David Gray - Life in slow motion

David Gray- Life in slow motion

IHT / Atlantic / Warner
VÖ: 12.09.2005

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Lähmungserscheinungen

In weltweit sechs Millionen Haushalten steht David Grays 2000er Großtat "White ladder". Sechs Millionen. Und wo steht er selbst, fünf Jahre und zwei Alben später? Knietief im orchestralen, überproduzierten Kitschmoor. Die Leiter führt längst nicht mehr auf den Singer-Songwriter-Thron, sondern in die expandierende musikalische Belanglosigkeit. Und dabei ist das alles bestimmt gut gemeint gewesen: Gray wollte ein wenig experimentieren und keine weitere LoFi-Wohnzimmer-Sound-Platte machen. Also wurde Produzent Marius De Vries engagiert, der zuletzt Rufus Wainwrights opulente Werke "Want one" und "Want two" zu Diamanten schliff. De Vries tut im Fall Gray sein Bestes, aber das Songmaterial wirkt wie ein Mauerblümchen in Gucci-Garderobe: vollkommen overdressed. Und ebenso hilflos.

Bereits das kühl-ästhetische Cover und der kreative Albumtitel "Life in slow motion" erinnern stark an diese windigen Wellness-CDs, die gestreßten Menschen an Drogeriemarktkassen "Entspannung!" entgegensäuseln und angebliche Seelenbaumelei versprechen. Wenn man Grays sechstes Album einlegt, bestätigen sich jene Assoziationen durchaus. Genau so, wie man sich dieses Möchtegern-Ohren-Yoga immer vorstellt: Langsam anschwellende Streicher weben ein atmosphärisch engmaschiges Netz, aus dem sich David Gray während der folgenden dreiviertel Stunde kaum befreien kann. Eine klebrig süße Träumergitarre setzt ein, es hallt effekthaschend und wahrscheinlich fiept auch irgendwo im Hintergrund, auf Tonspur 96, ein Wal. Fehlt eigentlich nur noch die Panflöte. Wer hierbei ernsthaft relaxen kann, hat überhaupt keine Entspannung nötig.

Gray bemüht sich, gesanglich den Arrangements gerecht zu werden. Umgekehrt würde es mehr Freude bereiten. Stets ist man versucht, dem Orchester "Jetzt laßt ihn doch auch mal!" anzuordnen. Aber es hört ja nicht zu und schon gar nicht auf. Also was tun? Rausholen, was noch geht. Und das sind: harmoniesüchtige Radiotauglichkeit im Breitwandformat und gefällige Schunkel-Gemütlichkeit, die auch mindestens Bierzelt-Ausmaße hat. Nichts mehr da von der einstigen Intimität, für die man "Babylon" liebte. "The one I love" erweist sich als dralle Großcousine von Bruce Springsteens "Waitin' on a sunny day" und hält irrtümlicherweise hohes Gejauchze für einen Gefühlsverstärker. "Lately" ist erfreulich sparsam instrumentiert, zur Abwechslung schraubt sich Grays Stimme im Refrain nach oben, wie ein verwirrter Kran, der mit den Kranichen ziehen will. Das ist zwar ungewohnt, aber tatsächlich überaus bezaubernd.

Bei "Nos de cariad", Walisisch für "Gute Nacht, Liebste!", ist dafür wieder die komplette Mannschaft präsent. Aufgebrachte Klavierklänge duellieren sich mit engagierter Percussion. Ein Schlaflied ist das nicht gerade. Und dann heißt es: "A bucketful of Babylon / A belly full of hate." Hört man da etwa sowas wie - bitte einen Trommelwirbel, Orchester! - Rebellion? Nicht wirklich, leider. Auf "From here you can almost see the sea" versucht sich Gray herzausschüttend an Kopfstimmengesang. Irgendwie rührend. "Ain't no love" bedient sich der beliebten Schulhofgeräuschkulisse, die Künstler gerne integrieren, wenn sie beabsichtigen, Grundsätzliches über das Leben zu sagen. Eine ganze Menge blumiger Metaphern folgen und ein verhaltensauffälliges Harmonium, das man gerne sofort zum Rektor schicken würde. "Hospital food" übt Konsumkritik im Mitklatsch-Rhythmus. Die 80er-Jahre-Synthesizer-Sounds müssen ironisch gemeint sein. "Life in slow motion / Somehow it don't feel real."

(Ina Simone Mautz)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Lately

Tracklist

  1. Alibi
  2. The one I love
  3. Lately
  4. Nos da cariad
  5. Slow motion
  6. From here you can almost see the sea
  7. Ain't no love
  8. Hospital food
  9. Now and always
  10. Disappearing world

Gesamtspielzeit: 45:02 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Armin
2006-03-24 12:42:30 Uhr
DAVID GRAY - Live In Slow Motion
DVD, VÖ 31.03.2006
Er ist einer der feinfühligsten Songwriter der Gegenwart. Seine Lieder sind kleine Dramen voller Poesie, und seine Stimme lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass er wirklich fühlt, was er singt. DAVID GRAYs jüngstes Album Life In Slow Motion stieg in England von 0 auf 1 in die Charts ein und wurde mit einer Top-50-Platzierung in Deutschland zu seinem hier bisher erfolgreichsten Album. Vor wenigen Wochen schloss er seine Deutschland-Tournee ab, für die er in höchsten Tönen gelobt wurde.

