Piano Magic - Disaffected

Piano Magic- Disaffected

Talitres / Rough Trade
VÖ: 18.04.2005

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Little shop of horrors

Wenn man dieser Tage aus dem Fenster sieht, ist es sehr wahrscheinlich, daß der werte Herr Frühling gerade vorbeiflaniert. Nicht selten wirft er dann freundlich grüßend seinen Hut hoch, der als wärmende Sonne am blauen Himmel kleben bleibt. Bei Piano-Magic-Kopf Glen Johnson ist das offenbar ganz anders. Und das liegt natürlich nicht an dem alten Vorurteil, die Insel sei ohnehin ganzjährig in traniges Regengrau getaucht. Bei Johnson also kommt der Herr Frühling zwar auch vorbei, bündelt seine Sonnenstrahlen jedoch in einer Taschenlampe und leuchtet mit starrer Miene in die besonders staubigen, düsteren Ecken. Dorthin, wo die Melancholie klebt, wo Zweifel und Einsamkeit die Tapete schon unübersehbar vergilbt haben, wo verwirrende Beziehungskonstrukte sich zwischen Holzdielen verkantet haben. Wenn hier ein Frühjahrsputz vollzogen werden soll, wird das mindestens so lange dauern, bis der Mond die Sonne abgelöst hat.

Die Putzkolonne marschiert zu würdevollen Beats ein, die wie Herztöne von Geistern klingen. Eimer und Schrubber werden auf einem fein gewebten Synthi-Teppich aus Streicherimitat abgestellt. "You can hear the room" - Johnson lamentiert in gefaßtem, fast meditativem Tonfall von flüsternden Wasserrohren und arbeitendem Holz und rät, die Finger von Alkohol und Tagebuch zu lassen. Er kennt das Spiel. Eine Gitarre windet sich, Spinnweben eifern ihr nach und legen sich gnadenlos um die Putzkolonne. Mit einer gemeinsamen Explosion des musikalischen Interieurs feiert das Szenario seinen Triumph. Reinemachen ist hier nicht. Ganz im Gegenteil: All der Seelenstaub wird genüßlich ausgekostet.

Hierzu entsinnt sich das englisch-französische Kollektiv auf seinem mittlerweile sechsten Album gerne Vergangenem: Mit sechzehn von zuhause abhauen, auf der Straße leben, seltsame Menschen treffen und schließlich zu der Erkenntnis gelangen, daß "Love & music" alles ist, was zählt. Ein Synthesizer heult in Talk-Talk-Manier zu dumpf-scheppernder Percussion auf, als würde ein sehgestörter Wolf, der sich in die Stadt verirrt hat, in regelmäßigen Abständen gegen eine Mülltonne laufen. "The night of the hunter" jagt mit seiner treibenden Intensität Schauer über den Rücken, Angèle David-Guillou (Klima) haucht den kühlen, nach Experimentierfreudigkeit im Hause Erasure klingenden Titeltrack-Beats Leben ein. So ganz gelingt das allerdings nicht, auch wenn der Versuch über sieben Minuten dauert. Dafür wissen wir jetzt: "Anything can happen in life / Especially nothing, mainly nothing / Once you know that, you're fine."

Nach der akustisch vorgetragenen, spannungsgeladenen "Theory of ghosts" zweifelt selbst der rationalste Skeptiker nicht mehr an der Existenz jener Wesen, Gastsänger John Grant (The Czars) zeichnet in "Your ghost" gleich noch ein paar Details nach ("Your skeleton moves in a waltz with the stairs"). Der Malkasten steht dabei natürlich auf einer Orgel. "I must leave London" vertont die Ruhe nach dem Sturm, die nicht mehr als einer in sanfte Streicherwogen gebetteten Akustikgitarre bedarf. Auch die Melancholie von "The nostalgist" läßt keinen Platz für Gespenstisches, dafür umso mehr für hübsche Lyrik: "And the present is imperfect / And the future, well, it's conditional." Etwas weniger lautes Kettenrasseln würde der Zukunft gut stehen. Aber die Putzkolonne, die soll bitte nach wie vor nichts anrühren.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • You can hear the room
  • Love & music
  • I must leave London
  • The nostalgist

Tracklist

  1. You can hear the room
  2. Love & music
  3. Night of the hunter
  4. Disaffected
  5. Theory of ghosts
  6. Your ghost
  7. I must leave London
  8. Deleted scenes
  9. The nostalgist
  10. You can never get lost (when you've nowhere to go)

Gesamtspielzeit: 46:48 min.

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