Tokio Hotel - Schrei

Tokio Hotel- Schrei

Universal
VÖ: 19.09.2005

Unsere Bewertung: 2/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Die ganz große Nummer

Unglaubliche Szenen spielen sich ab. Eine Massenpanik über Wochen hinweg, die kein Ende kennt. Aber das Sondereinsatzkommando kann weiterhin Däumchen drehen, und die Wasserwerfer dürfen in der Garage bleiben. Die Aufruhr nämlich tobt nicht da draußen, sondern in unserem Fernseher, auf VIVA Plus. Ganz egal, welcher Clip von Namenlosen oben rechts über den Patchwork-Bildschirm flimmert, ob Juanes oder Pachanga, ob Die Firma oder US5. Das Tickerband am unteren Bildschirmrand hyperventiliert durchgehend, legt täglich mehrere Kilometer zurück und trägt in jeder Botschaft nur einen Namen: Bill. "Bill ist voll süß!" wechselt sich ab mit "Bill ist geil!", zwischendurch wird mit "Ich liebe Bill!!!!!!1" beträchtliche Originalität bewiesen. Und inmitten immer wieder die schüchterne und selten rechtschreibfehlerfreie Frage "Hat irgentjemant die Handynumer von BILL?". Irgendwie kann man nicht anders, als zum Handy zu greifen und eine SMS auf den Ticker zu schicken. "Ich hab sie, ich hab sie! Wer will Bills Handynummer?" Wann hatte man wohl zuletzt für 49 Cent so viel Spaß?

Es gibt sie ja immer wieder, die Eintagsfliegen, die urplötzlich und unversehens angeschwirrt kommen. Die Fanzahl steigt unversehens von Null auf Unzählig, und überall kritzeln die Füllfederhalter diesen einen Namen hin. In Schönschrift, mit Herzchen verziert und nebst "4ever", versteht sich. So lange, bis wenige Wochen später schon die nächste Band "4ever" dran ist. Aber: Ausmaße wie bei Tokio Hotel und vor allem bei deren 15jährigem Front...nunja...mann Bill hat der Wirbel wohl noch nie genommen. Nicht bei all den Boygroups zuvor, und auch nicht, als sich zwei Mädels namens t.A.T.u. plötzlich im strömenden Regen abschlabberten. Wer das Konzept für Tokio Hotel an seinem Reißbrettchen entworfen hat, er hat einen ausgezeichneten Job getan.

Wer weiß, ob sie's vor einigen Jahren auch getan hätte - aber 2005 geht die Rechnung auf, wie schon zuvor bei Schnappi, Ilona, Ch!pz, Banaroo oder dem Crazy Frog. Seit sich die Musikindustrie eine neue Zielgruppe herangezüchtet hat. Bestehend aus all jenen, die sich CDs von ihren Eltern kaufen lassen und die vor allem zu jung sind, um sich CDs zu brennen oder Filesharing-Programme zu bedienen. Es reicht offensichtlich gerade noch, um im Zweifingersystem "www.google.de" in die Adreßzeile des Browsers und dort dann "tokio hotel" ins Suchfeld zu tippen, auf den nächstbesten Link zu klicken und dort ungefragt und ungebeten seine Meinung zu hinterlassen. Ob man sowas heutzutage im Computerkurs der sechsten Klasse lernt? Rund 8.000 Beiträge in einem einzigen Thread binnen sechs Wochen sprechen für sich.

Die zentrale Frage: Geht es hier noch um Musik? Wo haben Tokio Hotel wohl mehr Zeit verbracht: Bei den Stylisten und Imageberatern oder im Proberaum? "Schrei" gibt die Antwort mit jeder Sekunde. Das Album ist nicht nur in jeder Hinsicht simpel. Das wäre ja noch verständlich, da für die Hauptzielgruppe komplexe Musik einige Jahre zu früh käme. Nein, die Songs sind auch - und das wiegt viel schlimmer - so gleichgültig komponiert, arrangiert und produziert, daß aus jeder Sekunde der blanke Hohn der Hintermänner spricht: "Uns doch scheißegal, ob die Platte gut wird oder nicht. Verkaufen werden wir deshalb keine einzige weniger." Deswegen steckt in der Durchbruch-auf-Teufel-komm-raus-Single "Durch den Monsun" auch in etwa so viel Aufwand wie in den restlichen 11 Songs zusammen. Statements wie "Wir sind jung und nicht mehr jugendfrei" oder gereimte Flehereien wie "Komm und rette mich, ich verbrenne innerlich" sind nicht nur dröge, sondern auch noch äußerst lustlos. "Laß uns hier raus" ist Schema F ohne jegliche Idee, und in den meisten Songs wie dem schreiend pubertären Titelsong oder der Scheidungskinder-Hymne "Gegen meinen Willen" klingen Tokio Hotel wie Selig nach einem viel zu großen Schluck aus dem Jungbrunnen, wie eine Steppke-Variante von richtigem Rock. Oder wie Mainzelmännchen mit langen Haaren. Und ordentliche Ansätze wie in "Unendlichkeit" werden spätestens davon zerstört, daß man die vier Performer - vor Monaten noch eine Schülerband unter Tausenden - nicht nach ihrem musikalischen Potential herausgesucht hat, sondern auf anderes Wert legte.