In der Tat, wer die emotionale Dimension DAVID GRAYs wirklich fassen möchte, braucht dazu einen Live-Eindruck. Immer wieder wirkt GRAY hin- und hergerissen zwischen dem Drang, sich unsichtbar zu machen, und dem Glück, auf ein dankbares Publikum zu treffen. In der Musik blüht der introvertierte DAVID GRAY auf und entfaltet seinen Charme. Er scheint die Songs nicht nur vorzutragen, sondern sie in jedem Takt neu zu erfinden. Dies ist jedenfalls der Eindruck, den die bemerkenswerte Live-DVD-Video Live In Slow Motion hinterlässt, die ein Konzert von einer fesselnden Intensität zeigt.

Zwei Stunden lang spielte DAVID GRAY im Dezember 2005 im Hammersmith Apollo in London vor einem Publikum, das wie hypnotisiert an seinen Lippen hing. Der Großteil der Songs stammte aus dem Album Life In Slow Motion, das Anlass und Namensgeber der Tour war. The One I Love erreichte in England die Top-10 und ging als Single auch bei uns in die Charts, und Hospital Food konnte man zur Deutschland-Tour des öfteren im Radio hören. Aber natürlich durften beim Konzert auch Hits wie Babylon, This Year’s Love und Freedom nicht fehlen und bescherten dem Publikum wohlige Schauer. Zwei Fremdkompositionen befanden sich unter den 19 Songs, nämlich eine vorzügliche Interpretation des Randy-Newman-Songs Baltimore und eine gelungene Coverversion von Friday I’m In Love von The Cure.
Zusätzlich zum Konzertmitschnitt enthält Live In Slow Motion eine Bonussektion mit den Videos zu Hospital Food, Alibi und The One I Love sowie ein ca. 10-minütiges Feature über die Entstehung des Albums Life In Slow Motion, das GRAY während der Aufnahmen im Studio zeigt. Die Kommentare können in fünf Sprachen untertitelt werden.

Seinen Durchbruch feierte DAVID GRAY im Jahr 2000 mit dem Album White Ladder, das er komplett im eigenen Homestudio aufgenommen hatte. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt schon zwei Alben (erfolglos) bei einer Plattenfirma veröffentlicht hatte, war es dieses mit einem winzigen Budget selbst produzierte Album, das ihm urplötzlich Millionenverkäufe bescherte. Zwei Millionen verkaufte Alben in England, zwei Millionen in den USA, eine Grammy-Nominierung, ein Q-Award sowie Nominierungen für BritAward und Ivor Novello Award belohnten DAVID GRAY spät, aber reichlich für sein großes Talent.
Life In Slow Motion ist nach A New Day At Midnight (2002) das dritte Album seit White Ladder, und Live In Slow Motion ist die erste DVD-Video- Veröffentlichung des Künstlers bei der Warner Music Group.

Länge: ca. 140 Minuten

la la la
2006-01-16 23:00:08 Uhr
Muss ein Album namens "Slow motion" Highlights haben? Nee. Die sickert eben durch, langsam, unbeschwert, soft - und ist meines Erachtens eine gute Easy-Listening-Scheibe - mit Tiefen!
Armin
2006-01-13 12:45:30 Uhr
DAVID GRAY - Hospital Food
CDM, VÖ 03.03.2006
Große Melodien für intensive Gefühle sind die Stärke von DAVID GRAY. Feierte der introvertierte Brite im Jahre 2000 mit seinem Album White Ladder einen unvergesslichen Durchbruch, so beweist er mit seinem aktuellen Album Life In Slow Motion, dass er bis heute nichts von seiner suggestiven Kraft verloren, sondern im Gegenteil an Reife gewonnen hat. DAVID GRAY-Songs sind wundervolle kleine Epen, die sich auf einem Album zu einer homogenen Einheit zusammen finden. Etwa wie Hospital Food (Tell Me Something), das mit einem opulent-kraftvollen Einstieg beginnt und dann in einer Melodie von unverstelltem Gefühl aufgeht. Songs wie dieser sind der Grund dafür, dass Life In Slow Motion in England die Position 1 der Charts erreichte und mit einem Einstieg in die Top-50 in Deutschland auch sein bisher erfolgreichstes Album bei uns ist.

Im Februar wird DAVID GRAY auch seine zahlreichen deutschen Fans live auf der Bühne begeistern, und dabei ein herausragendes Repertoire an hochatmosphärischen Songs mitbringen:
25. Januar 2006, Köln, Theater am Tanzbrunnen
28. Januar 2006, München, Elserhalle
01. Februar 2006, Stuttgart, LKA
04. Februar 2006, Berlin, Huxley's
05. Februar 2006, Hamburg, Große Freiheit

Armin
2005-11-24 17:48:00 Uhr
David Gray
25.01.2006 Köln, Theater am Tanzbrunnen
28.01.2006 München, Elserhalle
01.02.2006 Stuttgart, LKA
04.02.2006 Berlin, Huxley's
05.02.2006 Hamburg, Große Freiheit




oli
2005-10-06 13:26:53 Uhr
habe mich auf eine 7- geeignet. Schönes Pop Album ohne Tiefen, aber auch ohne die richtigen Highlights.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Threads im Plattentests.de-Forum