Various Artists - Help! A day in the life

Various Artists- Help! A day in the life

Independiente / PIAS / Rough Trade
VÖ: 07.10.2005

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Hilfsgüter

Was macht ein britischer Musiker für gewöhnlich um zwölf Uhr mittags? Mal eben die Milkbottle vor der Haustür einsammeln und dann genüßlich weiterpennen? Aus den unverschämtesten Verrissen des Vortages Himmel-und-Hölle-Spiele falten, diese in den Kamin werfen und auf der lodernden Flamme dann sein bescheidenes Mittagessen brutzeln? Die Sprößlinge samt ihrer Zwergenfreunde vom Kindergarten abholen und für die Kleinen vergnügt "Old MacDonald had a farm" pfeifen? Oder doch ganz klassisch die Inspiration einer nächtlichen Session ins Diktiergerät krächzen? Man weiß es nicht genau. Wohl aber, was zweiundzwanzig britische Bands am 8. September 2005 zu besagter Zeit getan haben: Sie stürmten in Studios, um jeweils einen Song aufzunehmen, der nur 24 Stunden später zum offiziellen Download im Netz stand und nun auch auf CD erscheint. Und dann noch diese Namen! Die Creme de la Creme der zeitgenössischen Popmusik. Klingt nach einer Charity-Geschichte? Ist es auch. Zum zehnjährigen Jubiläum der "War Child"-Compilations wurde beschlossen, das Konzept des 1995 erschienenen Debüt-Samplers zu wiederholen und einmal mehr mit Musik Gelder für einen wohltätigen Zweck zu sammeln. Nur, daß man damals, als der Internetdownload noch was für pickelige Nerds war, ein paar Tage warten mußte, bis die CD in den Läden stand. Heute sind sogar zwei der Songs ausschließlich online zu haben (Belle & Sebastian, The Zutons).

Zwei Bands, die auch schon eine Dekade zuvor dabei waren, sind erneut im Line-Up zu finden: Da hätten wir zunächst Radiohead, die in "I want none of this" düster perlende Pianoklänge und einen dezenten Chor trefflich miteinander vermählen, während sich Thom Yorke in herzzerreißender Bestform von einem Melodiebogen zum nächsten melancholiert. Und dann wären da die unermüdlichen Manic Street Preachers, die zudem noch eine Zeitreise in ihre eigene Bandgeschichte unternehmen. "Leviathan" ist aus dem gleichen Holz geschnitzt wie "You love us" (1992) und laut Nicky Wire "the punkiest thing we've done in ages." Hätten sie doch nur schon bei "Lifeblood" tüchtig in die Nostalgie-Schatzkiste gegriffen! Leider ganz woandershin greifen The Coral, produziert von den bereits 1995 mit Portishead vertretenen Herren Barrow und Utley - deren Mitwirkung jedoch weitgehend unbemerkt bleibt. Anscheinend mußten James Skelly und Kollegen in den zur Verfügung stehenden 24 Stunden nicht nur ihren Charity-Beitrag aufnehmen, sondern auch erst noch schreiben. Entsprechend unausgegoren klingt er auch. Aber es gibt genügend Augleich: So singt Damien Rice in einem ganz wunderbaren Duett mit Lisa Hannigan vom "Cross-eyed bear".

