Coheed And Cambria - Good Apollo I'm burning star IV Volume one: From fear through the eyes of madness

Coheed And Cambria- Good Apollo I'm burning star IV Volume one: From fear through the eyes of madness

Equal Vision / Sony BMG
VÖ: 23.09.2005

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der Anfang vom Ende

Es ist immer wieder ein Phänomen. Zu beobachten bei so mancher Band, die nah an der Irrenanstalt gebaut ist. Der erste Schritt: Schüchtern wird ein Sound entworfen, der sich etwas traut und der die viel zu inflationär gebrauchte Vokabel "mutig" wirklich noch verdient. Die Band selbst bleibt dabei unsicher, weiß nicht so recht, ob sie wirklich was kann und versteckt sich lieber hinter verquasten Jazz-Strukturen, Prog-Texturen und/oder Um-vier-Ecken-Lyrics. Die Öffentlichkeit indes ist begeistert. Überschüttet die Erschaffer mit Lob und Preisung. Und sorgt für den zweiten Schritt: Die Künstler nehmen all das viel zu persönlich. Wenn die einem sagen, wie weit oben man ist, dann wird's schon so sein. Zusehens verliert die Fallhöhe aus den Augen. Und aus "Ihr seid geil!" wird "Boah, sind wir geil!"

So beobachtet bei Mars Volta, die nach einem epochalen Debüt jetzt vor allem für sich selbst musizieren. "Was will uns der Künstler damit sagen?", fragen sich alle, denken sich aber, das ist so abgehoben, das muß wohl super sein. Und auch deren Gebrüder im Geiste, Coheed And Cambria, könnten alle Bodenhaftung verloren haben - so konnte man diesen Sommer bei diversen Auftritten denken. Souverän und gleichgültig wurden da diverse Songs runtergenudelt, wurde die Pflicht getan, nur um möglichst schnell bei der Kür ankommen zu können. Die da lautete: zehn Minuten Instrumentalgewichse. Claudio Sanchez jongliert mit der Gitarre, klemmt sie sich hinter den Hals, schrubbert andächtig drauf rum. Und dann holt er sie wieder vor und malträtiert endlos die Saiten. Mit seinen Zähnen. Aber warum nur? Entweder, weil er einen Essensrest entdeckt hat und den möglichst elegant heraus pulen wollte. Oder aber, weil er gänzlich übergeschnappt ist. Musikalische Selbstbefriedigung galore. Jeder ist sich selbst der Größte.

Klar, Liebhaber der Band sind Eskapaden nicht nur gewöhnt, sondern schätzen sie sogar an Coheed And Cambria. Aber dieses Zuviel ließ nichts Gutes vermuten für "Good Apollo I'm burning star IV Volume one: From fear through the eyes of madness", dessen Albumtitel wir hier nur ein einziges Mal ausschreiben wollen, weil wir beim bloßen Anblick schon Platzangst empfinden. Ein bißchen flaues Gefühl ist immer noch da, auch nach ungezählten Durchläufen. Aber allen Fans, die ob dieser unerfreulichen Vorzeichen die Luft angehalten haben und schon blau angelaufen sind, sei gesagt: Das neue Album schreibt die Geschichte von Coheed And Cambria fort, in jeglicher Hinsicht. Auch das Drittwerk ist ein absolut außergewöhnliches Album, stimuliert Herz und Hirn und vereint bemerkenswerte Songs. Es knüpft inhaltlich wie musikalisch an den Vorgänger "In keeping secrets of silent Earth: 3" an. Nahtlos. Nur wird dessen Niveau nicht ganz erreicht.

Was fehlt, ist die Fortschreibung der restlos brillanten Momente, von denen man nicht länger im Minutentakt erschlagen wird. Dabei mühen sie sich redlich. 15 Songs in 71 Minuten sind es geworden, davon entfällt alleine eine halbe Stunde auf die vier Parts von "The willing well". Auf dem Vorgänger hieß der Mehrteiler noch "The camper velourium". Diesmal haben sie wohl gedacht: drei Teile waren's letztes Mal nur? Können wir besser. Nein, können sie nicht. "The willing well" reißt nicht ganz so mit. Der Titelsong des letzten Albums findet indes im gewaltigen Sechsminüter "Welcome home" einen Nachfolger. Jener bedient sich ein bißchen bei Blind Guardian und ein bißchen viel bei "Kashmir" von Led Zeppelin, wie schon unzählige vorher. Doch Coheed And Cambria wildern nicht nur im fremden, sondern auch im eigenen Oeuvre. Das höchst geradlinige und dennoch fleißig hakenschlagende "The suffering" gleicht "Three evils (Embodied in love and shadow)" vom Vorgängeralbum im Refrain bisweilen bis aufs Haar; statt des berühmten "Pull the trigger and the nightmare stops"-Hooks singt Sanchez kurzerhand "Listen well, will you marry me?". Dazu zitiert der dritte Teil von "The willing well" die halbe Banddiscographie. Konzept oder auch ein wenig Einfallslosigkeit? Vielleicht beides.

