Biffy Clyro - Infinity land

Biffy Clyro- Infinity land

Beggars Banquet / Indigo
VÖ: 31.01.2005

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die treibende Kraft

Es war im Frühjahr 2002 im Prime Club zu Köln. Der fleißige Musikjournalist hatte sich eingefunden, um eines der ersten Konzerte des damals heißesten Scheiß von der Insel bei uns zu goutieren. The Cooper Temple Clause standen für einen fancy Drogen-Chick und gerierten sich als hippe Widergänger Ozzy Osbournes. Vor dem Gig allerdings ergab sich die Möglichkeit zum Interview mit der damals völlig unbekannten Vorband. Drei schüchterne Jungs aus Glasgow standen kurz Rede und Antwort zu Fragen wie "Wie fühlt man sich als Support für einen durchgeknallten NME-Hype?" oder "Ihr seid doch bestimmt die Zukunft des Rock?". James Johnston, der singende Bassist, antwortete darauf folgendes: 1. "Gut, aber total nervös." 2. "Manche nennen unsere Musik tatsächlich Future-Rock. Solange nur kein blöder Kritiker was von Nu-Metal schreibt, soll es uns recht sein". Und dann gingen sie auf die Bühne und stellten den Hauptact aber sowas von ins Abseits, daß der Name allen Dabeigewesenen fortan ins Hirn gebrannt war: Biffy Clyro.

Nun also wird mit "Infinity Land" das nunmehr dritte Album der drei in etwas mehr als drei Jahren in Deutschland veröffentlicht. Es ist ihr bisher bestes. Denn bei über 70 Minuten Spielzeit gibt es eigentlich nur zwei Schwachpunkte zu erwähnen: Runde 20 Minuten Stille im letzten Stück, das dann treffenderweise "Pause it and turn it up" heißt, bedeuten auch für begeisterte Hidden-Track-Sucher eine ziemliche Zumutung. Wie auch einen Schock für unachtsame Autofahrer. Und mit dem grausamen "There's no such man as crasp" könnte sich auch problemlos jede Ossi-Schülerband bei einem Die-Prinzen-Gedächtnis-Contest beteiligen.

Aber Schwamm drüber, denn der ganze Rest ist allergrößte Rock-Herausforderung. Schon "There's no such thing as a jaggy snake" bietet alles, was in die Jahre gekommene Headbanger sich so wünschen: Einfallsreiche Gitarrenarbeit - ob Melodieeskapaden oder grandiose Lärmwände - aufopferungsvolle Sangeskunst vom Shouten bis zum Flüstern sowie viele Rhythmuswechsel und Breaks, die gerne auch mal von Glockenspielen oder Chorgesang aufgefangen werden. Auch "Glitter and trauma" ist im Vereinigten Königreich als Single erschienen und fungiert nun als verwirrender Opener. Die Anfangssequenz ist aus der Electroclash-Schule geklaut, um die Hörer zu verwirren und dann nach famosem Übergang in erwarteten Gefilden willkommen zu heißen. Das Songwriting schafft sich stets auch Nischen abseits des gewohnten Rockschemas, entwickelt hier eine besonders treibende Kraft, einen Sog, der es nicht schwer macht, das niemals gefällige, leichtgewichtige Klangerlebnis von "Infinity land" zu genießen.

Mit "My recovery injection" indes ist Biffy Clyro ein wahrlich belebendes Element gelungen, das unter Beweis stellt, daß Metal-Liebhaber trotz häufiger Präferenzen für funkige Rhythmen und Riffs nicht direkt in Crossover-Verdacht geraten müssen. Manchmal gar stehen Biffy Clyro näher bei Kollegen der Wüstenrockfraktion à la Josh Homme als an irgendwelchen Emo-Würsten oder schottischen Landsleuten wie Mogwai oder Aereogramme, auch wenn da gerne Parallelen hergestellt werden. Doch schlußendlich sind bei der so trefflich unter Beweis gestellten Fülle an Kreativität, Esprit, Mut und Können so oder so alle Vergleiche obsolet. Biffy Clyro sind nicht mehr die vielversprechende Nachwuchsband, als die sie seit Jahren gehandelt werden. Sondern groß, groß, groß!

(Joerg Utecht)

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Highlights

  • Glitter and trauma
  • My recovery injection
  • There's no such thing as a jaggy snake

Tracklist

  1. Glitter and trauma
  2. Strung to your ribcage
  3. My recovery injection
  4. Got wrong
  5. The atrocity
  6. Some kind of wizard
  7. Wave upon wave upon wave
  8. Only one word comes to mind
  9. There's no such man as crasp
  10. There's no such thing as a jaggy snake
  11. The kids from Kibble and the fist of light
  12. The weapons are concealed
  13. Pause it and turn it up

Gesamtspielzeit: 71:42 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

jo

Postings: 1230

Registriert seit 13.06.2013

2019-11-13 10:56:31 Uhr
"Questions and Answers" war sogar einer der Songs, der mich überhaupt wieder an die Band erinnerte. Hatte sie vorher nur nebenbei registriert und mir daraufhin dann "The Vertigo of Bliss" und "Blackened Sky" angehört.

Beefy

Postings: 227

Registriert seit 16.03.2015

2019-11-13 08:02:01 Uhr
Zum Thema Pop und so: Auch auf dem sehr proggressiven und vertrackten "Vertigo" waren bereits Songs wie "Questions and Answer" und "All The Way Down" zu finden. Letzteres gehört zu meinen absoluten Biffy-Favoriten und war sowas wie ein epischer Vorläufer von "Many Of Horror". Aber jetzt befinde ich mich wohl im falschen Thread :-)

jo

Postings: 1230

Registriert seit 13.06.2013

2019-11-12 21:57:30 Uhr
"Puzzle" und "Blackened Sky" vielleicht sogar noch näher. Auf "Puzzle" war ja zum Beispiel auch noch das durchaus vertrackte "Now I'm Everyone" drauf.

derdiedas

Postings: 435

Registriert seit 07.01.2016

2019-11-12 21:38:46 Uhr
Von den ganz frühen sowieso nicht, Blackened Sky und Opposites sind zumindest was die poppigeren Songs angeht gar nicht so weit voneinander weg.
Aber am meisten mag ich doch auch die hakenschlagenden Biffy von Vertigo und IL.

Ansonsten ist die Stimmung der Musik auch einfach eine andere, früher war mehr Moll ;)

jo

Postings: 1230

Registriert seit 13.06.2013

2019-11-12 20:27:09 Uhr
Auch richtig. Gerade die B-Seiten heben die Phasen auch noch mal ein gutes Stück an.

"Stadion"-Fan bin ich an sich dann auch gar nicht. Aber oft sind die Refrains für mich einfach zu gut, als dass sie irgendwie negativ auffallen könnten. Das gilt zwar nicht für jeden Song auf "Opposites", aber für viele. Was die (Eingängigkeit der) Refrains angeht, unterscheiden sich die "neuen" Biffy für mich sogar noch am wenigsten von den "alten".
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