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Arcade Fire - Funeral

Arcade Fire- Funeral

Merge / Rough Trade / Sanctuary / Rough Trade
VÖ: 14.03.2005

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Bury me with it

Es ist das Bedingungslose. Die Ekstase. Es ist der Abgrund, der schon zwei Schritte hinter uns liegt. War die Nacht jemals so hell? Waren da schon immer so viele Sterne am Himmel? Oder erleben wir das alles zum ersten Mal? Es sind die Texte, die man schreien möchte. Die in vollen Worten und Zügen von der Liebe erzählen. Es ist die Musik, aus Mahagoni geschnitzt, in schweren Samtsesseln eingespielt. Es ist das Leben und es spricht zu Dir. Aber was sind das nur für Menschen, die es vom ersten Song an unmöglich machen, den nötigen Abstand zwischen sich und ihre Platte zu bringen?

Win Butler ist vor vier Jahren aus den USA nach Montreal gezogen und wird heute darüber ausgefragt, als bräuchte man wirklich einen Grund dafür. Auf der Suche nach Beschäftigung fand er Régine Chassagne, die jedes Instrument dieser Welt gelernt hat, wenn ihre Eltern nicht gerade damit beschäftigt waren, sie von Musik fernzuhalten. Richard Parry und Tim Kingsbury spielten solange als Livemusiker mit den beiden, bis man sie nicht mehr rausschmeißen konnte. Und Wins kleiner Bruder Will bekam schließlich Wind von der Sache, flüchtete ebenfalls über die Grenze und machte mit, bis ihn Chicagos Schulschwänzerbehörde wieder einfing. Danach sind ein Großvater, eine Großmutter und eine Tante gestorben. Und Win hat Régine geheiratet.

Unter all diesen Einflüßen ist "Funeral" vor anderthalb Jahren entstanden und allen Beteiligten ganz hoffnungslos über den Kopf hinausgewachsen. Eine Discoplatte wurde es schließlich, nur viel zu schade für die Tanzflächen. Ein Kopfhöreralbum, das man laut hören muß. Zehn Lieder, die wahnsinnig rocken, obwohl keins von ihnen ein Rocksong ist. Kammermusik für Geige, Tuba, Kontrabaß und Vibraphon, die auch auf einer alten Gitarre mit drei Saiten funktioniert. Ein sensibles, übergelaufenes, ungeheuerlich ausdrucksstarkes Faß voll Gefühle, das man eigentlich gar nicht aufmachen möchte. Niemals kann der Moment stimmen. Niemals kann man richtig vorbereitet sein.

So ist "Funeral" tatsächlich wie die edle Flasche Rotwein aus dem annähernd gleich brillanten Film "Sideways". Der Protagonist trinkt sie schließlich heimlich und alleine bei Burger King. Aber Butler will es gar nicht erst soweit kommen lassen. Deshalb treibt er das Album ohne Pause an, ist dem exaltierten Schreien dabei meistens näher als gewöhnlichem Gesang und scheint immerzu neben sich zu stehen, um sich auch noch selbst anfeuern zu können. Er zerrt seine Band bei der Hand durch den Steigerungslauf von "Neighborhood 1 (Tunnels)", zeigt ihr die Karibik und kriegt Augenblicke später die steife Brise von "Laika" ins Gesicht. Dann hält er inne, dreht sich weg und fordert seine Frau zum Walzer auf. "The crown of love."

Es ist das Bedingungslose. Die Ekstase. Es ist das Gefühl, daß die Menschen, die "Funeral" gemacht haben, dieses Album so voll und sinfonisch klingen lassen, weil sie jeden Ton lieben, der aus ihren Instrumenten herausfinden könnte. Es sind die tausend kleinen Dinge, die einem vielleicht erst dann auffallen, wenn man mit dieser Platte im Walkman über die Straße geht. Wenn die Autos diese Gitarre oder jene Geige ausblenden. Und der Blick plötzlich frei ist auf irgendetwas anderes, das vorhin garantiert noch nicht da war. Es ist das Leben, es spricht zu Dir. Und es ist sicherlich kein Zufall, daß dieses Album erst dann zu Ende geht, wenn "In the backseat" solange am Klavier hochgelaufen ist, bis absolut keine Tasten mehr da sind.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Crown of love
  • Wake up
  • Rebellion (Lies)

