Fiona Apple - Extraordinary machine

Fiona Apple- Extraordinary machine

Epic / Sony BMG
VÖ: 07.10.2005

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Broken flowers

Immerhin. Humor haben sie ja. "The long awaited new album" steht in den Anzeigen, mit denen Fiona Apples "Extraordinary machine" beworben wird. Und dabei haben aufgebrachte Fans doch längst jene Gerüchte zum Faktum erhoben, die seit Monaten besagen, die Plattenfirma sei Schuld an der Pause. Sechs Jahre hat es gedauert, um "When the pawn ..." - den vollständigen Titel des Vorgängers wollen wir den Lesern, die heute noch etwas vor haben, ersparen - dieses dritte Album der New Yorkerin folgen zu lassen. Die Platte soll seit Mai 2003 fertig sein, sie lief auch schon im Radio und steht auf ungezählten Internetseiten zum (freilich illegalen) Download bereit. Bis vor kurzem wollte Sony sie aber dennoch nicht veröffentlichen, angeblich wegen ihres mangelhaften kommerziellen Potentials. Somewhere, Jeff Tweedy must be smiling.

Petitionen wurden gegründet. Haßmails geschrieben. Voodoopuppen gebastelt. Und dann kam plötzlich folgende Meldung rein: Fiona Apple hat eine neue Version von "Extraordinary machine" aufgenommen, ein weiteres Stück hinzugefügt und Ur-Produzent Jon Brion durch Mike Elizondo (Dr. Dre, Eminem, 50 Cent) und Brian Kehew (Eels, Air, Beck) ersetzt. Die Künstlerin höchstselbst sei es gewesen, die all die Jahre nicht glücklich war mit der fertigen Platte. Nun sei sie aber sehr stolz und fiebere in freudiger Erwartung dem siebten Oktober entgegen. Da kommt das Album jetzt nämlich raus. Einfach so, basta.

Natürlich könnte deshalb nun der Verdacht aufkommen, Apple habe im Machtkampf mit ihrem Arbeitgeber klein bei gegeben und das Album nach Sony-Gusto überarbeitet. Wer "Extraordinary machine" aber in seiner endgültigen Version hört, wird kaum mehr Zeit haben für solche Verschwörungstheorien. Tatsächlich sollte sich dieses eigensinnige, sturköpfige, hochgradig schrägliegende Album normalerweise ähnlich gut verkaufen lassen wie Badekappen an Eskimos. Es ist aber auch so unerhört großartig, daß nun wirklich gar nichts mehr unwichtiger sein könnte. Fiona Apple ist Norah Jones mit Knick in der Logik. Tori Amos ohne Esoterik-Klatsche. Und doch über all diese Vergleiche erhaben. Spätestens jetzt, wo ihre "Extraordinary machine" gemütlich zu knattern beginnt.

Dieses Album geht aber nicht einfach nur los, es schleicht sich förmlich an mit seinem kuriosen Titeltrack. Cabaret-Musik, Tom Waits minus Raucherlunge - oder einfach das richtige Lied für den Hintergrund, wenn sich Tom mal wieder an Jerry heranpirscht. Danach wird vor allem das Klavier spielbestimmend, nie schmalzig natürlich, eher grimmig um sich selbst kreiselnd, langsam im eigenen Strudel versinkend. Überhaupt ist "Extraordinary machine" mitunter eine herrlich trottelige, kaputte Platte geworden, die man so wohl zuallerletzt von Apple erwartet hätte. Stop-And-Go-Gestolper, angesägte Bläser, auswärtige Percussion. Und dazu singt ihre dunkle, lakonische Stimme solche Zeilen: "Here it comes / A better version of me." Wir denken da natürlich nichts Böses.

Neben augenscheinlich Übergeschnapptem wie "Window", dessen verstopfte Blechbläser am Ende nicht mehr zu halten sind, oder dem stockenden "Not about love", in dem Apples Stimme verzweifelt hinter einer Melodie herjagt, die es nie gegeben hat, sind aber doch noch genügend Lieder mit geraden Rücken und gekämmten Scheiteln übriggeblieben. "O' sailor" ist nun die Single geworden, die Sony erst nicht hören wollte. Sicherlich ein verschlepptes, detailliertes und forderndes Stück. Aber auch so verletzlich, verzweifelt und doch wieder trotzig, wie es nicht ein Prozent des übrigen Rosters der Plattenfirma hinkriegen würde. Es ist eben wie ein verstecktes, wunderschönes Blumenbeet, dieses Album. Und Fiona Apple hat die letzten sechs Jahre damit verbracht, jeder einzelnen Pflanze darin sorgfältig den Hals umzuknicken.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Extraordinary machine
  • O' sailor
  • Window
  • Waltz (Better than fine)

Tracklist

  1. Extraordinary machine
  2. Get him back
  3. O' sailor
  4. Better version of me
  5. Tymps (The sick in the head song)
  6. Parting gift
  7. Window
  8. Oh well
  9. Please please please
  10. Red red red
  11. Not about love
  12. Waltz (Better than fine)

Gesamtspielzeit: 50:51 min.

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Dasc

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Registriert seit 14.06.2013

2017-12-19 15:23:38 Uhr
"Kann ich nicht ganz nachvollziehen. Die großartigen ersten zwei Alben waren überhaupt nicht roh oder dissonant, sondern das komplette Gegenteil davon."
Das stimmt, die ersten beiden Alben waren nicht roh, bei "When the Pawn..." würde ich aber sagen, dass an einigen Stellen schon ein bisschen mehr experimentiert wurde – ich glaube, das war es, was ich meinte, ich hab's ein bisschen falsch ausgedrückt.
Mit "Tidal" bin ich hingegen bis heute nicht ganz warm geworden. Es hat ein paar Stücke, die mir wirklich gut gefallen, aber als Ganzes trifft es nicht ganz meinen Geschmack.