Zehn Jahre zuvor mit Blur dabei, hat Damon Albarn dieses Mal seine Gorillaz mobilisiert. "Hong Kong", eben dort eingespielt, ist mit Abstand das faszinierendste Stück der Compilation und von beinahe hypnotischer Schönheit. Sieben Minuten exotische Saiteninstrumente, traumverlorenes Klavier, sanft pulsierende Percussion - wie eine verschollene Perle der "Think tank"-Sessions. Und was für eine! Weltmusik und Hip-Hop mixt Emmanuel Jal, den einst eine Hilfsorganisation aus seinem sudanesischen Kindersoldatendasein befreite. Auch die vor zwanzig Jahren in einem Flüchtlingslager gegründete Tuareg-Band Tinariwen aus Mali setzt auf groovenden Rhythmus. Bloc Party und Maximo Park hingegen spulen lieber ihr Standardprogramm ab. Auch Coldplay überraschen nicht und bieten einmal mehr erstklassige Schwebegitarren-Hymnik - nur, daß Chris Martin dieses Mal eben "War Child" auf seinen Handrücken gekritzelt hat. Die Kaiser Chiefs und Keane entschieden sich für Cover-Versionen und hätten möglicherweise besser daran getan, eigene Lieder beizusteuern: Erstere nahmen innerhalb von drei Stunden in Berlin Marvin Gayes "I heard it through the grapevine" auf und klingen nach schleppend verlaufender Generalprobe, während Tom Chaplins Stimme aus der "Goodbye yellow brick road" von Elton John eine schwer befahrbare Höhenstraße macht.

Razorlight erfreuen mit "Kirby's house", was in erster Linie einem gut gelaunten Gospelchor und einem quietschfidelen Baß zu verdanken ist. Und auch Hard-Fi wissen mit "Help me please" überaus angenehm aufzufallen. Pete Doherty und sein Schrammelgitarren-Projekt Babyshambles klingen mal wieder so, als würden sie den Song gerade eben im Proberaum zum ersten Mal spielen. Dabei hat doch sogar Mick Jones (The Clash) produziert. Natürlich sucht man auf dem langen Weg "From Bollywood to Battersea" vergeblich nach musikalischer Vielseitigkeit, findet dafür jedoch eine Portion Charme, die ungefähr so groß ist, wie die Menge der von Doherty bislang konsumierten Drogen. Auch Elbow und die Magic Numbers gefallen, obwohl ihnen der ganz große Wurf nicht gelingt. Wer Flat Eric aus der Levi's-Werbung irgendwie vermißt - soll es ja auch geben - kann sich aus Mylos flachen Beats ein neues gelbes Stofftierchen basteln. The Go! Team aus Brighton haben sich offenbar die Titelmelodie zu einer Westernserie ausgedacht - so simpel, wie deren Handlungen immer sind, braucht's da auch nicht mehr als eine Hookline. Was hingegen eigentlich überhaupt nicht nötig gewesen wäre, ist das John-Lennon-Cover von Boy George und Antony. Obwohl die beiden auf "I am a bird now" wunderbar harmonieren, schwankt "Happy Xmas (War is over)" nervenzehrend zwischen Tränendrüsenfieber und Lipglossterror. Schade, daß so mancher Name hinter den Erwartungen zurückbleibt. Aber darüber hört man bei all den tollen anderen Beiträgen, die deutlich in der Überzahl sind, gerne hinweg. Der gute Zweck heiligt auch das Mittelmaß.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • I want none of this (Radiohead)
  • Hong Kong (Gorillaz)
  • Leviathan (Manic Street Preachers)
  • Cross-eyed bear (Damien Rice)

Tracklist

  1. How you see the world no.2 (Coldplay)
  2. Kirby's house (Razorlight)
  3. I want none of this (Radiohead)
  4. Goodbye yellow brick road (Keane & Faultline)
  5. Gua (Emmanuel Jal)
  6. Hong Kong (Gorillaz)
  7. Leviathan (Manic Street Preachers)
  8. I heard it through the grapevine (Kaiser Chiefs)
  9. Cross-eyed bear (Damien Rice)
  10. Gone are the days (The Magic Numbers)
  11. Cler achel (Tinariwen)
  12. It was nothing (The Coral)
  13. Mars needs women (Mylo)
  14. Wasteland (Maximo Park)
  15. Snowball (Elbow)
  16. Bloc Party (The present)
  17. Help me please (Hard-Fi)
  18. Phantom broadcast (The Go! Team)
  19. From Bollywood to Battersea (Babyshambles)
  20. Happy Xmas (War is over) (George & Antony)

Gesamtspielzeit: 76:49 min.

Referenzen

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