Gåte - Iselilja

Gåte- Iselilja

WEA
VÖ: 30.05.2005

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Rätselraten

Inzwischen dürfte es sich ja bereits herumgesprochen haben, daß Kolumbus gar nicht der erste Europäer in Amerika war. Nein, knapp 500 Jahre vor ihm hatte nämlich bereits der weitgereiste Wikinger Leif aus dem kühlen Norwegen die ersten haarigen Füße auf den Kontinent gesetzt. Aber die feste Steinaxt war zu wenig an Ausstattung für das ungewohnte Terrain. Hunger und Indianer warteten, weswegen das Mammut-Fell wieder eingepackt wurde und die Nachzüglern den Ruhm ernten durften. Doch man stelle sich mal vor, das hätte geklappt: Der American Way wäre ein norwegischer, statt Burger gäbe es Fårikål, und so ziemlich jeder Buchstabe dürfte sich über Extrakringel freuen.

Aber ob man es mag oder nicht, Amerika gilt als der Nabel der Welt und ein Album wie "Iselilja" von Gåte erschreckt erstmal. Die Band um die 20-jährige Sängerin Gunnhild Sundli entspringt nämlich dem Land von Leifs Erben und schreibt sich diese Tradition auch dick auf die Fahnen: Wilder Fideleinsatz, dumpfe Drums und harte Gitarren mit großer Metal-Schlagseite, so die Bausteine ihrer norwegischen Neo-Folklore. Teils mit leichtem Gothic-Einschlag, meist mit einer Vorliebe für's Mittelalter und immer mit einer knalligen High-End-Produktion im Rücken. Gåte sind so etwas wie das norwegische Pendant zu Within Temptation vor. Ähnlich anstrengend und nicht zum Dauergenuß geeignet zwar, jedoch mit dem großen Unterschied, daß man hier alleine vom Hören keine ekligen Pusteln bekommt. Sondern sich tatsächlich irgendwie gebannt fühlt. "Knut liten og Sylvelin" geht so auf halber Strecke in eine strahlende Pop-Explosion auf, die die aufsässigen Ureinwohner in Nordamerika damals sicherlich staunend in die Knie gezwungen hätte.

Wie üblich wird solche Waldmagie mit einer gehörigen Portion Pathos zelebriert, ob mit Klassikanleihen im schön-schiefen Instrumental "Ola I", ausufernd in der epischen Elf-Minuten-Ballade "Gjendines bånsull" oder sowieso jederzeit in der schrill enthobenen Stimme von Frontfrau Gunnhild. Die natürlich auch alle Stücke im hemischen Norwegisch darbietet. Oder genauer in Nynorsk, dem selteneren der beiden Landesdialekte. Na wenn das kein Ansporn ist, die Band aus Trondheim zu mögen: Als Gåte-Hörer beweist man nicht nur Offenheit für Fremdes, sondern ebenso ein Herz für Minderheiten. Große Rock'n'Roll Tugend!

Und ganz ehrlich, ob sie nun den Waldschrat beschwört oder fiese Akneprobleme beklagt, muß man es denn wirklich wissen? Klanglich betrachtet fügt sich der mysteriöse Hauch um die schachteligen Töne sowieso gut ein. Und wer weiß, vielleicht stellt ja Nynorskenträtseln sogar einen noch viel größeren Knobelspaß dar, als über Kettcar-Texten zu brüten. Eine gewisse Ähnlichkeit zum Deutschen scheint ja gegeben, wenn beispielsweise im melancholischen "Sjåaren" mal wieder typisch der Norweger mit "Gras um ein rum, ich wa-ha-sche ein Steak" etwas naiv Naturbilder und menschliche Bedürfnisse verbunden werden. Oder etwa nicht?

(Tobias Wallusch)

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Highlights

  • Fredlysning
  • Knut litgen og Sylvelin
  • Ola I

Tracklist

  1. Fredlysning
  2. Sjå attende
  3. Knut litgen og Sylvelin
  4. Du som er ung
  5. Jomfruva Ingebjor
  6. Sjåaren
  7. Rike Rodenigår
  8. Ola I
  9. Kjærleik
  10. Gjendines bånsull

Gesamtspielzeit: 49:21 min.

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