Major

Postings: 1840

Registriert seit 14.06.2013

2017-12-19 12:34:19 Uhr
Spekulation ist unnötig:
Da Sony-Budget war einfach ziemlich "aufgebraucht".
Steht alles im verlinkten Interview.

Zum Thema DAW: Zwischen den Produktionen
lagen max. 2 Jahre.
Zu jener Zeit wurde meistens "Hybrid" gearbeitet. Auf das Studio-Budget, welches sowieso nur einen Teil der Kosten ausmacht, dürfte das damals keinen Einfluss gehabt haben.
Gespart wurde vor allem am wichtigsten Faktor "Zeit" (s. Interview).
Teile der alten Aufnahmen wurden außer beim Titelstück uns "Waltz", welche gar nicht neu aufgenommen wurden (nur der Mix variiert).
mememe
2017-12-19 12:17:02 Uhr
@Major

"Paradox auch, dass die "kaputte" Brion-Produktion ein großes Budget hatte und die
(offizielle) Mike Elizondo-Version ziemlich "Low-Budget" war."

Ein Grund dafür könnte sein, dass Teile der Aufnahmen eventuell wiederverwendet werden konnten oder einfach zu diesem Zeitpunkt die Songs und das Album-Konzept an sich bereits ausgereift waren und deshalb weniger Studiozeit notwendig war. Man musste eben "nur noch" neu aufnehmen anstatt alles erst zu entwickeln. Eventuell könnte auch ein Umstieg auf DAW bei der Studiotechnik ein Grund sein. Zwischen der ersten Aufnahme und der späteren Neu-Produktion lagen meines Wissens doch einige Jahre. In diesem Zeitraum gab es dann auch den Umstieg vieler Studios auf DAW, was einen erheblichen Kostenspareffekt mit sich brachte. Letztlich ist das aber alles reine Spekulation.

Major

Postings: 1840

Registriert seit 14.06.2013

2017-12-19 11:52:32 Uhr
"Dieses Rohe und Dissonante waren immer das, was ich an Fiona Apples Musik am interessanten fand, ich glaube deswegen gefällt mir diese Bootleg-Version besser.²
Kann ich nicht ganz nachvollziehen.
Die großartigen ersten zwei Alben waren überhaupt nicht roh oder dissonant, sondern das komplette Gegenteil davon.
"Idler Wheel" hingegen schon vergleichsweise eher. Aber das kam 7 Jahre später.

Das Problem mit der Brion-Produktion von "EM" war offenbar, dass Fiona keinen rechten Zugang dazu fand und auch Brion nicht mehr wirklich wusste wohin es gehen sollte. Das entschuldigt zwar nicht die Ablehnung von Sony aus rein kommerziellen Gründen, es zeigt aber, dass Brion und Apple sich verfahren hatten.
Natürlich funktionieren Apples' Songs auch ganz gut in den Brion-Versionen.
Die offizielle "EM" klingt in meinen Ohren jetzt mehr nach dem (von Brion perfekt produzierten) Vorgänger-Album "Pawn" als die dubiosen Bootleg-Versionen, die wiederum eher an "Idler Wheel" erinnern.
Paradox auch, dass die "kaputte" Brion-Produktion ein großes Budget hatte und die
(offizielle) Mike Elizondo-Version ziemlich "Low-Budget" war.

Wünschen würde ich mir auf jeden Fall den lange überfälligen, offiziellen Release der "echten" Brion-Produktionen.
Vielleicht 2025 als "Anniversary Deluxe"-Set?

Dasc

Postings: 33

Registriert seit 14.06.2013

2017-12-19 11:26:44 Uhr
@mememe

Stimmt, hier sind wir mal in der seltenen Lage, zwei Alben eines Albums zu haben, die zum Teil sehr unterschiedlich, aber dennoch beide gut sind. Dieses Rohe und Dissonante waren immer das, was ich an Fiona Apples Musik am interessanten fand, ich glaube deswegen gefällt mir diese Bootleg-Version besser. Ich halte auch ihr letztes Album für ihr stärkstes, gerade wegen der Kompromisslosigkeit.

@Major

Das ist eine interessante Geschichte. Ich hatte Teile davon vorher schon einmal gehört, aber noch nie so ausführlich gelesen. Und ich finde es gut, dass sie sich gegen die Plattenfirma gestellt hat, als diese ihr ein Budget aufzwingen wollte. Viele andere Künstler hätten mitgemacht, einfach um irgendetwas schlussendlich veröffentlichen zu können.

Ich finde es nach wie vor seltsam, dass sie mit einer Aufnahme nicht zufrieden war, die stilistisch wesentlich stärker nach ihrem Vorgänger- und Nachfolger-Album klingt (und selbst wenn die vorliegenden Bootleg-Versionen nicht genau die sind, die sie damals aufgenommen hat, muss ja trotzdem noch einiges von den Originalmixen vorhanden sein). Aber das ist natürlich trotzdem möglich und ich sollte nicht von meiner Meinung auf ihre schließen. Ich bin nach wie vor froh, diese Bootleg-Versionen zu haben, da ich mich durch sie nachträglich auch mit der offiziellen Aufnahme ein bisschen anfreunden konnte.
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