Coldplay - X&Y

Coldplay- X&Y

Parlophone / EMI
VÖ: 06.06.2005

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Lessons in love

Die Stimme macht den Unterschied. Natürlich muß man Songs wie die von Coldplay zuerst mal hinbekommen. Aber viel schwieriger ist es doch, sie so mit Seele zu versehen, wie es Chris Martin immer wieder gelingt. Coldplay sind inzwischen vielleicht die aktuell größte Rockband des Universums, größer noch als U2. Dabei dachte man eigentlich, daß keiner je größer als U2 werden könnte. Und keiner weiß genau, wie, aber irgendwie haben sie Coldplay trotzdem geschafft: das Kunststück, sich von all dem Wirbel nicht anstecken zu lassen. Herr Paltrow klingt auf dem dritten Album "X&Y" nicht wie einer, der mit jedem Fuß, den er vor die Haustür setzt, zum Slalomlauf durch die Paparazzi ansetzen muß. Sondern nach dem alten Romantiker von eh und je, der auf dem Hausdach sitzt, auf die Lichter hinabblickt und dann in deren Takt den Mond anfleht.

Obwohl er sein persönliches Glück längst gefunden haben müßte, nimmt man ihm alles ab: das Sehnen, das Flehen, das Verzehren. Er bleibt der kleine Wicht, den man mit allem verfügbarem Mitleid überschütten möchte. Eitel Sonnenschein findet sich auf "X&Y" keiner, aber das war auch nicht anders zu erwarten. Außerdem tragen wir als "fehlend" ins Klassenbuch ein: gekünstelte, allzu epische Eskapaden wie "Politik". Bescheidene Folk-Songs wie "Don't panic". Sowie die ganz große Konsens-Hymne, wie es "Yellow" und "The scientist" waren. Zum Glück ist alles andere anwesend. Wir können also beginnen.

Die Lektion, die Chris Martin gelernt hat und an uns weitergeben möchte, heißt "X&Y", oder näher ausgeführt: Wenn ein weibliches Chromosom auf ein männliches Chromosom trifft, machen die beiden, was sie wollen. Aber selten, was sie sollen. Viele Songs befassen sich mit diesem Clash, mit dieser "Twisted logic", auf die wir uns immer wieder einlassen. "You're the target that I'm aiming at / And I'm nothing on my own", gesteht Chris Martin in "A message", schlicht und ergreifend, und dann wieder in "Low" etwas dezidierter: "All you ever wanted was love / But you never looked hard enough / All you ever wanted to be / Living in perfect symmetry". Es ist nicht leicht, mit der Bürde fertig zu werden, sich immer wieder zu einem anderen Menschen hingezogen zu fühlen. "You should try", lautet zwar der gute Rat. Aber am Ende geht es doch in die Binsen. "I wish that I could work it out", doch nix da. "The hardest part was letting go."

Viel einfacher zu durchschauen als die menschliche Chemie ist da schon die Mathematik. Wenn man einen Computer befragt, macht eins und eins immer noch zwei, und X und Y ergibt weiterhin X und Y statt wie bei uns Menschen eines Kawumms mit unberechenbaren Folgen. Und weil das Leben nun mal so furchtbar kompliziert ist, gönnen sich Coldplay gerne mal eine binäre Verschnaufpause. Dann flüchten sie ins All, streuen wie beiläufig extraterrestrische Referenzen in jeden zweiten Song, blicken auf die Sterne, erbauen sich Luftschlösser und Raumschiffe oder lassen die Drähte glühen. Das Album-Artwork sei eine Hommage an Kraftwerk, erfährt man, und aus "Talk" springt einen das schon lange gerüchteweise kolportierte Sample aus deren "Computerliebe" förmlich an. Solche Erkenntnisse sind richtig, aber nicht wichtig.

Denn "X&Y" harmoniert als Ganzes und läßt sich mit jedem Hören mehr lieb gewinnen, auch wenn es gegenüber seinen übermächtigen Vorgängern "Parachutes" und "A rush of blood to the head" unwesentlich zurückstecken muß. Weil dem Album doch die gewisse Leichtigkeit fehlt, die Coldplay immer ausmachte. Und wenn überhaupt ein Song aus der Reihe tanzt, weil er übermütig ist und aus dem Herzchen rauswummst wie ein Springinsfeld, dann ist das jeden Tag ein anderer. Heute das wohl offensichtlichste Highlight, das schlichte, ganz klassisch arrangierte "Swallowed in the sea". Morgen das schwebende, zutiefst romantische "Fix you" mit seinen finalen Chorälen. Und übermorgen vielleicht schon das unwirkliche "Square one", das am allerwenigsten von dieser Welt zu sein scheint.

