Nu Pagadi - Your dark side

Nu Pagadi- Your dark side

Cheyenne / Polydor / Universal
VÖ: 03.01.2005

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Death Metal

Endlich. Wie lange mußten wir warten, bis wir endlich eine Casting-Truppe zusammengebaut bekamen, die auch uns Stromgitarrenfreunde als Zielgruppe ernst nimmt? Vielleicht erinnert sich ja der eine oder andere an den Lachkrampf, als das brutal krasse Video der Popstars-Überflieger Nu Pagadi erstmals über den Äther rieselte. Mit den grimmigsten Gesichtsausdrücken, die man so im Schminkstudio hinbekommt, krächzen zwei gepiercte Trantüten - Musikjournalist (sic!) und Danko-Jones-Maskottchen - tiefenpsychologische Zeilen wie "Ich bin Nitroglycerin / Lösche Feuer mit Benzin." Und zwei auf schätzungsweise vierzig geschminkte Tanten wackeln dazu pflichtschuldig mit ihren sekundären Geschlechtsmerkmalen, bevor sie so richtig die Sirene geben dürfen. Um aller Welt zu zeigen, was sie sich alles beim fleißigen Oomph!- und L'Âme-Immortelle-Clip-Gucken haben abschauen können. Mimische Höchstleistungen wie beim Orgasmus. Oder eben beim Kacken. Fast so großartig wie die Plüschtierchen von Vanilla Ninja.

Es war ja Zeit, daß auch eine deutsche Casting-Show mal den Finger an die aufgeschlitzte Pulsader der Zeit legt. Nicht umsonst kam ja Alexander Klaws mit seinen leider nur halbherzig vorgetragenen Manowar-Texten beim internationalen Marionetten-Festival nur so weit wie die durchschnittliche deutsche Fußballnationalmannschaft. Dieses Land braucht nicht nur eine Quote, die dafür sorgt, daß wir noch mehr einheimischen Qualitätspop wie De Randfichten, Yvonne Catterfeld, Etwas oder Silbermond im Radio genießen dürfen. Sondern endlich mal voll die bedrohlichen Popstars. Deswegen sind Nu Pagadi natürlich viel, viel aggressiver als Rockerbraut Jeanette Biedermann. Die können nämlich grölen wie ein ziemlich gemeiner Wolf ... gang Petry.

Doreen, Markus, Kristina und Patrick hantieren so allerliebst mit Sex und Crime herum, daß man sie mit Knuddeltieren ersticken möchte. Und sind bewaffnet mit Textzeilen from hell. "Shake your brains out, jump like a yoyo." Der kreischkomische Opener "Moonlight pogo" ist die Fortsetzung von "Dödel up" und "Kumba-yo" mit anderen Mitteln. "Hier, wo die Sonne nie mehr scheint", befinden sie sich an anderer Stelle. Dabei hatte sie doch (noch) niemand dorthin geschickt. Schöner wohnen ist ein wichtiges Thema auf "Your dark side": "Laß mich sterben / Laß mich immer bei Dir sein." Fragt sich nur ob über- oder unterirdisch. Aber auch in Sachen Körperlichkeit kennt man sich aus. Nicht nur deswegen, weil man sich mangels anderer Talente für das Cover so hübsch nackig gemacht hat, wie es selbst Britney Spears erst dann nötig hatte, als die Karriere völlig im Gesäß war. Vom Pelzträger zum PETA-Poseur in nur zwei Wochen. Wow! Zurück zum Thema: "Wir können doch ein paar Kinder machen aus lauter Langeweile", schlägt einer der Kerle vor. Weil die Musik so spannend ist? "Did you ever think I'd give you my virginity?", kreischt eine der Damen darauf ganz züchtig. Man will ja die jugendliche Fanbasis nicht verschrecken. Und schon antwortet der Chor mit einer Handvoll Bombast, ein paar Bambiaugen als Dekoration und Doktor Sommer als geistigem Beistand: "It's a long way into my heart." Wie war das noch im Anatomie-Unterricht?

Man lebt wirklich viel besser damit, die ganze Grütze als das zu werten, was es ist: grenzdebile Unterhaltung. Und die funktioniert prächtig. Musikalisch jedoch locken die in Streichersoße getunkten Elektronikgitarren und Rumpelgrooves höchstens noch die Zwölfjährigen von der Straße, die nicht schon bei "Eins, zwei, drei, vier, Eckstein" den Klingelton-Download gestartet haben. Dabei ist das Debüt von Nu Pagadi verteufelt abwechslungsreich: "Wir haben alle einen sehr offenen Musikgeschmack und hören sehr viele Dinge. Aber Rock ist die Homebase." Voll street, das. Schon wird hilflos Billy Idols "Flesh for fantasy" gecovert, was immerhin besser gelingt als Scooters "Rebel yell", bei "Hellfire" mit Kiss um die Wette gehardrockt und überhaupt ziemlich ballermannkompatibler Industrial Rock gegrunzt. Im umzig trümmernden Titelstück kreuzt man HIM und The Rasmus mal ohne diese seltsamen großen Geigen, grüßt bei "Queen of pain" noch schnell Evanescence und arbeitet ein paar weitere Power-Balladen wie "Scratching the ceiling of the world" oder "Falling again" ab, die wohl selbst Schmalzdrüse Lukas Hilbert zu peinlich waren.

Trotzdem: Er und Uwe Fahrenkrog-Petersen haben da als Hauptsongwriter eine wahre Todesblei-Perle zusammengekaspert. Mit tatkräftiger Hilfe von Vollblutmetaller Reamonn Garvey, der in den Credits allerdings nur als "R.G." auftaucht. Angst von der eigenen Glaubwürdigkeit? Dabei ist "Your dark side" doch so was von böse, verrucht, gefährlich, unheilschwanger, satanistisch, sadistisch und verferkelt. "Ich bin kein Dämon, doch etwas Böses ist da schon." Echt jetzt. Das merkt man ja schon daran, daß sie beim gleichen Label sind wie Schnappi, das mordsgefährliche Krokodil.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Moonlight pogo
  • Sweetest poison

Tracklist

  1. Moonlight pogo
  2. Sweetest poison
  3. Scratching the ceiling of the world
  4. Hellfire
  5. Falling again
  6. Flesh for fantasy
  7. Long way
  8. Virus
  9. Your dark side
  10. Queen of pain
  11. No love inside
  12. Dying words
  13. Sweetest poison (Electromix)

Gesamtspielzeit: 52:56 min.

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