinne betäubt. Vor allem diese Individualität macht "Aerial" aus. Ein Leben braucht diese besonderen Noten.

(Armin Linder)

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Highlights

  • How to be invisible
  • A coral room
  • Sunset
  • Nocturn
  • Aerial

Tracklist

  • CD 1
    1. King of the mountain
    2. π
    3. Bertie
    4. Mrs. Bartolozzi
    5. How to be invisible
    6. Joanni
    7. A coral room
  • CD 2
    1. Prelude
    2. Prologue
    3. An architect's dream
    4. The painter's link
    5. Sunset
    6. Aerial tal
    7. Somewhere in between
    8. Nocturn
    9. Aerial

Gesamtspielzeit: 79:52 min.

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User Beitrag
wer
2016-09-29 19:48:49 Uhr
eigentlich ihr bestes Album, aber gut..
Och nee!
2014-09-25 23:50:56 Uhr
Was habe ich Kates frühe Scheiben geliebt, selbst die völlig durchgeknallte "The Dreaming"... "The Red Shoes" war dann höchstens noch Mittelmaß, und mit "Aerial" konnte ich gar nichts mehr anfangen. Habe die, aus aktuellem Anlass, nach Jahren mal wieder herausgekramt und finde die immer noch absolut furchtbar. Bis auf die Single unhörbar. Peinlich. Langweilig. Und auch noch schlecht gesungen ("Washing Machiiiiiiiiiiiiiine!").
Ich muss jetzt sofort richtige Musik hören: "The Man with the Child in his Eyes", "Kite", "Room for a Life", "In Search of Peter Pan", "Hammer Horror", "Violin", "Sat in your Lap", "The Morning Fog", "The Sensual World" u.s.w. Verschont mich mit dem Rest!
icke
2011-01-02 20:36:58 Uhr
holt euch dieses grandiose Werk
dreamtime
2009-06-24 13:38:01 Uhr
irgendwie schräg, dass das album im herbst schon 4 jahre auf dem buckel hat...
sicher eines der meistgehörtesten alben überhaupt meinerseits, hat kein fünkchen an schönheit verloren... kate kann halt nix falsch machen :)

aber fürs nächste album bitte nicht wieder 12 jahre brauchen!!!
Florian
2009-06-24 02:20:33 Uhr
Nix Neues bekannt. Ich hoffe auf ein musikalisches Lebenszeichen in spätestens ein oder zwei Jahren - ob das realistisch ist, weiss ich allerdings auch nicht. Und btw: "Ariel" ist großartig, auch heute noch.
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