Sleater-Kinney - The woods

Sleater-Kinney- The woods

Sub Pop / Cargo
VÖ: 30.05.2005

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

It's my party

Musik ohne die werte Frauenwelt scheint an sich kaum möglich zu sein. Entweder geben sie das Thema für leidende Liebeslieder ab oder dürfen auf Hochglanz gestylt im Musikvideo Konsumgelüste anheizen. Manch einer sagt ja sogar, daß nur alleine die Aussicht auf Groupies Männer zum Erlernen von Instrumenten antreibt. Wer weiß? Selber spielen dürfen die Damen aber natürlich auch, im deutschen Musiksektor seit Mia. und den Helden sogar bevorzugt. Der dafür nötige Knuddelfaktor sollte wenn schon nicht stimmlich, dann zumindest in sehnsüchtigen Herzschmerztexten auffindbar sein. Was also blieb denn da überhaupt von der Anfang der '90er-Jahre in Ami-Land gestarteten Riot-Grrrl-Revolution?

Die damals etwas nachzügelnden Sleater-Kinney warten jedenfalls jetzt mit ihrem siebten Album "The woods" auf. Zehn Jahre nach dem Erstling stellt die Platte zwar so etwas wie ein Jubiläumswerk dar, von Routine findet sich aber keine Spur. "I can show you some tiny tricks (...) / Come along, we'll get our kicks", verkündet der Opener selbstbewußt zur wuchtigen Donnergitarre. Yes, these are riots. Und wer dachte, daß nun endlich die schon immer so präsenten Melodien die Oberhand gewinnen werden, der hat sich geirrt. Feine Harmonien finden sich weiterhin, so als bedrücktes zweistimmiges Fifties-Intro in "Jumpers" oder als blechiges, kleines Grundthema in "Rollercoaster". Mehr Aufmerksamkeit aber wurde der geplanten Dekonstruktion gewidmet. So reduziert sich "What's mine is yours", nachdem es anfangs noch von einem schnellen Schrubbelrhythmus angetrieben wird, im Höhepunkt zu einem Stahl-Gewitter Hendrixscher Art samt Verzerrer-Wällen und Rückwärts-Schleife. Große, eingängige Verstörung.

Als schwer konsumierbar für ungeübte Ohren kann das Trio dank Carrie Brownsteins schrillem Stakkato-Gesang und den Noise-Gitarren ja schon seit jeher gelten. Daß der Chorus nun in der zweiten Hälfte des Albums nur noch versteckt erkennbar ist, wird dies kaum ändern. Zu begrüßen ist die Entscheidung aber dennoch, denn zu oft kippten genau dort Sleater-Kinney-Songs in beliebige, einfache Uptempo-Raster. Nun wartet schwerfälliges Dahinschleppen im Wechsel mit schiefen Gitarrensoli, was zwar einen etwas kruden Eindruck hinterläßt, aber anschlußfähig scheint. Denn das Ablegen von Mustern bietet neuen Raum für Ideen: Eine Improvisation baut eine verbindende Brücke zwischen den letzten beiden Liedern, bevor sich "Night light" in hymnischer Breite ergießt. Kreativitäts-Applaus bitteschön jetzt!

Durch den ungewohnt sanften Klang von Brownsteins Stimme blitzt im letzten Song noch passend zum Albumcover das Bild von drei Diven auf einer überdimensionalen Opernbühne auf, gehüllt in dunkler Abendgaderobe und mit großem Pathos. Leise Outro-Gitarrentöne vertreiben dies zwar schnell wieder, aber zeigen sich hier die stillen Spuren der Zeit? Das langsame "Modern girl" nämlich stellt das Highlight des Albums dar: "My whole life / Was like a picture of a sunny day", erklingt es zu folkigen Flöten-Klängen. Resignativer Resumée-Charme, der an das zerfahrene "Title TK" von den Breeders erinnert. Da haben wir wohl den Vorteil für Damen des Indie-Rocks gegenüber gecasteten Hochglanz-Püppies: Mit den Falten kommt nicht die Häme der Boulevard-Blätter, sondern lächelnde Alterssouveränität.

(Tobias Wallusch)

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Highlights

  • What's mine is yours
  • Jumpers
  • Modern girl
  • Rollercoaster

Tracklist

  1. The fox
  2. Wilderness
  3. What's mine is yours
  4. Jumpers
  5. Modern girl
  6. Entertain
  7. Rollercoaster
  8. Steep air
  9. Let's call it love
  10. Night light

Gesamtspielzeit: 48:03 min.

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