Goldrush - Ozona

Goldrush- Ozona

Deviant / City Slang / Rough Trade
VÖ: 07.10.2005

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Brothers are doin' it for themselves

Es gibt Geschichten, die klingen, als hätte sie ein etwas grobmotorisches Kind aus einem Wim-Wenders-Film herausgeschnitten. Die Story aus dem Jahr 2003 beginnt mitten in der sengend heißen texanischen Wüste, auf deren glühenden Boden irgendwelche unvernünftigen Menschen eine Westernstadt gebaut haben. Oder eher: Das bescheidene Starterpaket für eine Westernstadt. Mit nichts als ein paar staubigen Häuserfassaden, einer wahrscheinlich kaum frequentierten Postagentur, einem Truck-Stop und einer Bushaltestelle - nur für den Fall, daß irgendjemand Lust verspürt, noch weiter ins Nirgendwo zu fahren. Genau in diesem beinahe gespenstisch anmutenden Szenario, kurz hinter einem "Ozona" brummenden Ortsschild, hatte der Kühler des Kleinbusses von Goldrush genug. Er setzte sich zur Ruhe. Und die Band aus dem englischen Oxford mußte wohl oder übel einen Tag und eine Nacht an jenem ungemütlichen Ort verbringen.

Wie das eben bei aus Wim-Wenders-Filmen ausgeschnittenen Geschichten so ist, haben diese paar Stunden Goldrush auf fast magische Art und Weise geprägt und verändert: Ihr Sound ist rauher und organischer geworden, weniger poliert - wie aus einem Steinbruch, in dem sich an den richtigen Stellen Kristalle bilden. Unter mehreren beteiligten Produzenten erwies sich David Fridmann (The Flaming Lips) als besonders hervorragender Bergarbeiter. Der unfreiwillige Zwischenstop in Ozona war übrigens nicht das erste Mal, daß das Schicksal der Band Sand ins Getriebe streute: 2001 wurden Goldrush kurz nach ihrer Gründung von den üblichen Verdächtigen schon als "next big thing" gehandelt. Große Songs, große Melodien - die Hoffnung auf eine finanziell rentable Verjüngung des Britpops waren ebenso groß. Majordeal, Umzug nach London, teurer Produzent, Aufnahmen in den Abbey-Road-Studios, Marketingetats, mit denen man sich wahrscheinlich ganz Ozona hätte kaufen können, Flop der ersten Single - das Künstlerkarussell der Plattenfirma drehte sich so schnell, daß Goldrush irgendwann von ihren Pferdchen flogen.

Zurück in Oxford, besannen sich die Bennett-Brüder und ihre Mitstreiter auf die bewährte "Do it yourself"-Philosophie: Ein eigenes Label wurde gegründet (Truck Records), ein eigenes Studio gebaut (Truck Studio) und sogar ein eigenes Festival (Truck Festival) auf die Beine gestellt. Anschließend wurde in den USA getourt, als Support für die Flaming Lips und Ex-Ride-Frontmann Mark Gardener - für den die Oxforder auch die Backingband gaben. Dann kam Ozona. "I'll wait for the wheels to turn", wie passend, ein Baß patrouilliert, ein Gitarrensturm wirbelt den Wüstensand auf und ein Schlagzeugsound vom Kaliber eines frischbetankten Monstertrucks rollt heran. Britpop, Countryrock, Westcoast-Flair - alles da, alles feinste Handarbeit. Daß "Same picture" noch aus der lupenrein produzierten Meister-Proper-Pop-Phase, als Goldrush noch einen Majordeal hatten, stammt, ist deutlich zu hören: Banjo-Rhythmus, wie bei den Kollegen von Travis, noch ein bißchen Embrace dazugemixt: äußerst niedlich.

Daß sie weitaus mehr als bloß eine nette Kopie sind, beweist spätestens "Things I've lost". Country-Gitarren flüstern unaufdringlicher Hymnik ins Ohr, daß man den Blick immer nach vorne richten sollte. Auch wenn "All the faces" diesen Rat nicht so ganz beherzigt und den Byrds mit sonnigem Harmoniegesang ausgiebigst huldigt. "Feel" klingt angenehm nach Tradition und Americana - nicht verwunderlich: Der Song wurde in einem kalifornischen Studio aufgenommen, das dem Brian Joneston Massacre gehörte und dessen Wände mit alten Rickenbacker-Gitarren tapeziert waren. "Let you down" bezeichnet Robin Bennett als "ein Cousin von 'Expecting to fly' von Buffalo Springfield", und das herrlich ungestüme "Come on come on" klingt wie ein Beatles-Song auf LSD. Der "Counting song" marschiert in behäbigem Rhythmus, aber mit ausgestreckten Händen der Hoffnung entgegen. Man soll nie aufhören, an die Liebe zu glauben! Und damit nicht genug des Romantik-Bastelbogens: Als nächstes versucht die Band nämlich, uns die Kraft des Nachthimmels nahe zu bringen. Mit großer Wahrscheinlichkeit liegen sie damit sogar richtig. Zumindest gibt es da so einen Stern, der Goldrush heißt. Und dessen Leuchtstärke ist nicht zu unterschätzen.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Same picture
  • Things I've lost
  • Feel
  • Come on come on

Tracklist

  1. Wait for the wheels
  2. Same picture
  3. Things I've lost
  4. All the faces
  5. Feel
  6. Let you down
  7. Come on come on
  8. Couting song
  9. What I thought
  10. There's a world

Gesamtspielzeit: 43:13 min.

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