Archer Prewitt - Wilderness

Archer Prewitt- Wilderness

Thrill Jockey / Rough Trade
VÖ: 24.01.2005

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Postpop

Zugegeben: Die Überschrift klingt nach Ratlosigkeit. Oder sogar nach musikjournalistischer Sünde. Ein weiteres böses P-Wort. Aus schreiberischer Faulheit komplexe Ideen in handliche Schubladen zu stecken, soll ja schon vorgekommen sein. Doch aufgemerkt: Selten hat ein Neologismus den Kern der Dinge besser getroffen als beim aktuellen Album "Wilderness" des The-Sea-and-Cake-Gitarristen Archer Prewitt. Der Mann aus Chicago hat im vierten Versuch mit dieser Soloveröffentlichung das Stadium der gepflegten Langeweile, die aus zu großer Perfektion zu erwachsen drohte, glücklich hinter sich gelassen. Die Fenster sind aufgerissen, und die Sonne darf ins Haus. Den elf Songs tat das richtig gut.

Den Einstieg bildet mit "Way of the sun" das Manifest einer Melange aus Komplexität und Leichtigkeit. Ausgestattet mit einer Vielzahl an Ideen, so daß sich leicht fünf gutgelaunte Lieder daraus hätten machen lassen, entsteht doch ein beschwingter musikalischer Kontrapunkt zum eher melancholischen Text. Rhythmuswechsel und eine in alle Himmelsrichtungen weisende Melodieführung bilden das konzeptuelle Fundament, auf dem Prewitts Tenor und seine akustische Gitarre folgende Kombatanten zum Duell fordern (und zwar in dieser Reihenfolge): ein prima Klingklang-Glockenspiel, elektronische Störfeuer, die Bläserfraktion, Offbeat-Klatschen und zur Krönung ein schüchtern hingehauchtes "Ave Maria".

"O, KY" (KY=Kentucky) ist wie viele der Songs fest im Geiste der Siebziger verwurzelt und wirkt wie ein Soundtrack, der eine Reihe von Leuten am geistigen Auge vorbeireiten läßt: Gram Parsons, Brian Wilson, Neal Young, Steve Miller, Mark Knopfler, David Bowie, Paul Simon, Steve Earle. Noch eine krude Mischung? Wir hatten zu Beginn darauf hingewiesen: Hier wird sich aus vielen Töpfen bedient. Doch der Koch ist ein guter, so daß kein verdorbener Brei herauskommt. Wie auch bei "Go away" zu bestaunen ist. Das Lied dämmert zu Beginn so vor sich hin, schön leidvoll, dann allerdings folgt ein Break, die Musikanten nehmen Fahrt auf, Mundharmonika und Streicher gesellen sich dazu und fragen uns, warum wir nicht einfach alles hinter uns lassen, was Trübsal verspricht.

Wieso die Veröffentlichung dann bei so viel Positivem nicht mindestens Album der Woche ist? Nun, vielleicht liegt es daran, daß der Künstler den Bogen hier und da auch deutlich überspannt. Das Titelstück, aus welchem Grund auch immer ans Ende verbannt, sucht und findet seinen Bezugspunkt in einem noch früheren Jahrzehnt. Paul McCartney mag Pate gestanden haben, nur haben die Beatles in ihrer psychedelischen Phase ihre Sache doch deutlich besser gemacht. Ein weiterer Minuspunkt: Archer Prewitt ist in seinem zweiten Leben Illustrator und Comiczeichner. Allein die durch und durch prätentiöse Zeichnung auf dem Albumcover ist nichts weniger als eine Zumutung.

(Joerg Utecht)

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Highlights

  • Way of the sun
  • Go away

Tracklist

  1. Way of the sun
  2. Leaders
  3. O, Ky
  4. Go away
  5. Judy, Judy
  6. No more
  7. Think again
  8. Cheap rhyme
  9. O, lord
  10. Without you
  11. Wilderness

Gesamtspielzeit: 54:17 min.

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