Sufjan Stevens - Illinois

Sufjan Stevens- Illinois

Asthmatic Kitty / Rough Trade / Sanctuary / Rough Trade
VÖ: 11.07.2005

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Alle Register

Nicht nur für den erfolgreichen Marathonläufer Marzuki Stevens ist es ein großes Glück, daß der lange Atem bei ihm in der Familie zu liegen scheint. Auch sein kleiner, liedermachender Bruder Sufjan verläßt sich auf ein besonders ausgeprägtes Durchhaltevermögen. Runde 130 Jahre möchte er offenbar alt werden, vorausgesetzt er hat tatsächlich vor, sein unvorstellbares 50-Alben-über-50-Bundesstaaten-Vorhaben im derzeitigen Tempo fortzusetzen und fertigzustellen. Alle zwei Jahre eine Platte, damit zwischendurch auch noch hübsch Zeit bleibt für die Nebenprojekte, und keine halben Sachen bitteschön. Rationales Haushalten mit Songideen kennt auch Teil zwei der Serie höchstens aus dem Fernsehen. "Illinois" ist, das mal salopp gesagt, voll bis oben hin.

22 Songs, 74 Minuten und eine Tracklist, die kaum aufs Hinterteil der Platte gepaßt hat. Sufjan Stevens mag zwar verrückt sein, er läßt sich aber nicht verrückt machen. Stattdessen wird die Sache auf "Illinois" mehr denn je mit einem hintersinnigen, verschmitzten Humor angepackt, der wohl unabdingbar ist, wenn man seine Musik, seinen Plan so ernst nimmt, wie Stevens das tut. Und nur so war es wohl auch möglich, daß die Räume auf "Illinois" noch größer, die Instrumentierung noch bunter, die Arrangements noch verwickelter werden konnten. Sein bisher eher imaginäres Backgroundorchester hat Stevens erweitert um den Chor der Illinoisemakers, ein Streicherquartett, einen Trompeter und einen Schlagzeuger. Es bleiben ihm trotzdem noch 18 Instrumente, die er wieder selbst eingespielt hat.

Mit dieser Sache im Kopf wird man zunächst einmal ganz prima verladen. "Concerning the UFO sighting near Highland, Il" stellt nur ein Klavier und ein paar Flöten zwischen Stevens und sein Songwriting. Es ist der kürzeste, leiseste und schönste richtige Song des Albums, und er nimmt nicht ansatzweise vorweg, was ihm noch folgen wird. Der Weg von "Michigan" nach "Illinois" ist nämlich doch ein bißchen länger, als er auf der Karte zunächst aussah. Hier gibt es "Decatur" mit Akkordeon und seinem unfaßbaren Text von Abraham Lincoln, einem Krokodil und Deiner Stiefmutter, to name a few. Oder "The man of Metropolis steals our hearts", das Stevens' Neigung zum klassischen Arrangement mit dem Kopf zuerst gegen eine kratzige Rockgitarre rennen läßt. "Michigan" war da noch nicht so locker.

Aber letztlich ist ohnehin egal, in welchem Staat wir uns gerade befinden. Denn auch auf "Illinois" ordnet sich wieder alles dem großen Ganzen unter, während Stevens mit dicken Pinseln, spitzem Bleistift und leichter Hand an seinem ganz persönlichen Amerika-Portrait malt. "Chicago" bietet seiner ratlosen Teenage Angst als banaler Popsong im Streichertaumel die Stirn. "Casimir Pulaski Day" ist so ein kleines, schwer atmendes Banjo-Ding, nichts weiter. Und "Come on! Feel the Illinoise!" teilt sich mit "The tallest man, the broadest shoulders" nicht nur ein Klaviermotiv. Es sind die beiden laufstärksten, trickreichsten, tollkühnsten Kompositionen der Platte. Sie geben ihr einen Rahmen, in dem für Stevens tatsächlich nichts mehr undenkbar zu sein scheint.

