Scycs - Honeydew

Scycs- Honeydew

WEA
VÖ: 30.10.2000

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Schmetterlinge im Bauch

Die Scycs gaben einem in der Vergangenheit wahrlich genügend Gründe, sie abgrundtief zu hassen. Angefangen haben die Magdeburger als Gaststars in der RTL-Soap "Unter uns", was ihner ersten Single "Next november" und dem Debütalbum "Pay TV" zu einem beachtlichen Chartserfolg mitverhalf. Das gute Image war natürlich futsch und die Scycs konnten sich fortan vor Etiketten wie "Soap-Stars" oder "Teenie-Band" kaum mehr retten. Nicht gerade die besten Vorzeichen für ein zweites Album, mit dem die fünf den Sprung zur erwachsenenen Band schaffen wollen und statt belächelt endlich ernstgenommen werden wollen.

Wer sich etwas eingehender mit den Scycs beschäftigt, wird ohnehin sehr schnell feststellen, daß meist zu Unrecht von allen Seiten auf die Band eingeprügelt wird. Denn die fünf Magdeburger sind keineswegs das gecastete Produkt eines windigen A&Rs sondern einer der wenigen Bands, die es vom Proberaum durch harte Arbeit zum Plattenvertrag geschafft haben. Die Scycs stehen hinter ihren Idealen und geben auch auf der Bühne alles, was nicht selten dazu führt, daß man Sänger Stephan Michme mit hochrotem Kopf von dannen ziehen sieht. Es macht daher durchaus Sinn, daß die Scycs auf "Honeydew" sich nicht von irgendwelchen kritischen Stimmen, sondern nur von sich selbst leiten lassen und die Musik spielen, hinter denen sie voll und ganz stehen. Die Grunge-Einflüsse, die auf dem Debüt noch vereinzelt auftauchten, sind einem opulenten Popgewand gewichen. Dazu gesellt sich in fast jedem Song eine dicke Schicht Streicher, die von einem eigens angemieteten Kammerorchester eingespielt wurden.

Romantik wird groß geschrieben und über weite Strecken gelingt es den Scycs auch tatsächlich, diese authentisch zu vermitteln. Die erste Single "Radiostar" hat es verdient, auf allen großen Radiostationen wundgespielt zu werden und auch der druckvolle Opener "Just a view" oder das beschwingte "Out of tune" bringen beste Voraussetzungen für ausgiebiges Airplay mit. Das zweigeteilte "She is a daisy" bedient sich schließlich etwas zu schamlos bei der Keyboardmelodie von HIMs "When love and death embrace" und reicht Gevatter Tod ein dickes Lebkuchenherz. Doch gerade bei "She is a daisy" zeigt sich auch die große Schwäche von "Honeydew". Wer sein Herz ohne Rücksicht auf Verluste offenlegt, läuft einfach früher oder später Gefahr, viel zu dick aufzutragen. Wenn der Song "She is a daisy" heißt und Stephan Michme mit den Worten "Sie ist ein Gänseblümchen in einem Feld von Rosen / Sie ist der Samt in einem Feld aus Gold" um seine Geliebte balzt, weichen die Schmetterlinge im Bauch irgendwann einem flauen Gefühl und man ist letztendlich doch froh, daß die englische Sprache für solche Zwecke erfunden wurde. Wenn einem dann Zeilen wie "Follow me down / Down into a land I call a toyland / Follow me down into wonderland" entgegenfliegen sollte man seine Assoziationen besser unterdrücken, denn mit Pur und deren "Abenteuerland" in eine Schublade gesteckt zu werden, haben die Scycs wahrlich nicht verdient.

Nachdem die Magdeburger auf "Rocket" einen Song lang die Verzerrer etwas maßloser aufgedreht haben, weiß man, daß sie im Reich der Balladen wohl doch besser aufgehoben sind. Die Scycs haben keine Angst, große Gefühle zu zeigen und versuchen auf "Honeydew" auch gar nicht, diese zu verstecken. Deswegen wird auch sicherlich der eine oder andere aus dem zahlreichen Kreis derer, die nach der Debütsingle "Next november" die verbale Schlammschlacht eröffnet haben, "Honeydew" verschämt zur Kasse tragen. Denn im Winter liegen die Hemmschwellen niedriger und irgendwann wird ein dicker Zuckerguß Romantik auch das hartnäckigste Herz aus Stein zum Erweichen bringen.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Radiostar
  • Yellow island
  • She is a daisy

Tracklist

  1. Just a view
  2. Radiostar
  3. Out of tune
  4. Yellow island
  5. The end
  6. Strokes my soul
  7. Lost and beautiful
  8. Send a letter
  9. No sleep
  10. My own radio
  11. Rocket
  12. Garden
  13. She is...
  14. ...a daisy

Gesamtspielzeit: 53:45 min.

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  • Scycs (18 Beiträge / Letzter am 28.09.2017 - 20:13 Uhr)