Tracklist

  1. Neighborhood 1 (Tunnels)
  2. Neighborhood 2(Laika)
  3. Une année sans lumière
  4. Neighborhood 3 (Power out)
  5. Neighborhood 4 (7 Kettles)
  6. Crown of love
  7. Wake up
  8. Haiti
  9. Rebellion (Lies)
  10. In the backseat

Gesamtspielzeit: 47:56 min.

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User Beitrag

MopedTobias

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Registriert seit 10.09.2013

11.05.2015 - 19:50 Uhr
War vielleicht etwas pauschal formuliert und hängt wohl davon ab, wie sich der Verfasser der Lyrics selbst sieht. Ich unterstelle einem Musiker jetzt einfach mal, dass er sich seines Daseins als Musiker bewusst ist und, wenn er Texte schreibt, zumindest im Hinterkopf hat, wie diese Texte ungefähr vertont werden sollen (oder wenigstens, dass sie überhaupt vertont werden sollen). Ergo sind Lyrics in der Musik für mich immer so angelegt, dass sie ihre volle Wirkung erst mit der dazugehörigen Musik entfalten; ansonsten könnte der Verfasser seine Texte auch einfach so veröffentlichen und muss sie nicht extra mit Musik unterlegen.

Wie gesagt, es ist natürlich ein zu pauschaler Ansatz, da es sicherlich genug Künstler gibt, die einen anderen lyrischen Anspruch an sich selbst haben und ihre Texte vollkommen unabhängig von der Musik verfassen, mir geht es im Grunde aber nur darum zu sagen: Einem guten Songs verzeihe ich schwache Lyrics, umgekehrt wüsste ich mit guten Texten, aber schwacher Musik darunter nicht viel anzufangen.

Mainstream

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Registriert seit 26.07.2013

11.05.2015 - 19:52 Uhr
Neighbourhood I hat alles: Musik und Lyrics.

mispel

Postings: 1718

Registriert seit 15.05.2013

11.05.2015 - 20:23 Uhr
@Moped:

Mit dem Post kann ich mehr anfangen :) Ich denke auch, dass die Musik die Emotion aufgreift, die der Künstler beim Verfassen des Songs hatte oder auch umgekehrt, je nachdem was zuerst da war. Der Song ist ja auch Ausdruck seines emotionalen Selbst und das gilt nicht minder für die Musik. Das Zusammenwirken von beidem hat dann eine noch größere Wirkung. Ich meine kein Künstler würde einen Song wie "In the backseat" schreiben und den mit Rammstein-Gitarren unterlegen.

Einem guten Songs verzeihe ich schwache Lyrics, umgekehrt wüsste ich mit guten Texten, aber schwacher Musik darunter nicht viel anzufangen.

Hm ich frage mich grad, ob ich einen Song kenne, bei dem ich sage "Klasse Text, aber beschissene Musik".

MopedTobias

Postings: 7111

Registriert seit 10.09.2013

11.05.2015 - 22:51 Uhr
Hm, mit "beschissener" Musik wüsst ich jetzt auch nichts, gibt aber genug Beispiele, wo die Lyrics grandios sind und die Musik nur so lala. Paradebeispiel ist vielleicht Ja Paniks DMD KIU LIDT, das musikalisch über seine 14 Minuten ja recht lahm ist.

Um nochmal zum Topic zurückzukommen: Tunnels ist das tatsächlich eines der großartigsten Musikstücke dieses Planeten.

Mister X

Postings: 1568

Registriert seit 30.10.2013

31.08.2016 - 00:24 Uhr
bin ja mal gespannt obs in der naechsten top 500 vom rolling stone mal hoeher platziert ist. beim nme wars ja immerhin auf der 13.
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