Und so besinnt sich das Landei bzw. der Wahl-New-Yorker Augenblicke später schon wieder auf einen der seltenen bewußt konkreten Momente des Albums. Die Ballade des Serienkillers "John Wayne Gacy, jr.", der 33 von Illinois' Kindern umgebracht hat, schwebt durch das Album, beinahe unbemerkt, aber keinesfalls spurlos. Bei allem, dem sich diese unwirkliche Musik entzieht und verschließt, gehören Trauer und Tod eben doch zu den Dingen, die sie nicht nur aus dem Fernsehen kennt. Daß es trotzdem so verdammt gut tut, diesen unendlich tiefen, wahren und heilsamen Geschichten von der anderen Seite eines riesigen, unbegreiflichen, wunderschönen Landes zuzuhören - das ist Sufjan Stevens größter Verdienst. Amerika ist, wo das Herz dieses Mannes schlägt.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Concerning the UFO sighting near Highland, IL
  • Chicago
  • Casimir Pulaski day
  • The man of Metropolis steals our hearts

Tracklist

  1. Concerning the UFO sighting near Highland, IL
  2. The black hawk war, or, how to demolish an entire civilization and still feel good about yourself in the morning, or, we apologize for the inconvenience but you're going to have to leave now, or, "I have fought the big knives and will continue to fight them until they are off our lands!"
  3. Come on! Feel the Illinoise! (Part I: The world's Columbian exposition / Part II: Carl Sandburg visits me in a dream)
  4. John Wayne Gacy, Jr.
  5. Jacksonville
  6. A short reprise for Mary Todd, who went insane, but for very good reasons
  7. Decatur, or, round of applause for your step mother!
  8. One last "Whoo-hoo!" for the pullman
  9. Chicago
  10. Casimir Pulasky day
  11. To the workers of the Rockford River Valley region, I have an idea concerning your predicament
  12. The man of Metoprolis steals our hearts
  13. Prairie fire that wanders about
  14. A conjunction of drones simulating the way in which Sufjan Stevens has an existential crisis in the Great Godfrey Maze
  15. The predatory wasp of the Palisades is out to get us!
  16. They are night zombies!! They are neighbors!! They have come back from the dead!! Ahhhhh!
  17. Let's hear that string part again, because I don't think they heard it all the way out in Bushnell
  18. In this temple, as in the hearts of man, for whom he saved the earth
  19. The Seer's Tower
  20. The tallest man, the broadest shoulders (Part I: The great frontier / Part II: Come to me only with playthings now)
  21. Riffs and variatons on a single note for Jelly Roll, Earl Hines, Louis Armstrong, Baby Dodds and the King of Swing, to name a few
  22. Out of Egypt, into the great laugh of mankind, and I shake the dirt from my sandals as I run

Gesamtspielzeit: 74:02 min.

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User Beitrag
Hmm
2018-01-11 23:15:28 Uhr
Hilft mir ja leider nichts, wenn ich ihn aus den genannten Gründen extrem überbewertet finde. Idee gut, Umsetzung na ja.

dreckskerl

Postings: 664

Registriert seit 09.12.2014

2018-01-11 21:44:16 Uhr
Das sagst du.
Selbst auf kleinem tv Format, war ich absolut hingerissen von Atmosphäre und Stimmung des Films. Herausragend gut.

Dieser Meinung sind recht viele, siehe Höchstwertungen bei metacritic.
Hmm
2018-01-11 21:38:38 Uhr
Okay, ich drücke es anders aus: Er ist ambitioniert, aber schafft es leider nicht wirklich, diese Ambition umzusetzen.

dreckskerl

Postings: 664

Registriert seit 09.12.2014

2018-01-11 21:19:32 Uhr
ja sicher, wie manch anderer Song von Sufjan auch.
"Mistery of love" hat er speziell für den Film und dessen Bilder und Geschichte geschrieben.
Der Regisseur des Films hätte keine bessere Wahl treffen können.

Mister X

Postings: 2032

Registriert seit 30.10.2013

2018-01-11 21:04:00 Uhr
Klar vom Text haette es nicht gepasst. Von den Melodien und der Atmosphaere fuer mich aber schon
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