JJ72 - JJ72

JJ72- JJ72

Epic / Sony
VÖ: 30.10.2000

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Popmärchen aus Irland

Es waren einmal ein paar freche Kids aus Dublin, die unbedingt Rockstars werden wollten. Obwohl keiner von ihnen wußte, wie man eigentlich mit einer Gitarre umgeht oder Songs schreibt, gründeten sie eine Band und veröffentlichten eines der besten Debütalben der Musikgeschichte. Danach brachten sie eine Platte nach der anderen raus und wurden reich und berühmt. Und wenn sie nicht gestorben sind, musizieren sie noch heute, wenn sie nicht gerade in ihren Villen Kaviar und Groupies vernaschen... Halt, Moment! Das hier ist kein Märchen und keine verkürzte Biografie von U2. Allerdings paßt die Metapher "Märchen" wie die Faust aufs Auge, wenn es um JJ72 geht. Die Bandhistorie des irischen Trios liest sich tatsächlich so, als ob die Gebrüder Grimm aus ihren Gräbern auferstanden und ins Musikbusinnes gewechselt wären. Überliefert ist, daß sich die drei Jungspunde auf der Highschool kennenlernten. Drummer Fergal Matthews, der aus voller Überzeugung von seinen Fähigkeiten den Schlagzeugunterricht bereits nach einer Stunde hinschmiß, quatsche Sänger/Gitarrist Mark Greaney an, weil er angeblich seine Jacke besonders cool fand. Da man noch einen Bassisten brauchte, rekrutierte man kurzerhand Hillary Woods, obwohl diese noch nie im Leben einen Bass in der Hand gehalten hatte. Flugs wurden Songs eingespielt, die nationalen Radio-Stationen sprangen in Rekordzeit auf den ersten Demotrack "Oxgen" an, und kurz darauf klopfte Major Sony an der Tür...

Auch wenn JJ72 zum Plattendeal gekommen sind, wie die Jungfrau zum Kinde - ihr selbstbetiteltes Debüt ist keineswegs ein Ding der Unmöglichkeit. Statt einer Fehlgeburt legt das Trio ein Dutzend ausgereifter Songs vor, die geschickt auf dem Grat der bittersüßen Melancholie entlang wandern. Die großen Vorbilder Joy Divison, die auch für den etwas seltsamen Bandnamen verantwortlich sind, schimmern aus jeder Tonleiter hervor und erstrahlen bei JJ72 in einem neuen, rockigen Gewand. Die Texte beklagen Liebe und Leid in allen erdenklichen Formen und werden in üblicher "mal zart, mal hart"-Manie zum Besten gegeben. Trotz der altbekannten Struktur gelingt es der Band eine schwebend leichte Atmosphäre zu erzeugen, in denen die Songs elegant und stilsicher wie Fische im Wasser dahingleiten. Das liegt vor allem an Sänger und Gitarrist Mark, der in seinem stimmlichen Vortrag nur allzu oft an Radioheads Thom Yorke oder Placebos Brian Molko erinnert. Engelsgleich schwingt er sich zwischen den schmachtenden Melodien hin und her, um kurz darauf mit einem erdigen Gitarrenriff wieder sicher auf dem Boden zu landen. Es ist die große Stärke seiner Band, niemals ins Extreme auszufallen und trotz aller emotionalen Hoch- und Tiefflüge die musikalische Eingängigkeit nie aus dem Auge zu verlieren. Nur der Song zählt, und der muß bei JJ72 dreieinhalb Minuten lang sein und ins Ohr gehen. So reiht sich eine wunderschöne Nummer an die nächste, angefangen beim hypnotischen Opener "October swimmer" bis hin zum herrlich traurigen "Not like you".

Okay, zwischendurch geht die Abwechslung schon mal ein bißchen flöten und auch die Dilettanz der Musiker an ihren Instrumenten fällt stellenweise auf. Man kann auch nicht leugnen, daß ihr Sound weder besonders originell noch zukunftsweisend klingt. Tatsache ist aber, daß die Band ein mehr als respektables Debüt aufgenommen hat. Denn anstatt ihre seelenverwandten Musikerkollegen wie Radiohead oder Coldplay zu kopieren, haben es die drei Iren geschafft, eine eigene Nische für sich zu kreieren. Zwar wird die Platte sicherlich nicht als bestes Debütalbum in die Geschichte eingehen und auch an den U2-Status werden JJ72 wohl nie herankommen, aber eines ist sicher: Von dieser Band wird man noch hören.

(Christof Nikolai)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • October swimmer
  • Long way south
  • Not like you

Tracklist

  1. October swimmer
  2. Undercover angel
  3. Oxygen
  4. Willow
  5. Surrender
  6. Long way south
  7. Snow
  8. Broken down
  9. Improv
  10. Not like you
  11. Algeria
  12. Bumble bee

Gesamtspielzeit: 45:00 min.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum

  • JJ72 (77 Beiträge / Letzter am 14.01.2012 - 03:13 Uhr)

Anhören bei Spotify