Gameface - Always on

Gameface- Always on

Revelation
VÖ: 23.10.2000

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Weich, aber herzlich

Herbst, eine heiße Tasse Tee. Ich sitze wieder mal einsam und alleine am Fenster und beobachte den bereits Tage andauernden und nie mehr enden wollenden Regen. Was fehlt, ist eigentlich nur noch die passende Musik. Oder möchte ich doch lieber einfach nur dem beruhigenden Prasseln auf unser Dach lauschen, das im lauten Heulen des Winds unterzugehen droht? Nein, mit Musik geht alles besser, daher quäle ich mich mühsam Richtung Plattenregal, um etwas Passendes auszusuchen. Immer darauf bedacht, den Tee nicht zu verschütten, da häßliche Flecken sich auf Teppichboden und Plattensammlung bekanntlich nicht allzu gut machen. Stellen wir die Tasse besser ab.

Das neue Gameface-Album? Ja, versuchen wir es damit. Den Silberling aus dem Case genommen, ins CD-Fach geschoben und die Play-Taste gedrückt. Mein Fuß fängt unwillkürlich an, sich zu den ersten flotten Tönen von "Laughable" im Takt zu bewegen. Könnte gefährlich für den Teppich werden, da meine Hände sich bereits wieder an der Tasse wärmen, also setze ich mich zurück ans Fenster. Ich starre wieder aus dem Fenster und lasse die vier Kalifornier ihren gefälligen Emo-Pop zelebrieren. Ob die in Kalifornien auch so schlechtes Wetter haben? Wohl kaum. Schließlich scheint dort unaufhörlich die Sonne, wenn man den Serien am Samstag nachmittag Glauben schenkt.

"Balance" - meine Gedanken kreisen um längst verblaßte Erinnerungen und Erlebnisse, während Jeff Caudills Stimme mir um die Ohren streicht und die Gitarren im Kollektiv zu schmachten scheinen. Ist das der Gipfel der Melancholie? Nicht ganz, aber ich wollte schließlich nur etwas zum Nebenbeihören haben, das die herbstliche Stimmung bei Laune hält. Der Tee ist alle, ich schütte die Tasse wieder voll und den Teppich zum Teil auch. "Anyone can write a song" - das könnte er sein, der Nachfolger von "My star", der Gameface-Hymne schlechthin. Ein flotter Song, der mit einer dieser verdammten Melodien ausgestattet ist, die einen gleich beim Aufstehen packen, erst beim Einschlafen in den Windungen der Gehörgänge verschwinden, um am nächsten Morgen wieder schelmig grinsend hervorzukriechen. Nicht jeder kann einen Song schreiben, aber Gameface mitunter schon.

"Accidental clarity" - leise summe ich die schöne Baßlinie mit, die die Strophe dieses Midtempo-Rockers untermalt, während es draußen immer noch dunkler wird und die Straßenlaternen bereits ihr kaltes, weißes Licht ausstrahlen. "The problem with me" - ist erstens, daß meine Thermoskanne schon zum zweiten Mal den Nachschub verweigert und zweitens, daß es nicht leicht fällt, dieses Album mehr als nett zu finden. Denn der Großteil der zurückliegenden halben Stunde ist, ohne daß ich es gemerkt habe, im wahrsten Sinne des Wortes an mir vorbeigeplätschert.

"Always on" fehlt es beileibe nicht an schönen Momenten. Wahrscheinlich werden von Herzschmerz geplagte, dicke Hornbrillen tragende Menschen das Album sogar richtig großartig finden, denn für diese Klientel scheinen mir die Songs des Vierers geradezu prädestiniert zu sein. Doch selbst für diese Zielgruppe hat es im Laufe der letzten Monate wesentlich interessantere Veröffentlichungen gegeben. Obwohl "Always on" nicht minder eingängig ist als "Very emergency" von The Promise Ring, kann es dessen Charme und Liebenswürdigkeit nicht das Wasser reichen. Ab und an glaubt man sogar, Langweiler Rob Thomas von Matchbox Twenty (glücklichwerweise ohne seinen schnauzbärtigen Weggefährten) an die Haustür klopfen zu hören. Wenn ab und zu die eine oder andere Träne fließt, scheint am Gameface-Horizont immer noch ein wenig zu viel Licht, das die Tränen nicht ganz so salzig kullern läßt. Die nächste Kanne Tee wird jedenfalls etwas mehr Wärme spenden als dieses Album.

(Sven Cadario)

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Highlights

  • Angels on the wing
  • Anyone can write a song

Tracklist

  1. Laughable
  2. The warmest heart attack
  3. Angels on the wing
  4. Balance
  5. Anyone can write a song
  6. New landscaping
  7. Robots
  8. Accidental clarity
  9. The problem with me
  10. Awkward age

Gesamtspielzeit: 39:43 min.

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