Broken Social Scene - Broken Social Scene

Broken Social Scene- Broken Social Scene

Arts & Crafts / City Slang / Rough Trade
VÖ: 07.10.2005

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Vollbeschäftigung

Wenn Bands ihren Alben keine Namen geben, darf man oft genug vor Ehrfurcht den Kopf einziehen. Led Zeppelins Vierte. Das neunte der Beatles. Das Debüt von Rage Against The Machine. Und und und. Doch bevor jetzt jemand auf das selbstbetitelte Album von Radiohead, Pearl Jam oder Coldplay wartet, verweise man einfach auf Kanada. Die Villa Kunterbunt des Kreativkollektivs Broken Social Scene glänzt wieder in allen möglichen Klangfarben. Wie die Walt-Disney-Version von Jason Pollock. Mogwai mit rosa Handtäschchen. Oder die ausnahmsweise in Brokkoli badende Jungfer aus "American beauty". Not what you expected.

Aber wer nach dem famosen "You forgot it in people" mit irgendwelchen Erwartungshaltungen an Broken Social Scene herantritt, hat vielleicht ohnehin etwas zentrales nicht verstanden. Denn der luftige Pop, das munter hin- und herhüpfende Indiegezappel landete ja nur ganz zufällig mitten im Gehörzentrum. Als dezent entabstrahierte Lust am Experiment, die sich jetzt eben auch mal auf übersichtliche Melodien einlassen wollte. Und dann gar nicht mehr davon lassen konnte.

Für "Broken Social Scene" liegt die Schwelle etwas höher. Doch nicht nur die Band mußte sich anstrengen, um einen würdigen Nachfolger des Quasi-Durchbruchs zu gestalten. Auch der willige Zuhörer ist geforderter als zuvor. Es ist kein Melodienschlaraffenland mehr, in dem einem die Ohrwürmer einfach so entgegenfliegen. Aufmerksamkeit ist jetzt gefragt. Für einen stetigen Fluß, in dessen Wellen man das diffuse Funkeln und Glänzen erst erahnt, dann erkennt und schließlich liebevoll herausfiltern kann.

Mitunter schwappt die Musik der Kanadier heran wie die sanfte Dünung am Strand. Noch ist Ebbe. Das Musikerdutzend hat sich zur Beratung zurückgezogen. Nur die eine oder andere Gitarre tröpfelt noch kurz nach vorne. Dann blubbert und spritzt die gesamte Besatzung hoch und immer höher, winkt heftig mit den Instrumenten und macht nachhaltig auf die eigene Existenz aufmerksam. Einhundertundsiebzig Spuren allein für den verschroben vor sich hin träumenden Opener "Our faces split the coast in half". Und - das ist das wirklich Großartige an dieser Band - die Musik wirkt dabei nicht einen Augenblick überladen. Da geraten sogar Selbstreferenzen zur Abwechslung. Ausformulieren statt wiederholen, ausschmücken statt durchpausen.

Die Taktik geht auf. Immer wieder wechseln sich harmlose Ruppigkeiten mit säuberlich verschmierter Schönheit ab. Da wird geschrieen und geflüstert, gesägt und gestreichelt. Oft alles gleichzeitig. Um nur ja jede Gefühlsregung auszukosten, die diese niedlichen kleinen Viecher namens Strophe oder Refrain so anrichten. Mal verbeulen sie ein paar Bläser, mal treten sie einer armen Gitarre auf den Schwanz oder tackern an einem hilflosen Drumloop herum. Unverblümte Breaks pirschen sich an, Strukturen hüpfen haltlos durch die Gegend. Hinterlistige Melodiefetzen huschen am Langzeitgedächtnis vorbei und tun so, als wohnten sie dort schon seit Anno Schnee zur Untermiete. Und in all dem etwas debil grinsenden Getümmel sitzen sie dann wieder: die Hits.

Es gibt nur ein Problem: Man kann sich gar nicht entscheiden, welchen Song mal am dollsten knuddeln mag. Da surft "7/4 (Shoreline)" auf seinem schiefen Takt wie auf einer Hawaiianischen Welle, während "Windsurfing nation" den leicht angekifften Sommerschlager gibt. Da vergräbt "Fire eye'd boy" sein Gesicht in Zischelbeat und Taumelriff, und "Swimmers" läßt seinen neugierigen Baß durchs Becken plantschen. "Major label debut" hat den Kopf in den Wolken, und "It's all gonna break" zelebriert die Auflösung. Und mittendrin wartet "Superconnected" noch auf Anschluß. Wie sich das Stück freut, als es endlich losgeht! Diese Begeisterung. Diese Lebenslust. Diese blauäugige Glückseligkeit. Ansteckung ist keine Gefahr, sondern ein Versprechen.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Our faces split the coast in half
  • Ibi dreams of Pavement (A better day)
  • 7/4 (Shoreline)
  • Fire eye'd boy
  • Swimmers
  • Superconnected

Tracklist

  1. Our faces split the coast in half
  2. Ibi dreams of Pavement (A better day)
  3. 7/4 (Shoreline)
  4. Finish your collapse and stay for breakfast
  5. Major label debut
  6. Fire eye'd boy
  7. Windsurfing nation
  8. Swimmers
  9. Hotel
  10. Handjobs for the holidays
  11. Superconnected
  12. Bandwitch
  13. Tremoloa debut
  14. It's all gonna break

Gesamtspielzeit: 63:07 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
*Der Weckruf!*
2014-10-24 21:50:46 Uhr
Armin, hast du deine Arbeiter eigentlich noch im Griff? Dieses Meisterstück hat, zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung, gerade einmal 8 Punkte kassiert und war nicht mal AdW. Heute darf sich solch uninspirierter Baukasten-Folk, wie Bear's Den mit 9, in Worten, NEUN Punkten schnmücken und sich selbst somit fast als Meisterwerk betiteln. Das Ende ist nah.

Wacht auf! Waaacht aaaaaauf! WAAAAAACCCHHHT AAAAAAUUUUUUF!!!!1111!!!!!!!11
@basddsa
2011-10-17 20:57:34 Uhr
mach lieber einen haxball-thread auf!!
basddsa
2011-10-17 20:54:17 Uhr
10/10

Wollte ich mal so loswerden.
Castorp
2011-10-03 15:29:26 Uhr
"Swimmers" ist ein derart brilliantes Kleinod, das ich mir stundenlang geben könnte.

Diese Energie und Wärme, die in dem Sound steckt, hypnotisiert mich jedes Mal aufs Neue und löst bei mir körperliche Reaktionen aus, die ich nur bei ganz bestimmter Musik empfinde. Allein nur für diesen beseelten Song sollte man diese Band in sein Herz schließen.

Ba ba dadadaaaaa...:)))
klebesternchen
2011-01-03 21:31:33 Uhr
wen macht der schlagzeug-rhythmus bei "7/4 (shoreline" noch so fertig (im positiven sinne)?
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