Charlottefield - How long are you staying?

Charlottefield- How long are you staying?

Johnson Family / Fat Cat / PIAS / Rough Trade
VÖ: 25.07.2005

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Roche and roll

Es gibt Platten, die einem Schmerzen bereiten, wann immer man sie hört. Dafür kann es viele Ursachen geben: Der Rezensent zum Beispiel bekommt von vielem Radio-Gedudel Schmerzen in der Hand, was aber auch mit den vielen heftigen Schlägen auf den armen Apparat zu tun haben mag. Manchmal hört man aber auch Lieder, die einen an eher bescheidene Zeiten erinnern. Oder aber an schöne, die nur leider schmerzhafterweise vorbei sind. Und dann gibt es natürlich noch diese Krawallplatten, die einem in den Ohren liegen und am Trommelfell herumbohren.

Charlottefield bewegen sich irgendwo zwischen diesen Eckpunkten: Hier findet sich genug Krawall, um schnell mit der Hand nach der Fernbedienung zu schlagen, aber auch jede Menge Melancholie und Weltschmerz. Das hört sich an wie das musikalische Äquivalent zu einem Wodka-Cola-Tabletten-Cocktail, gemischt aus Hardcore, Post-Punk und Depressionen. Wenn ihr wissen wollt, wie sich das anhört, nehmt eine Les Savy Fav-, eine Television und eine Liars-CD, und dann, nein, nicht gut schütteln, sondern nacheinander als Kreissägenblatt verwenden. Und nicht vergessen: Nicht Vollgas geben, sondern immer schön langsam, dann hat man mehr davon, wenn man die Finger reinsteckt. Lange dauert es aber nicht, nach einer knappen halben Stunde ist der Sturm vorüber.

Der Baß wird hart gespielt, als wollte Chris Butler den Red Hot Chili Peppers Konkurrenz machen. Das funktioniert jedoch nicht, weil die schräge Gitarre und das Schlagzeug die Melodie in einer aggressiven Monotonie festhalten, die Thomas House zusammenbrüllt. Sprechgesang á la Kiedis wäre da eine Wohltat. Und dann mittendrin, im Auge des Sturms, findet sich mit "How long" sogar so etwas wie eine Ballade. Kurz bevor dann mit "Weevils" die Welt untergeht, findet man dann in "Paper dart" glatt noch Platz für ein paar Pop-Momente, wobei zur ausnahmsweise etwas komplexeren Liedstruktur auch mal eine eher freundliche Gitarre aufspielt.

Aber eine fade Wintersonne macht noch keinen Frühling. Nein, Spaß macht "How long are you staying?" sicher nicht, soll es auch nicht. Was dieses Album ausmacht, ist das passgenaue Balancieren auf der blutigen Kante. Aber seien wir ehrlich: Das Schöne am Schmerz ist das Gefühl, wenn es vorbeigeht. Immer wieder.

(Holger Schauer)

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Highlights

  • The eleventh day
  • Paper dart

Tracklist

  1. Nine tails
  2. A:B
  3. Again
  4. Clipper
  5. How long
  6. The eleventh day
  7. Paper dart
  8. Weevils

Gesamtspielzeit: 28:29 min.

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