Patrick Wolf - Wind in the wires

Patrick Wolf- Wind in the wires

Tomlab / Indigo
VÖ: 21.02.2005

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Out of time

Es war ein bißchen wie im Dschungelbuch, nur rückwärts. Patrick Apps, ein guter Junge Anfang 20, von Menschen aufgezogen, wurde zum Wolf. Nicht aber über Nacht, wie das Michael J. Fox vor zwanzig Jahren in "Teen wolf" passiert ist. Und eigentlich auch nicht im Beisein von lustigen Brummbären und anderen tollen Typen. Sondern im qualvollen, 14-stufigen, gänzlich einsamen Selbsterkenntnisprozeß von "Lycanthropy", einem Schauermärchen zwischen Vergewaltigung, Verstümmelung und Verwandlung. Und weil irgendwer tapfer das Diktiergerät draufhielt, wurde auch noch das fürchterlichste Album seit Jahren draus. Wie im Dschungelbuch eben. Nur rückwärts und ganz anders.

Es gab kein Halten bei dieser Platte. Nichts, was einen auf den Sonderling im Mottenkisten-Look vorbereiten konnte, der mit iBook und Ukulele durch Musikverständnisse wischte, wie das sonst nur Putzfrauen in Bürogebäuden machen. Und dabei konnte man sich nicht mal sicher sein: Passiert da jetzt gerade die Zukunft? Oder ist der nur ein paar hundert Jahre zu spät dran mit seiner Laptop-Folklore und dem ganzen Minnesänger-Kram? Daß jetzt schon das nächste Album von Patrick Wolf erscheint, ist da auch keine Hilfe. Man kann ihn nicht greifen. Wie alle Künstler, die draußen zu leben scheinen. In einer anderen Zeit. Und womöglich sogar in einer ganz anderen Welt.

Die Verwandlung zum Wolf, von der der Infozettel zu "Wind in the wires" mit hartnäckiger Ernsthaftigkeit schreibt, sei nun jedenfalls abgeschlossen. Eine Menge Blut und Schweiß und Tränen hat sie bestimmt gekostet und da ist Patrick erstmal abgehauen in eine entlegene Hütte, auf einem Felsen in Cornwall. Und obwohl man uns erst gar nicht aufbinden will, daß er sein zweites Album dort in aller Verlassenheit geschrieben hat, ist das doch mal ein Anhaltspunkt. Weil "Wind in the wires" eben nicht mehr so grob und roh klingt wie sein Vorgänger. Es ist noch düsterer und morbider, es sieht Gespenster und tote Menschen. Die leuchtend blonden Haare hat sich Patrick Wolf schwarz gefärbt.

Man merkt nicht sofort, daß jetzt einiges anders ist, weil "The libertine" als Vorabsingle noch Geigengefiedel und Harddrive-Knistern ähnlich wild verbindet, wie das auch "Lycanthropy" tat. Wolf ist nicht nur der einzige, der das so kann, es gibt wohl auch niemanden sonst, der "The libertine is locked in jail" singen könnte, ohne ein lasches Wortspiel im Sinn zu haben. Ein Lachen ist da jedenfalls nicht. Und "Teignmouth" steckt dann auch schon zwei Stockwerke tiefer drin im Schlamassel dieser Platte. Patricks Schwester hat alleine einen ganzen Sirenenchor für das schwer verletzte Stück eingesungen. Und im Titellied, dem es kaum besser geht, spielt der Vater Klarinette. Man muß an Familien denken, die am Sterbebett eines Angehörigen zusammeneilen.

Und tatsächlich atmet "Wind in the wires" mit jedem Stück schwerer, scheint sich Schritt für Schritt aus unserer Welt zurückzuziehen. Ungelenke Zwischenspiele auf Viola, Harfe oder Akkordeon schleppen sich durch das Album, Folk und Folklore bleiben eher vage Andeutungen, und plötzlich hängt sich in "Jacobs ladder" der Laptop auf. "Tristan" steigt als Poltergeist aus dem Display, tobt und wütet durch Breakbeats und Violinen. Längst ist nichts mehr sicher. Und fast möchte man sagen: Patrick Wolf hat Eier. Aber wer "Lycanthropy" mit der charmanten Zeile "I was once a boy / Till I cut my penis off" gehört hat, der weiß ja, daß das gar nicht stimmt.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • The libertine
  • Ghost song
  • This weather
  • Tristan

Tracklist

  1. The libertine
  2. Teignmouth
  3. The shadowsea
  4. Wind in the wires
  5. The railway house
  6. The gypsy king
  7. Apparition
  8. Ghost song
  9. This weather
  10. Jacobs ladder
  11. Tristan
  12. Eulogy
  13. Lands end

Gesamtspielzeit: 41:40 min.

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User Beitrag
Folk
2008-01-02 18:01:34 Uhr
wo's heut bei saturn 25% auf alle CDs gab, habe ich mir endlich mal dieses tolle album zugelegt.... hat eine unwahrscheinliche langzeitwirkung die scheibe. kann man wirklich immer hören.
conorocko
2006-09-23 22:07:13 Uhr
sehr kostbares stück musik, wie von einem anderen planeten.11/10
Susu
2006-02-15 12:35:06 Uhr
Was für ein umwerfendes Album. "Lycanthropy" ist zwar auch schon klasse, aber dieses ist einfach nur wunderschön und toll, toll, toll...
Armin
2005-12-23 14:59:07 Uhr
@ Armin: Bezüglich Album des Jahres geht es mir ähnlich. Hättest du die 10 gegeben? Ich ja. Mittlerweile.

Ich weiß nicht. Vielleicht gab's 2005 auch einfach keine 10/10 für mich. Das soll das Album aber nicht schmälern. In jedem Fall ist "Wind in the wires" am nächsten dran.
lamm
2005-12-23 14:31:50 Uhr
Ganz schön schwermütig. 9/10.
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