Midnight Choir - All tomorrow's tears - The best of Midnight Choir

Midnight Choir- All tomorrow's tears - The best of Midnight Choir

S2 / Glitterhouse / Indigo
VÖ: 20.06.2005

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Endzeitstimmung

Wir blicken zurück: Als Nico Päffgen den musikalischen Beitrag "All tomorrow's parties" zum 1967er Bananen-Album von Velvet Underground beisteuerte, da tat sie das mit einer dünnen Stimme als fragile Chanteuse. Dem Hörer war (und ist) dabei so gar nicht nach "feiern" zumute. Im Jahr 2005 nennen "Midnight choir" ihr Abschiedsalbum "All tomorrow's tears". Aus Party werden Tränen. Und diese kullern zum Abschied des Norwegischen Trios mit einiger Berechtigung. Es ist ein Trauerspiel: Fünf Alben lang balancierten Midnight Choir bis hin zum letzten regulären Album "Waiting for the bricks to fall" mit düsterem Folk und schleppendem Rock am äußersten Rande des Wohlbefindens. Ein jeder ihrer Songs offenbarte die tiefgründige Fähigkeit, einen Hauch von Pathos, Leidenschaft und abgrundtiefer Melancholie in Songs auszudrücken. Im Grunde klang jedes Album wie ein Abschiedsalbum. Jetzt gehen sie tatsächlich. Was sie hinterlassen? Ein Testament der Melancholie und Angst mit zwei Scheiben vollgepackt mit fast dreißig gebrechlichen Slowrock-Songs.

Es erscheint fast wie Ironie, wenn sie nun, da alles vorbei ist, im Albumtitel von Tränen sprechen. Fast eine augenzwinkernde Abrechnung ist dies mit dem bisherigen Trauerwerk. Denn ausgerechnet der Titeltrack "All tomorrow's tears" kommt mit leichtem Pianolauf daher. Der Sound konterkariert hier den Inhalt. Er war auch bisher nur als B-Seite zu finden. Ansonsten dominieren beim Abschiedstestament meist traurige Töne. Orchestrale Parts wechseln ab mit dem stimmlichen Variantenreichtum von Sänger Paal Flaata. Der nämlich kann in höchsten Höhen schmettern und ganz tief unten grummeln. Und manchmal gar wie ein Prediger das Mikro beschwören wie bei einem Mantra.

Die Musik von Midnight Choir funktionierte schon immer besser als Gesamtkunstwerk auf Albumlänge. Die Stimmung wechselte dabei vom rohen Folk der frühen Jahre hin zu mehr Opulenz in einem leicht poppigeren Ansatz beim letzten Album. Es ist also nur konsequent, wenn die einzelnen Songs nun nicht chronologisch aneinandergehängt, sondern verteilt werden. Wenige Lieder stechen ob ihrer Grandezza gänzlich aus. "October 8" ist vielleicht so einer. Vom Album "Amsterdam stranded". Da kullern die Tränen: "He woke up by her side / In a tiny motel room bible by his side." Das glückselige "Bayview (Time ain't no friend)" oder der "Muddy river of loneliness". Schleppende acht Minuten. Unendliche Tristesse und nicht enden wollende musikalische Schönheit. Dazu immer wieder die religiösen Anspielungen: "Jesus, I don't wanna die alone", singt Paal Flaata mit zartem Schmelz in "Spiritual". Dann gibt es da aber auch die Songs, die mehr Schwung vermitteln: das folkig-flockige "Sister of mercy" oder das zum Ende ins abdriftende wütende "Last Chapter". In der Art dieser differierenden Tempi ähnelt dies den Walkabouts. Kein Wunder: Deren Frontdame Carla Togerson lieh einige Male ihre Stimme, Chris Eckman produzierte die letzten Alben.

Es sind bei näherer Betrachtung wohl nicht zuletzt die Songtitel, die prägenden Eindruck hinterlassen. Wer seine Songs "Sad & lonely" oder "Long hard ride" nennt, von dem sind halt keine Beiträge zur kommenden Kölner Karnevalssession zu erwarten. Doch dies ist nicht zuletzt in Anbetracht der Abschiedsbotschaft "All tomorrow's tears" nur konsequent. Schließen wir also ab mit einem Satz, der auf Midnight Choir vielleicht paßst wie das Taschentuch aufs Auge: Besser ein Ende mit Tränen als Tränen ohne Ende.

(Sebastian Peters)

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Highlights

  • October 8
  • Bayview (Time ain't no friend)
  • Amsterdam stranded

Tracklist

  • CD 1
    1. In the shadow of the circus
    2. Sister of mercy
    3. Will you carry me across the water?
    4. Neon moon
    5. Mercy of Maria
    6. Last chapter
    7. Dear friend
    8. Jeff Bridges
    9. Bayview (Time ain't no friend)
    10. Long hard ride
    11. Talk to me
    12. Turning of the tide
    13. When the wedding bells ring
    14. Long time ago
  • CD 2
    1. Spiritual
    2. Gipsy rider
    3. October 8
    4. All tomorrow's tears
    5. Dega's eyes
    6. Death's treshold step #2/The train
    7. Amsterdam stranded
    8. Unsung heroine
    9. Muddy river of loneliness
    10. Mercy on the street
    11. The ballad of Emma Deloner
    12. Sad & lonely
    13. Poisened veins
    14. Waiting for the bricks to fall

Gesamtspielzeit: 54:43 min.

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