Propagandhi - Potemkin city limits

Propagandhi- Potemkin city limits

Fat Wreck / SPV
VÖ: 14.10.2005

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Paroli

Melodycore mit politischen Texten. Ein Genre, das über die Jahre ähnlich eng geworden ist wie das Che-Shirt aus der Jugend. All die Anti-Flags, NOFXs und Bad Religions musizieren munter am Mainstream vorbei, stellen die alten Fans zufrieden, mobilisieren aber kaum neue. Und wer heute jung ist, politisch interessiert und die Eltern erschrecken möchte, der läßt inzwischen eher mit HipHop die Kinderzimmerwände wackeln. Sie würden es zwar nie zugeben, aber: Die alten Recken sind ein wenig müde geworden. Wer will es ihnen verdenken? Ist doch alles hoffnungslos. Schaut doch einfach mal rüber ins weiße Haus, runter in den Irak oder am besten von obendrauf auf die Weltkugel. Und markiert die Stellen, wo alles ist, wie es sein soll.

Man würde das Thema fast schon abhaken, die Welt als schlecht hinnehmen und zumindest denken, daß mit dem Hoffnungsträger E-Gitarre nicht mehr zu rechnen ist. "American idiot" ist schließlich auch schon wieder über ein Jahr her. Und wer würde sich jetzt noch, nach all dem, was schon gehört, gesagt und gedroschen wurde, ernsthaft zutrauen, dem Thema "Weltverbesserungsmessages mit schnellen Gitarren" etwas Neues hinzuzufügen? Kaum haben wir die Frage ausgesprochen, kommt auch schon eine altbekannte Band daher und drischt uns ihr neues Album um die Ohren. "Hier, nimm! Und verstumme!" Die Lösung ist eine ganz andere: Man muß etwas nicht immer neu, anders oder gar innovativ machen, um sich Gehör zu verschaffen. Sondern einfach nur: besser. Mit Herz und Hirn. Mit Wut und Wucht. Mit Druck und Dringlichkeit.

Ausgerechnet Propagandhi lassen uns diese unerwartete Überraschung zuteil werden, zeigen uns, wie's geht. Jene Band, der oft genug der Ruf vorauseilt, übers Ziel hinauszuschießen. Die mit John K. Samson ihren vermeintlich besten Mann an die Weakerthans verloren haben soll. Die laut offizieller Verlautbarung durch den Weggang von Chris Hannah einen weiteren Besetzungswechsel zu beklagen hat (wenngleich sich das ganze als gezielte Verwirrungstaktik entpuppt und sich der Mann nur einen neuen Namen verpaßt hat). Und die nicht nur auf "Today's empires, tomorrow's ashes" lieber mal vier historische Zitate, drei verschlüsselte Textpassagen und zwei Knüppel zuviel auf ihre Platten gepackt hat als auch nur eine allzu eingängige Melodie, die selbst Nickelback-Hörer ansprechen könnte. Vergessen! Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen. Und so haben Propagandhi knapp 20 Jahre nach ihrer Gründung ihren Sound nachjustiert. Der Zweck heiligt die Mittel. Und daß sie heute mehr denn je mit der Gesamtsituation unzufrieden sind, daran lassen sie nicht den kleinsten Zweifel.

Eine catchy Hookline gibt es prototypisch im Opener "A speculative fiction", aber auch im heiseren, jedoch vorsichtigen "Bringer of greater things". In "Life at disconnect" legen Propagandhi noch ein paar Soli drauf. "Name and address witheld" stimmt gar Singalong-Chöre an, ist viel mehr Millencolin als Dead Kennedys. Starken Tobak serviert zumindest noch der Einminüter "Impending halfhead" - und jede einzelne Songzeile. Natürlich sind da deutliche Worte dabei, aber meistens äußern Propagandhi ihre Kritik, statt polemisch zu werden, eher dezidiert und detailliert. Deshalb ersparen wir uns an dieser Stelle auch das Zitieren, die Lyrics funktionieren vor allem in der Einheit eines Songs, wie in jenem eindringlichen Bildersturm "Name and address witheld". Ohne Rücksicht auf Verluste setzen Propagandhi den Bösewichten die Parole auf die Brust. Und drücken ab.

Und wenn ihnen mal nichts eigenes einfällt oder es an Abwechslung zu mangeln droht, plündern sie mal wieder die Schallarchive. "Die Jugend marschiert" beginnt mit historischem Hitlerjugend-Singsang, verzichtet aber darauf, uns die deutsche Geschichte vorzuwerfen. Und spannt stattdessen den Bogen zum Propaganda-Computerspiel der US-Army (nachzuvollziehen auf http://www.americasarmy.ca/, wo das MP3 und die Lyrics bereitgestellt sind). Und im finalen "Iteration" wird George W. Bush die Kaspermütze aufgesetzt, mutiert er dank zwischengeschalteter Sitcom-Lacher zum Comedian, bei dem einem aber spätestens das Lachen vergeht, wenn ihm Propagandhi die Meinung geigen. Natürlich wird das dem Pentagon reichlich egal sein, werden die Kanadier kaum eine ähnliche Breitenwirkung erzielen wie Green Day. "Potemkin city limits" ist in allererster Linie ein Album für alle Genre-Freunde, die zu den Klängen nach Herzenslust ihre Sojabohnen grillen können. Propagandhi werden die Missionierten missionieren, die Bekehrten bekehren. Aber man kann ihnen kaum unterstellen, nicht alles versucht zu haben.

(Armin Linder)

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Highlights

  • A speculative fiction
  • Fixed frequencies
  • Bringer of great things
  • Die Jugend marschiert
  • Name and adress witheld

Tracklist

  1. A speculative fiction
  2. Fixed frequencies
  3. Fedallah's hearse
  4. Cut into the Earth
  5. Bringer of greater things
  6. Die Jugend marschiert
  7. Rock for sustainable capitalism
  8. Impending halfhead
  9. Life at disconnect
  10. Name and adress witheld
  11. Superbowl patriot XXXVI
  12. Iteration

Gesamtspielzeit: 41:27 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
sense
2011-05-24 00:08:11 Uhr
hal o

meine menschenrechtslage in brd ist scheisse

du kannst gut ein gespräch damit beginnen

verdammt nocjheinmal, wir sin hier in deutschland

das land hat ne geschichte seit19xxxx

die menschheit hat sich eine zuckung weit geändert:
remember the white rose of
Raul
2007-08-14 18:00:44 Uhr
Remember, you
eric
2006-12-27 19:18:18 Uhr
Lustig auch, dass sie die durchschnittliche Länge der Songs um cirka 2 Minuten erhöht haben auf dem letzten Album, vergleicht man mit "Less Talk..." ;)
dandi
2006-12-27 19:02:51 Uhr
Yup,Less Talk, More Rock ist ein meisterstück wogegen ich Potemkin city limits nich so gut find.
eric
2006-12-27 18:40:26 Uhr
Höre gerade mal wieder ihr 1996er "Less Talk, More Rock". Wie unglaublich gut dieses Album doch ist!
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