Verstärker - B-Seiten

Verstärker- B-Seiten

Milchmann / Rough Trade
VÖ: 25.07.2005

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Federgewicht

Auch wenn auf der Brust stolz die Plakette "Münchner Band des Jahres 2004" schillert, sind das doch einmal große Töne für eine deutsche Nachwuchskombo: Nicht nur, daß Verstärker als Titel für ihr zweites Album mit "B-Seiten" einen der kultigsten Musik-Spezialausdrücke überhaupt stibitzen, ohne daß sich auch nur ein einziger solcher Track auf dem Silberling befindet. Nein, Lied Nummer eins verkündet auch noch vollmundig "Die neue Traurigkeit". Was soll denn das bitte heißen? Schlagworte wie diese sind entweder hypenden Popjournalisten oder maximal noch den Andersfühltexten der Tocotronic-Jugend vorbehalten. Anders mögen sich Verstärker ja vielleicht auch fühlen, aber Texte gibt es kaum. Denn statt seltsamen Zeilen bietet "B-Seiten" instrumentelle Projektionsfläche, die ein jeder mit eigenen Grübeleien und Wehwechen füllen kann.

Und dabei helfen dem Hörer natürlich wieder die ungewöhnlichen Songtitel, das kennt man ja bereits von kruden Musikerkollegen wie Mogwai und all den anderen mit dem "Post" vorne am Rock. Zu denen sich dann auch musikalische Parallelen ziehen lassen. Zwar nicht ganz so radikal und nicht ganz so gigantisch, aber auch bei Verstärker ergießen sich die Songs in ausschweifende, vielschichtige Gitarrenstücke weit über gängige Rockstrukturen hinaus. Die Drums geben dabei zwar zeitweise eine deftige Art von handgemachten Drum'n'Bass vor, aber in der Regel tragen gefühlvolle Melodien unterstützt von Elektrowölkchen die bedächtigen Lieder davon. Das lädt dazu ein von sternnebligen Seenächten zu träumen, "Schwarzer Krauser"-Ringchen in die Luft zu blasen oder auch einfach mal die bunten Wachsmalstifte tanzen zu lassen.

Erhebt Bandkopf Roberto Cruccolini doch seine Stimme, dann scheinen in "Kollege Bob" deutsche Popleichtgewichte wie Virginia Jetzt! gar nicht einmal so fern. Die Harmonie verbindet, wiewohl bei Verstärker stets eine große Portion Ernst und Bedeutung mitschwingt. Was ja vielleicht mit dem Wälzen zu schwerer Lektüre erklärt werden kann. Das von mittelalterlichen Flötentönen begleitete "Goldmundswelt" spielt an den umherstreifenden Wuschelkopf aus einem Hermann-Hesse-Roman an. Und mit Theodor Storm und Else Lasker-Schüler geben weitere deutsche Literaten sogar die Textvorlage für zwei Lieder ab. Letztere mit ihrem schaurig-schönen Gedicht "Weltflucht" in "Lyrik, Teil 1". "Meinwärts" führt der Versuch vielleicht nicht, aber der daran anschließende, logisch betitelte Abschlußtrack "Lyrik, Teil 2" mag zumindest in seinem großartigen Verzerrer-Gewitter die wehenden Fäden "wirrwarr endend" um den verwirrten Hörer ziehen. Verstärker haben durchaus das Potential für ein paar A-Seiten.

(Tobias Wallusch)

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Highlights

  • Die neue Traurigkeit
  • Kollege Bob
  • Lyrik, Teil 1

Tracklist

  1. Die neue Traurigkeit
  2. Storm
  3. Kollege Bob
  4. Schwarzer Krauser
  5. Solaris I
  6. Solaris II
  7. Solaris III
  8. Solaris IV
  9. Scheinen
  10. Einschlafen
  11. Träumen
  12. Traumeln
  13. Aufwachen
  14. Goldmundswelt
  15. Manhattan Classic
  16. Lyrik, Teil 1
  17. Lyrik, Teil 2

Gesamtspielzeit: 78:16 min.

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