The Dissociatives - The Dissociatives

The Dissociatives- The Dissociatives

Virgin / EMI
VÖ: 02.05.2005

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der Märchenwald

Bei der Masse der monatlichen frisch entdeckten Retter des Rock'n'Roll freut man sich als Musikhörer ja immer wieder über altbekannte Gesichter, deren Freud und Leid man schon eine Weile teilt. Australien hat da ja Silverchair. Spätestens nach den verkünstelten Kompositionen von "Diorama" zu kleinen Jung-Genies gehypt, gönnt sich die Band derzeit aber eine künstleriche Schaffenspause. Dafür mußte in der Vergangenheit das Privatleben von Sänger Daniel Johns wiederholt die bunten Musikseiten füllen. Das sind wohl einfach die Geister, die man ruft. Aber die goldige Natalie Imbruglia hin und geistig-körperliche Beschwerden her, nun gibt es auch wieder musikalische Neuigkeiten des 25-jährigen. The Dissociatvies nennt sich das Projekt. Interessanter Bandname, aber kurzer Blick ins Wörterbuch ... und ... Huch! Von einer nicht gewollten Abspaltung des Erlebens vom eigenen Ich ist da die Rede, von multipler Persönlichkeit. Oha. Gab's denn neue schlimme Ereignisse im Leben des notorischen Grüblers?

Verhärtet wurde dieser Verdacht bereits durch die 2000 veröffentlichte EP "I can't believe it's not rock". Abgründig und düster wurde darauf alles rausgeblasen, was sich so an Seelenmüll angesammelt hatte. Aber ein paar Zeilen weiter verweist unser schlaues Buch auch auf den therapeutischen Nutzen der Dissoziation. Diese könne nämlich ebenso eine bewußt vorgenommene Veränderung der Wahrnehmung sein. Der Mensch betrachte sich quasi von außen, um seine Gefühle oder mentalen Vorgänge wertfrei zu erkennen. Na das klingt doch schon besser, weg von gewohnten Silverchair-Bahnen, um als irgendwie jemand anderes das wahre Ich zu entschlüsseln. Die ersten Klänge der Platte lassen gespannt aufhorchen, dumpfer Rhythmus, entfernte Klavierklänge und die angespannte Stimme von Herrn Johns. Zeile für Zeile von einem verfremdeten Echo verfolgt, das von einem kleinen, buckligen Troll gehaucht scheint. Bedrängt vom alten Ich? Aber dann der Refrain, hoch wird abgehoben, ganz hoch, nein, keine Quälerei mehr: "You'll get a chance / Another chance / One more sun." Der Troll schweigt, ein Kinderchor nimmt seine Stelle ein und leitet auch fortan durch die folgenden Lieder. Ein Neustart? Wiedergeburt gar? Alles egal, das Mittel heißt hier einfach pure Harmonie.

Denn kunterbunt gestaltet sich die Alter-Ego-Welt. Und federleicht. Bis auf das schön flotte "Thinking in reverse" sind kaum kratzige Gitarrenklänge zu vernehmen, vielmehr klimpert das Klavier, freundliche Sci-Fi-Geräusche rauschen vorbei, und überhaupt scheint's an jeder Ecke zu plinckern und zu pluckern. Dessen Urheber ist Paul Mac, der zweite Kopf der Band. In unseren Breitengraden eher unbekannt, aber in Down Under wohl der Elektronik-Pionier schlechthin. Der Sound klingt damit wie von Silverchair gewohnt groß und breit, zwar ohne Kanten, aber dafür mit Brüchen und geschliffenen Spannungsbögen. Das Komponisten-Etikett darf also durchaus an Daniels inzwischen blumigen Hemdchen stecken bleiben. Weitere Silverchair-Konstanten fehlen aber. Die Stimme, klar, aber eigentlich nicht mal die. Kein bitteres Leiden, kein tiefes Beben und wütendes Aufschreien, mehr zartes Gleiten wie im schönen "Forever and a day". Aber auch fast schon bemüht lächelnde Gesangsarbeit, oft nur auf freundlich-sommerliches "Uh uh uh" oder "Nah nah nah" beschränkt.

Dieses Album darf also auch mal in die Hände der kleinen Schwester gelangen. Denn mal ganz abgesehen von der aalglatten Produktion und den mehr als eingängigen Melodien, liegt genau hier das Manko: Düster ist in Daniels therapeutischem Konstrukt maximal das Fell der kleinen Hoppelhäschen, die kurz vorbeihuschen kommen, um interessiert zu den zuckersüßen Tönchen vor sich hinzumümmeln. Solche Idyllen finden sich im wahren Leben eher selten. Aber klar, um vor dessen grauen Schleier zu fliehen hört man ja angeblich Musik. Sollte dort denn alles plüsche-weich sein? Wenn ja, na dann ab in die wunderbare Welt der Dissociatives.

(Tobias Wallusch)

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Highlights

  • We're much preferred customers
  • Forever and a day
  • Thinking in reverse

Tracklist

  1. We're much preffered customers
  2. Somewhere down the barrel
  3. Horror with eyeballs
  4. Lifting the veil from the braille
  5. Forever and a day
  6. Thinking in reverse
  7. Paris circa 2007slash08
  8. Young man, old man (you ain't better than the rest)
  9. Aaängry megaphone man
  10. Sleep well tonight

Gesamtspielzeit: 43:43 min.

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keenan
2008-06-10 14:46:49 Uhr
ich auch nicht, wollte deswegen ja fragen ob sie jemand hat und ob sie sich lohnt ;)
Diena
2008-06-10 13:51:41 Uhr
nein leider nicht ;( hast du die DVD??
keenan
2008-06-10 13:37:06 Uhr
jepp find ich auch, um einige facetten reicher.

den paul kannte ich vorher gar nicht, nur gelesen das der wohl auch mal mit buz luhrman oder wie der heißt gearbeitet hat

hast du denn auch die dvd dazu?
Diena
2008-06-10 13:32:11 Uhr
ja ich find es toll Dans Stimme mal ganz anders :)
leider is ja Paul Mac hier auch ziemlich unbekannt aber er hat auch schöne Projekte :)
keenan
2008-06-10 12:43:22 Uhr
also einige sachen fand ich ganz interessant und gut, manche aber auch belanglos und langweilig. insgesamt bin ich aber doch überrascht das es deutlich anders ist als silverchair :)
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