Mit besagtem Vierteiler-Finale hat der Prog einen noch größeren Raum eingenommen, aber auch ein Mehr an Pop ist zu verzeichnen. Zuallererst in der höchst geschmäcklerischen Ballade "Wake up", die man durchaus für das Grausamste am ganzen Album halten kann. "I'd do anything for you / Kill anyone for you." Nun ja. Anderes ist eher grausam im Wortsinne und doppelbödig bis zum freien Fall. Vom Riffgewitter "Ten speed (Of God's blood & burial)" angefangen über "Crossing the frame" mit kurzem Drumcomputereinsatz und das schneidende "Once upon your dead body" bis hin zum nur vermeintlich gutgelaunten "The lying lies & dirty secrets of Miss Erica Court". Es ist immer das Gleiche: Man läßt die Platte so nebenbei beim Bügeln laufen und denkt sich nichts Böses. Dann zieht man die Stecker, geht nach draußen in die Sonne und merkt erst viel zu spät, wie man unversehens irgendwelche Sachen vor sich hinträllert, die nun wirklich nicht zum Vor-sich-hin-Trällern geeignet sind: "So when I kill before the nocturne / In her preaching / I have given company." Da beißt man sich doch schnell auf die Zunge.

Wohlgemerkt: Dieses dritte Werk von Coheed And Cambria ist nicht wie zunächst angekündigt der letzte Teil der zusammenhängenden Science-Fiction-Saga. Sondern nur des Endes erster Teil, wie der Titel schon sagt. "Volume two" und damit das Ende des Endes soll folgen. Oder nochmal in aller Klarheit ausgedrückt: Hier geht's um ein übergeordnetes Konzept aus fünf Alben, wovon Nummer 2, 3 und hiermit 4 schon veröffentlicht sind und als nächstes Nummer 5 folgt. Und irgendwann auch der erste Teil mit einem großen Knall für die große Aufklärung der Story sorgen soll. Erste Erklärungsansätze bringt die gefüllte Spritze, die dem neuen Album via T-Shirts oder Konzert-Bannern visuell vorwegprescht. Was da wohl drin ist? Das Gegenmittel für den Monstar-Virus? Doch eher für den Sinstar-Virus? Lecker rote Grütze? Das Blut von Al The Killer, General Mayo Deftinwolf, Offizier Senf Würzinhund oder all den anderen geselligen Zeitgenossen, die wir über die Alben hinweg kennengerlernt haben? Nichts ist sicher. Was denn auf diesem Album hier tatsächlich in oder zwischen den Zeilen steht? Nun, wir sind beim sechsten Absatz. Deshalb soll nun mal verzichtet werden, darauf einzugehen. Willst Du es wirklich verstehen? Von Anfang bis Ende, bis ins Detail? A-L-L-E-S? Dann lies das offizielle Board und nimm dir den passenden Comic, der dieser Tage erscheint. Und gleich noch zwei Jahre unbezahlten Urlaub.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Welcome home
  • Ten speed (Of God's blood & burial)
  • Crossing the frame
  • The suffering
  • The willing well II: Fear through the eyes of madness

Tracklist

  1. Keeping the blade
  2. Always and never
  3. Welcome home
  4. Ten speed (Of God's blood & burial)
  5. Crossing the frame
  6. Apollo I: The writing writer
  7. Once upon your dead body
  8. Wake up
  9. The suffering
  10. The lying lies & dirty secrets of Miss Erica Court
  11. Mother may I
  12. The willing well I: Fuel for the feeding end
  13. The willing well II: Fear through the eyes of madness
  14. The willing well III: Apollo I: The telling truth
  15. The willing well IV: The final cut

Gesamtspielzeit: 71:30 min.

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