Es ist nicht einfach die Wiederholung der Erfolgsgeschichte von Echt, die immerhin vier Alben lang solide Popmusik boten, sich sogar nach und nach emanzipieren konnten. Nein, es ist deren Reduzierung auf das Wesentlichste, Armseligste, auf die Lizenz zum Gelddrucken. Wenn man sich nicht eh längst auf den Arm genommen fühlen würde, würde man sich jetzt auf den Arm genommen fühlen. Die Leidtragenden sind die vier Bandmitglieder, am meisten der so umworbene Bill Kaulitz. Man merkt, der Kleine ist voll bei der Sache, gibt alles. Er will singen, will die Chance nutzen, die sich ihm bietet. Allein es reicht nicht. Schon gar jetzt, in den letzten Ausläufern des Stimmbruchs. Er kann nicht singen, und seine Chance wird kaum länger währen als ein Album. Zur Zeit brechen hunderttausende Kinderherzen, und irgendwann sein eigenes, wenn er das erkennt. Nach "Durch den Monsun" wird er bald im Regen stehen.

Es ist so: Die dieser Tage von so vielen zu Haßfiguren ernannten vier Jungs sind die ärmsten Säue bei dem ganzen Spiel hier. Ist ja super, daß die Eltern ihnen verboten haben, auf Tour zu gehen. Aber vernünftig. Und auch die Fake-Fanpage, die Sachen schreibt wie "Tokio Hotel ist die Band, dessen Gesamtschulterumfang 16,5 cm nicht übersteigt. Der größte Traum eines jeden Bandmitglieds ist es, mal über 1,80 m groß zu werden und natürlich stark. Auch Bartwuchs zählt zu einem der Ziele", will man nicht mehr lustig finden. Man kann, man darf nicht so recht mit dem Finger auf Tokio Hotel zeigen. Entweder man akzeptiert die Spielregeln des Kapitalismus, erkennt an, daß Tokio Hotel zur Zeit eine Menge junger Menschen glücklich machen, die auf all das gewartet haben und gerne verarscht werden, oder aber man sucht sich die richtigen Verantwortlichen: Ein vierköpfiges Produzenzenteam, das sich bislang für Die Lollipops, Marlon oder Patrick Nuo prostituierte. Einer war sogar mal Sänger von Bed & Breakfast. Einer Boyband aus den Neunzigern, zu deren Klängen jene Kinder gezeugt wurden, die heute Tokio Hotel verehren. So schließt sich der Kreis. Es ist zum Heulen. Hat jemand die Handynummer der Geschmackspolizei?

(Armin Linder)

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Highlights

  • Unendlichkeit

Tracklist

  1. Schrei
  2. Durch den Monsun
  3. Leb' die Sekunde
  4. Rette mich
  5. Freunde bleiben
  6. Ich bin nich' ich
  7. Wenn nichts mehr geht
  8. Lass uns hier raus
  9. Gegen meinen Willen
  10. Jung und nicht mehr jugendfrei
  11. Der letzte Tag
  12. Unendlichkeit

Gesamtspielzeit: 41:31 min.

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User Beitrag
Ein Album
2014-11-10 18:41:08 Uhr
Für die Ewigkeit
i wonder who
2014-10-18 06:12:01 Uhr
aber wer wird dieses album denn kaufen, die 13 jährigen mädels wohl nicht?
und die damals bei dem hype wohl auch nicht.
within the realm of a dying sun
2014-10-18 05:48:20 Uhr
das album momentan auf platz 13 von 2014.
Tokio Hotel haben für mich alle erwartungen erfüllt.
jetzt noch ein album von Robin Williams.
Live aus Weeze
2014-10-17 14:21:56 Uhr
Zeitloser Klassiker, dieses Pinkerton.
Castitorpi
2014-03-08 17:32:02 Uhr
Hey da ist ein Fehler drin! Unten das Bild von früher, da haben die Gustav und Georg vertauscht! <3 :(
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