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Billy Corgan - The future embrace

Billy Corgan- The future embrace

Reprise / Warner
VÖ: 20.06.2005

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Stripped

Wo soll man noch hin, wenn man einer der größten und wichtigsten amerikanischen Bands der Neunziger vorgestanden hat? Kurt Cobain kann man nicht mehr fragen, Eddie Vedder machte mit Michael Stipe gegen George W. Bush mobil, und Trent Reznor lieferte frisch entgiftet ein Meisterwerk ab. Fehlt noch Billy Corgan, der kahle Kopf der Smashing Pumpkins. Nach deren feierlichem Ende gründete Corgan bekanntlich die Band Zwan, veröffentlichte ein gefälliges, aber nicht unumstrittenes Pop-Album namens "Mary star of the sea" und löste die Band dann wieder auf. Dann hatte er genug von Bands, widmete sich jeder Menge Therapiesitzungen, bei denen er in die Abgründe seiner eigenen Seele blickte, und ging dann ins Studio, um ein Soloalbum aufzunehmen.

Schien ihm bei Zwan die Sonne noch aus dem Arsch, klingt "The future embrace" so sonnig wie eine Einsiedler-Souterrain-Wohnung am Polarkreis. "The cameraeye" erinnert von der Melodie her so massiv an The Cure, daß Corgans nasale Stimme schon richtig störend wirkt, weil man hier fest mit dem sonoren Organ eines Robert Smith rechnet. Das kommt dann auch tatsächlich noch zum Gasteinsatz, wenn Corgan "To love somebody" von den Bee Gees zugrunde richtet. Die ganze Tragik dieser Kollaboration wird einem aber erst bewußt, wenn man sich vor Augen hält, um wie viel gelungener sogar "All of this" war, Smiths Zusammenarbeit mit Blink 182. Traurig, aber wahr.

Überall rummst, zirpt und scheppert es, als habe Corgan "Industrial For Dummies" durchgearbeitet. Oder sämtliche verfügbaren Soundeffekte der Achtziger, Neunziger und von heute zusammengepanscht. Was auf "Adore" noch stimmig war und das großartige Songwriting unterstrich, wirkt hier in guten Momenten unpassend, in schlechten einfach nervtötend. Eine Nine-Inch-Nails-Parodie wie "A 100" hätte Corgan sich und den Hörern jedenfalls ersparen sollen. Die letzten Hoffnungen ruhen auf "Dia", wo immerhin der gute Jimmy Chamberlin noch mal hinterm Schlagzeug platznehmen darf. Die naive Annahme, daß er den ganzen Drumcomputern mal zeigt, wo der Hammer hängt, verpufft leider kurz nach dem vielversprechenden Auftakt. Chamberlins (nicht mal sonderlich aufregendes) Getrommel droht in einem Meer aus abwegigen Synthie-Sounds und Rückkopplungen zu versinken - wie in den schlimmsten Momenten von "Machina / The machines of God".

Hat man sich aber an diesen Sound gewöhnt, tut es nicht mehr weh. Bei jedem neuen Durchgang bekommt ein anderer Song irgendein positives Prädikat verliehen - im Gegenzug nervt dann ein anderer, der es vorher noch nicht tat. So ist es verblüffend, daß die Single "Walking shade", die gerne "Adore" wäre, aber nicht mal "Machina" ist, zwischendurch plötzlich wie ein Highlight erscheint. Es ist wohl die Verzweiflung, die einen plötzlich dazu treibt, im kleinsten Übel größtes Heil zu suchen. Doch irgendwann muß man sich mit der Wahrheit abfinden, daß "The future embrace" unausgegorene Selbsttherapie ist, die außer ihrem Schöpfer nichts, aber auch gar nichts mit einer der wichtigsten Gitarrenbands des letzten Jahrzehnts zu tun hat. Bei "Now (And then)" kommt dann immerhin noch so etwas wie Atmosphäre auf, aber erst bei "Strayz" schweigen weite Teile des technischen Equipments und Corgan leidet zu Keyboard-Klängen leise vor sich hin.

Leider ist nicht nur der Klang in hohem Maße gewöhnungsbedürftig, sondern auch das Songwriting - musikalisch wie textlich. "I'm ready / Oh Lord, I'm ready / I'm ready, ready, ready to roll / Ready to leave" (richtig geraten, der Song heißt "I'm ready") ist nur eines der leider zahlreichen Beispiel für Corgans neu gefundenen Glauben, mit dem er selbst die Zeugen Jehovas in den Wahnsinn treiben dürfte. Abgerundet wird der ganze Spaß dann noch von einem eher mißlungenen Artwork. Stünde nicht Corgans Name auf der Platte, würde dieses Album kaum jemanden interessieren. Und das nicht mal zu Unrecht.

(Lukas Heinser)

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Highlights

  • Dia
  • Now (And then)
  • Walking shade

Tracklist

  1. All things change
  2. Mina Loy (M.O.H.)
  3. The cameraeye
  4. Tolovesomebody
  5. A 100
  6. Dia
  7. Now (And then
  8. I'm ready
  9. Walking shade
  10. Sorrows (In blue
  11. Pretty, pretty star
  12. Strayz

Gesamtspielzeit: 45:25 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 25589

Registriert seit 07.06.2013

2020-12-01 22:12:33 Uhr
Geh ich voll mit. Für mich wirklich der Vorgänger. Und der erste Beweis, dass Corgan Synthies einfach nicht drauf hat.

Manicmax

Postings: 8

Registriert seit 19.10.2020

2020-12-01 20:21:48 Uhr
Lies dir mal die Rezension durch - es ist schon ganz lustig, es gibt durchaus einige Parallelen ;)

Enrico Palazzo

Postings: 1914

Registriert seit 22.08.2019

2020-12-01 19:57:36 Uhr
Das ist jetzt aber fies ;)

Manicmax

Postings: 8

Registriert seit 19.10.2020

2020-12-01 19:46:12 Uhr
Ein würdiger Vorgänger zu "CYR"!

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 7096

Registriert seit 26.02.2016

2020-10-17 13:50:07 Uhr
Das Cover von "To Love Somebody" ist so grauenvoll. Die beiden Stimmen passen auch überhaupt nicht zusammen.
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