Her Space Holiday - The past presents the future

Her Space Holiday- The past presents the future

Wichita / V2 / Rough Trade
VÖ: 23.09.2005

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Plusquamperfekt

Der größte Feind moderner Beziehungen sind nicht etwa mysteriöse Lippenstiftflecke, schlecht versteckte Pornovideos oder plötzlich auftauchende Liebesbriefe der Ex-Freundin. Wirklich gefährlich sind heutzutage in erster Linie Anrufbeantworter. Wer jemals versucht hat, auf den Teufelsdingern eine Nachricht zu hinterlassen, ohne sich gleichzeitig zum Vollhorst zu machen, weiß, was gemeint ist. Man überlegt zu lange, man stottert, man verhaspelt sich. Legt im schlimmsten Fall peinlich berührt auf. Und muß im nächsten Moment gleich wieder anrufen, weil man seine offenkundige Unbehaglichkeit ja erklären will. Müßig zu erwähnen allerdings, daß im zweiten Anlauf alles nur noch schlimmer wird.

Es ist also ein Grauen. Und damit auch ein gefundenes Fressen für Marc Bianchi, den tapferen Tüftler hinter Her Space Holiday. Der Mann kennt sich aus mit schrecklich schief laufenden Beziehungen, ist in dieser Hinsicht quasi ein wandelnder Pflegefall. Und gerade eben hat er mal wieder eine Stange Songs passend zum Thema fertig bekommen. "The past presents the future" ist seine vierte richtige Platte, und mit einer Nachricht auf einem Anrufbeantworter stürzt sie sich ins Elend. Gerade ist Bianchi nach drei Jahren Texas zurück ins heimische Kalifornien gezogen. Aber statt sich erstmal an den Strand zu hauen, hat er ein entlegenes Häuschen bezogen. Ganz allein. Um diese Platte hier zu machen.

"Misery loves company / When company won't call", lauten die ersten gesungenen Worte auf "The past presents the future". Und weil sich folglich am Inhalt der traurigen Elegien von Bianchi nicht viel verändert hat, lenkt er auch die Musik dazu wieder durch altbekannte Bahnen. Sparsame, unkomplizierte Elektro-Konstruktionen stellen die Leinwand. Die Akustikgitarren dürfen zaghaft ausmalen. Wiederum einfach gehaltene Streicherarrangements kümmern sich um die richtigen Ränder. Und es bleiben jede Menge freie Flächen, die großzügig mit trostlosem Grau zugekleckert werden. Ob nun Texas oder Kalifornien - wo Bianchi sich aufhält, ist auch die Trauer zuhause.

Das wirklich Entscheidende ist aber: Die Weltraumferien werden mit jeder Platte langweiliger. Was im Jahr 2000 bei "Home is where you hang yourself" als fesselnder, frischer Indietronica-Ansatz begonnen hatte, ist mittlerweile zu weiten Teilen bei selbstmitleidigem Gefälligkeitsgeplänkel angelangt. Vielleicht liegt es an Bianchis zunehmend müder Stimme, die als Schäfchenvorzähler sicherlich groß Karriere gemacht hätte. Vielleicht hätten auch mehr seiner neuen Stücke den Mut von "Missed medicine" vertragen können, das nach verstolpertem Beginn richtiggehend in Ekstase gerät. So bleiben zehn Lieder, die ein tristes Dasein in der Vorvergangenheit fristen. Und mit "The great parade" immerhin ein schelmischer Beatles-Verweis. "Here comes your sun / Doo doo doo doo / Here comes your sun / It isn't alright." Ein schiefes Lächeln geht dann doch noch. Gut zu wissen.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Missed medicine
  • You and me

Tracklist

  1. Forever and a day
  2. Missed medicine
  3. The weight of the world
  4. Self helpless
  5. You and me
  6. A small setback to a great comeback
  7. The good people of everywhere
  8. A match made in Texas
  9. The great parade
  10. The past presents the future

Gesamtspielzeit: 41:18 min.

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