The Fiery Furnaces - Rehearsing my choir

The Fiery Furnaces- Rehearsing my choir

Rough Trade / Sanctuary / Rough Trade
VÖ: 28.10.2005

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Indie Lloyd Webber

Seit beinahe 14 Monaten, seit das zweite Album der Fiery Furnaces in Deutschland erschienen ist, vergeht kein Tag, an dem man sich von "Blueberry boat" und den Geschwistern Friedberger nicht irgendwelche musikalischen Kreuzworträtsel aufgeben lassen könnte. Man muß sich das Hirn zermatern wegen dieser Platte, sie hält einen im Polizeigriff, schafft es aber doch immer wieder, zu motivieren, anzuspornen und herauszufordern. Sie ist ein Suchtmittel mit Nebenwirkungen, die noch nicht abzusehen sind. Sie ist die ultimative Zeitverschwendung. Und das Beste: Sie ist nur für Leute, die wirklich verrückt sind nach Musik. Man muß einfach einen an der Waffel haben, um sich durch siebenteilige, neunminütige Lieder zu kämpfen, die widersinnige Piratengeschichten erzählen und Gitarrensoli in Grünschnitthäcksler stecken. Sonst hat das überhaupt keinen Sinn.

Klopfen wir uns aber nicht allzu sehr auf die Schulter. Jetzt mit dem neuen Album - die eingeschobene EP "EP" war ja eher lockeres Auslaufen im zentralen Nervensystem - brechen selbst für die Eingeweihten harte Zeiten an. "Rehearsing my choir" ist so was wie ein Musical - zu dem es allerdings keine Bühnenfassung gibt. Die Geschichte von Olga Sanatos, der Großmutter der Friedbergers. Ein ganzes Leben, erzählt in elf exemplarischen Episoden. Bandboß Matthew gibt wieder den musikalischen Direktor, Eleanor berichtet aus der Jugend ihrer Oma. Und Mrs. Sanatos selbst kommentiert aus dem Off, meist im mürrischen Knödelton einer damenbärtigen, immerzu beleidigten Version von Frau Holle. Man könnte fast meinen, sie hielte das Ganze selbst für keine besonders gute Idee.

Waren es auf "Blueberry boat" noch die verworrenen Geschichten der Friedbergers, die sich eine Fährte durch ihre entgleiste Irrgartenmusik schlagen mußten, kommt man diesmal aus der anderen Richtung und wird von den scheinbar willkürlich zu Songs verknüpften Melodien und Geräuschen gezwungen, auf die Texte zu hören. Nicht zuletzt weil zwischen Dichtung und Wahrheit ein reger Grenzschmuggel besteht, erinnert "Rehearsing my choir" in seiner Konzeption an Tim Burtons letzten meisterhaften Film "Big fish". Der entscheidende Unterschied ist aber, daß dieser weit weniger anstrengend war. Gerade weil Matthew nicht mehr so offensiv orgelt, kaum Gitarrengenudel auftischt und ganz im Dienst der Geschichte spielt, ist diese Platte eine der größten Herausforderungen, die der Indie-Rock in diesem Jahr hervorgebracht hat. Popcorn-Kino geht anders.

Dabei kann "Rehearsing my choir" schrecklich witzig sein, etwa wenn Sanatos mit strengem Blick auf ihre ersten Rendezvous zurückschaut. Es pflegt natürlich auch enge Beziehungen zum Absurden, beispielsweise in "Guns under the counter", das die Wunden seiner schußverletzten Opfer mit zuckrigen Füllungen aus Dr. Peter Pain's Donut Facotry verarztet. Vor allem ist es aber die ergreifend erzählte Geschichte einer 83jährigen Frau, die einen letzten Blick über ihre eigene Schulter wagt. Sie zieht ein unfrisiertes, mitunter beklemmend bitteres Resümee. Und bleibt selbst am Tag ihrer Trauung skeptisch. "I was dancing on air ... but not very far off the ground."

Für die Friedbergers bleibt dabei vor allem, sich zurückzunehmen. Zwischen Jahrmarkt-, Film-Noir- und Thrillermusik findet Matthew immer wieder erstaunlich subtile Verkleidungen für die Erlebnisse seiner Großmutter. Die Auftritte ihrer Feinde malt er mit großem Getöse und dröhnenden Alarmsirenen aus. Wenn die Story anzieht, beschleunigt auch der Puls der Musik, sie wird rasanter und hektischer. Auf Anflügen von Verspieltheit hat man trotzdem sofort den Daumen drauf. Austoben können sich die Fiery Furnaces schließlich mit "Bitter tea" wieder, dem nächsten Album, das bereits für Anfang 2006 angesagt wurde. Bis dahin bleiben elf neue, kaum zu knackende Kopfnüsse. Musik eben für Leute, die nichts Besseres zu tun haben. Musik für Leute wie Dich und mich.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • A candymaker's knife in my handbag
  • Guns under the counter
  • Seven silver curses
  • Slavin' away

Tracklist

  1. The Garfield el
  2. The wayward granddaughter
  3. A candymaker's knife in my handbag
  4. We wrote letters every day
  5. Forty-eight twenty-three twenty-second street
  6. Guns under the counter
  7. Seven silver curses
  8. Though let's be fair
  9. Slavin' away
  10. Rehearsing my choir
  11. Does it remind you of when?

Gesamtspielzeit: 58:41 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Dän
2005-10-27 16:01:03 Uhr
Wenn das wahre Worte sind, bin ich gerne ein Lügner. Für mich eine der besten Platten des Jahres, ganz einfach.
Paul Paul
2005-10-27 15:48:17 Uhr
Das einzige, was wahre Worte spricht ist Metacritic. Und die können froh sein, gäbe es Tiny Mix Tapes nicht, wäre es wohl der schlechteste Schnitt des Jahres.
Uh huh him
2005-10-27 15:26:00 Uhr
Tiny Mix Tapes geht steil:

http://www.tinymixtapes.com/musicreviews/f/fiery_furnaces.htm

sieht ein bisschen nach einer rosaroten Brille aus.
Paul Paul
2005-10-24 20:43:45 Uhr
Nee, aber ich teile die Meinung in etwa:

Die Rezi mit 4.0
feLix
2005-10-24 19:21:09 Uhr
@Paul Paul: Bist du der Autor der Pitchfork-Rezi? ;-)
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