In "White shadows" ergreift Chris Martin die Sehnsucht nach etwas, das sich Schicksal nennt. Irgendwie will er für einen kurzen Moment doch nur Teil eines großen Ganzen sein, die Marionette von jemandem, der draußen vor der Welt steht und an seinen Fäden zieht. "You're part of the human race / All of the stars and the outer space / Part of a system, a plan." Am Ende wischt er den Gedanken zur Seite, und mit ihm jede Vernunft. Der finale Wunsch ist so einfach wie allgegenwärtig: "Oh, come on, love / Stay with me." Wir haben gelernt. Und handeln weiter wider besseres Wissen. Nichts wird zwar einfacher, wenn man es doppelt nimmt. Aber schöner. "X&Y" und kein Ende.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Fix you
  • Talk
  • Speed of sound
  • The hardest part
  • Swallowed in the sea

Tracklist

  1. Square one
  2. What if
  3. White shadows
  4. Fix you
  5. Talk
  6. X&Y
  7. Speed of sound
  8. A message
  9. Low
  10. The hardest part
  11. Swallowed in the sea
  12. Twisted logic
  13. Til kingdom come

Gesamtspielzeit: 62:27 min.

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User Beitrag

Francois

Postings: 7

Registriert seit 26.11.2019

2019-12-02 14:16:50 Uhr
Immer noch ein bombastisches Album

White Shadows, Fix You, A Message, The Hardest Part & Swallowed in the Sea sind astreine 10/10

Der Rest pendelt so zw 7-9.

Menikmati

Postings: 312

Registriert seit 25.10.2013

2019-12-01 22:46:56 Uhr
Square one - 9/10 (vielschichtig, treibend, genialer Bass, gute Hooks)
What if - 8/10 (Im Vergleich mit den meisten anderen Songs etwas simpel gestrickt, aber in der richtigen Stimmung genossen einfach nur...schön)
White shadows - 9/10 (ähnlich treibend wie der Opener, der die Spannung auf über Minuten aufrecht erhält. Da passiert dermassen viel)
Fix you - 7/10 (ist mir persönlich etwas zu bräsig, die Stadiongitarre gefällt mir auch nicht sonderlich. Der Song ist aber sehr schön gesungen, auch und vor allem in der mehrstimmigen Passage)
Talk - 8/10 (Von der Grundstimmung her: Ein Lied wie kein anderes von Coldplay. Genialer Refrain)
X&Y - 10/10 (Bowie? Beatles? von beidem ein bisschen, ein Meisterstück des psychedelischen Pops, das in einem göttlichen Refrain gipfelt)
Speed of sound - 9/10 (Hält das unglaublich hohe Niveau der ersten Albumhälfte, die holper-Drums in der Strophe sind schon sehr stark)
A message - 7/10 (Zeit zum durchatmen? Nur fast. Denn auch die ruhigen Songs sind auf diesem Album als Hymne angelegt)
Low - 8/10 (ist im Laufe der Jahre am meisten gewachsen. Hat vielleicht ein wenig Länge)
The hardest part - 10/10 (Die Leichtigkeit des Seins - kein anderer Coldplay verkörpert dies besser als dieser hier. Höre ich den Song, da sehe ich immer gleich auch das geniale Video vor Augen)
Swallowed in the sea - 7/10 (schöner Schunkler)
Twisted logic - 10/10 (Hier kommt das Grössenwahnsinnige dieser Platte nochmals auf den Punkt: Das ist gross gedacht und noch besser ausgeführt. Einen solchen Song werden die nie mehr hinkriegen - fürchte ich)
'til kingdom come - 7/10 (Von mir aus hätte es nach Twisted enden können. Aber als schöner Ausklang durchaus gelungen. Vielleicht braucht es denn Song, um wieder auf dem Boden zu laden)

Fazit: Ich denke die Band hatte auf X&Y ihre beste Phase des Zusammenspiels. Die Songs leben nicht nur von Martin, sondern von der ganzen Band) 9/10

Huhn vom Hof

Postings: 1916

Registriert seit 14.06.2013

2019-11-29 11:28:47 Uhr
Ich konnte einzig mit "Square One" nie viel anfangen.
In der zweiten Hälfte gibt es auch tolle Songs ("A Message", "Swallowed In The Sea", "Twisted Logic").

Pivo

Postings: 265

Registriert seit 29.05.2017

2019-11-29 10:29:37 Uhr
Besonders im ersten Teil des Albums haben Coldplay für mich nochmal alles rausgehauen was sie noch im Köcher hatten. Square one, White Shadows, Talk, Fix you, X+Y und selbst noch Speed of Sound waren nochmal richtig gut.
Nach Speed of Sound war es dann für meinen Geschmack vorbei mit der Herrlichkeit und der Abstieg begann......

jo

Postings: 1287

Registriert seit 13.06.2013

2019-11-28 21:58:50 Uhr
Ich denke, man darf sich so was ja auch durchaus fragen. Man kann ja ruhig kritisch an so eine Platte herangehen. Aber genauso denke ich in dem Fall auch, dass sie einfach das machen, auf was sie Lust haben. Anbiedern hat - siehe die Amazon-Rezension, die ich im anderen Thread zitiert habe - ja in der Art und Weise gar keinen Sinn.
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