PJ Harvey - Stories from the city, stories from the sea

PJ Harvey- Stories from the city, stories from the sea

Island / Universal
VÖ: 23.10.2000

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der Weg ist das Ziel

Wer auf der Suche nach der undurchschaubarsten Person im Musikgeschäft ist, kommt an Polly Jean Harvey nur schwerlich vorbei. Auf der einen Seite wirkt sie zerbrechlich wie eine Elfe und strahlt dabei dennoch das Selbstvertrauen eines männermordenden Vamps aus. Wenn sie im einen Augenblick morbide wütet wie die Geliebte des Teufels, kann sie schon einen Moment später wie ein Engel flüstern. Und wer ernsthaft glaubte, Björk sei die erste charismatische Sängerin des Genres, die sich in der Schauspielerei versucht, sollte sich "Das Buch des Lebens" mit PJ Harvey in der Hauptrolle als Maria Magdalena zu Gemüte führen, das einmal im Jahr auf unserem führenden Kultursender wiederholt wird. Vielfältige Geheimnisse wie diese machen den Reiz von PJ Harvey und ihrer Musik aus und lassen sie stärker schillern als ein Regenbogen.

Die Cover ihrer Alben lassen vermuten, daß PJ Harveys Entwicklung eine Art musikalische Reise darstellt. Zierten die Vorgänger wie "Dry" oder "To bring you my love" noch Wasserleichen und andere morbide Fanale, war das letzte Werk "Is this desire?" mit zwei verhuschten Fotos einer irdischen Polly Jean beschmückt. Mit dem neuen Album "Stories from the city, stories from the sea" ist Polly Jean inzwischen endgültig aus dem Reich der Toten zurückgekehrt, in der Stadt angekommen und hinterläßt auf dem Cover trotzdem den Eindruck, schon wieder auf dem Sprung zu sein. Die Wandlung von der morbiden Femme Fatale zur bodenständigen Geschichtenerzählerin ist sicherlich nicht wirklich komplett vollzogen. Zwar ist ein gehöriger Teil der morbiden Stimmung gewichen und Songs wie "Good fortune" atmen eine beinahe positive Stimmung, aber neben funkelnden "Stories from the city" spinnt PJ Harvey auch wieder etliches düsteres Seemannsgarn.

Thom Yorke ist im Moment bekanntlich ein gefragter Duett-Partner und konnte nach seinem Duett mit Björk nun auch PJ Harveys Bitte um eine Zusammenarbeit nicht widerstehen. So übernimmt Yorke nicht nur auf zwei Stücken ("One line", "Beautiful feelings") hörbar die Background Vocals, sondern gibt mit "The mess we're in" auch noch ein waschechtes Duett mit Polly Jean zum besten. Während Yorke im Refrain wortlos wimmernd sein Leiden zur Schau stellt, sieht die Dame an seiner Seite gelangweilt, aber nicht minder leidend, die Sonne der Stadt über sich aufgehen. Auch wenn die Tragödie der beiden in New York vonstatten geht, kann man sie sich unweigerlich vorstellen, wie sie einsam und hoffnungslos in einem Ruderboot über den Ozean strömen, bar jeder Hoffnung. Hier haben sich zwei gefunden, die authentisch wie keine anderen ihre Gefühle zum Ausdruck bringen können und den Hörer heillos in den Strudel ihres Dilemmas hineinziehen.

Auch die anderen Stücke pendeln zwischen der Wärme der Stadt und der Kälte des Meeres hin und her, ohne etwas von ihrer Mystik einzubüßen. Zwar gelingt es Harvey verglichen mit den letzten Alben auf "Stories from the city, stories from the sea" nicht ganz, über 12 Tracks dieselbe Intensität zu halten, doch ist es stets ihre zarte Stimme, die den Geschichten aus 1001 Nacht Leben einhaucht. Tote erwachen zum Leben, Lebende fallen in Ohnmacht und die sakrale Stimmung mancher Stücke rufen die Geister des seligen Jeff Buckley herbei. Das Treiben auf dem Meer geht weiter, und weit und breit ist kein rettendes Ufer in Sicht.

(Armin Linder)

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Highlights

  • A place called home
  • This mess we're in
  • This is love

Tracklist

  1. Big exit
  2. Good fortune
  3. A place called home
  4. One line
  5. Beautiful feeling
  6. The whores hustle and the hustlers whore
  7. This mess we're in
  8. You said something
  9. Kamikaze
  10. This is love
  11. Horses
  12. We float

Gesamtspielzeit: 47:23 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

MopedTobias

Postings: 12649

Registriert seit 10.09.2013

2018-11-08 20:14:44 Uhr
Na clear. Muse kann man dafür auch dumpen :p

nörtz

Postings: 5758

Registriert seit 13.06.2013

2018-11-08 19:10:56 Uhr
Wir müssen ernsthaft mal ein "PJ Harvey"-Voting machen. :D

MopedTobias

Postings: 12649

Registriert seit 10.09.2013

2018-11-08 18:49:40 Uhr
Diese Wahrnehmung von Hope Six, die ja auch Konsens ist, überrascht mich immer wieder. So extrem nah am Vorgänger find ich die überhaupt nicht, die ist doch viel amerikanischer und bluesiger. Quasi ein Hybrid aus LES und To Bring You My Love, (letzteres war ja auch auf den Hope-Six-Live-Performances recht präsent), mehr New-Orleans-Sumpf als alt-britisches Schlachtfeld. Klar, zwischen Hope Six und LES besteht jetzt nicht so ein Riesenunterschied wie zwischen manch anderen ihrer Alben, aber da finde ich z.b. die 90er-Alben alle ästhetisch näher zueinander.

hallogallo

Postings: 187

Registriert seit 03.09.2018

2018-11-08 17:48:22 Uhr
Klasse Album! Voller Energie und Brillianz ohne an irgendeiner Stelle überzogen daher zu kommen.
Das Duett mit Yorke halte ich noch für einen der schwächsten Tracks.

Mr. Fritte

Postings: 367

Registriert seit 14.06.2013

2018-11-08 17:28:28 Uhr
Hm, für mich eher eins ihrer uninteressanteren Alben. Der Opener ist grandios und danach kommen immer mal wieder gute Songs (z.B. das Duett mit Thom Yorke), aber so insgesamt ist das irgendwie nix Halbes und nix Ganzes. Gerade gegen Ende hin wird es ziemlich öde, find ich. "Rid of Me", "To Bring You My Love", "Is This Desire", "White Chalk" und "Let England Shake" finde ich alle um Längen besser.
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