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Tocotronic - Pure Vernunft darf niemals siegen

Tocotronic- Pure Vernunft darf niemals siegen

Rock-O-Tronic / Lado / Rough Trade
VÖ: 17.01.2005

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Marsch durch die Irritationen

Es war schon ein seltsames Gefühl, Tocotronic plötzlich als Kunsthandwerker wahrnehmen zu müssen. Mit literarischem Gepäck bewaffnet zogen sie auf "Tocotronic" los, um in Märchenschlössern zu übernachten und die surrealsten Momente ihrer Träume musikalisch zu fixieren. Die Poesie der Synapsen war eindrucksvoll weltfremd und wurde glatt von manchem als Meisterwerk mißverstanden. Doch letztlich war da wenig mehr als heiße Luft, die über die Jahre mit leisem Zischen entwich.

Auf "Pure Vernunft darf niemals siegen" haben die mittlerweile durch den langjährigen Begleiter Rick McPhail verstärkten Nordlichter erkannt, daß aufgeblasene Arrangements Dirk von Lowtzows Sprechblasen noch verkopfter wirken lassen. Und - nach leichten Schienenbeintritten von Produzent Moses Schneider - gleich alles unnötige Klimbim außen vor gelassen. Guter Plan. Und so scheppert das in gerade mal neun Tagen entstandene siebte Tocotronic-Album angenehm knarzig und verzerrt durch die Gegend. Der dabei entstehende Eindruck der Handfestigkeit ist zwar nur Illusion, aber die erklärt von Lowtzow einfach mal zum Menschenrecht.

Wenn in "Mein Prinz" die Riffs nörgeln oder in der rauschhaften Nestbeschmutzung "Aber hier leben, nein danke" über zickigen Bluesrock gequengelt wird, ohne klarzustellen, wovon man sich denn nun distanziert, sind Tocotronic wieder ganz Rockband. Aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Denn so verquer die Botschaft auch fabuliert wird, so sehr haut sie auf den Tisch. "Pure Vernunft darf niemals siegen / Wir brauchen dringend neue Lügen." Eskapismus als Mittel zum romantischen Umsturz.

Die Gitarren taumeln zu düsteren Gedanken. "Ich setze mich aufs Spiel." Zornige Sinnhaftigkeiten ballen die Fäuste. Spontane Geistesblitze erhellen vermeintliche Sprichwörter. Andeutungen von Reisen, Traumdeutung und Psychoanalyse. Der Verstand knobelt auf Hochtouren und hängt sich doch nur an Verweisen und Fußnoten auf. Stundenlanges Zuhören ohne jede Spur von Erkenntnis. "Danke auch für den Versuch / Das hier ist kein Wörterbuch."

Vor der endgültigen Verwirrung aber wird der kognitive Versuch verworfen. Nur die emotionale Ebene verheißt Zugang. Und dieser Schlüssel paßt ins Schloß. So wirft man sich endlich begeistert in den kunstvoll verschleppten Groove. "In höchsten Höhen" gibt das phantastische Rockschwein, "Gegen den Strich" hat seine Lizenz zum Querbürsten von Interpol, und der entrückte Mutmacher "Keine Angst für niemand" badet im fahlen Mondlicht. Die Riffs aufgefädelt wie eine Perlenkette. Unterkühlte Rhythmen, verhallte Gesänge, bizarre Erhabenheiten. "Nur wer die Stimme verstellt / Wird endlich frei sein und gehen." Rock'n'Rilke. Der Soundtrack für Parallelgesellschaften.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • In höchsten Höhen
  • Gegen den Strich
  • Pure Vernunft darf niemals siegen
  • Alles in allem
  • Mein Prinz

Tracklist

  1. Aber hier leben, nein danke
  2. In höchsten Höhen
  3. Der achte Ozean
  4. Keine Angst für Niemand
  5. Gegen den Strich
  6. Angel
  7. Pure Vernunft darf niemals siegen
  8. Cheers for fears
  9. Alles in allem
  10. Mein Prinz
  11. Tag der Toten
  12. In tiefsten Tiefen
  13. Ich habe Stimmen gehört

Gesamtspielzeit: 57:34 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

nörtz

User und News-Scout

Postings: 8282

Registriert seit 13.06.2013

2020-12-14 17:11:01 Uhr
Danke schön. Die Woche des Weinens ist aber schon vorbei. Es geht aufwärts und dabei helfen mir die Tocos gerade sehr, auch wenn ich natürlich immer an sie denken muss.

Nach der puren Vernunft konnte sie mit ihnen auch nicht mehr so viel anfangen. Während der Tour zum roten Album war sie nochmal mit mir auf einem Konzert.

AVMsterdam

Postings: 377

Registriert seit 13.03.2017

2020-12-14 17:04:54 Uhr
Oh Scheiße. Beileid.

nörtz

User und News-Scout

Postings: 8282

Registriert seit 13.06.2013

2020-12-14 17:04:08 Uhr
Deshalb ist das jetzt auch für mich irgendwie ihr Album. Sie war auch noch Hamburgerin. Da kommt alles irgendwie zusammen.

nörtz

User und News-Scout

Postings: 8282

Registriert seit 13.06.2013

2020-12-14 17:02:10 Uhr
Von 2011 bis 2014 waren wir zusammen, danach noch mehr als beste Freunde, wie Bruder und Schwester. :/

nörtz

User und News-Scout

Postings: 8282

Registriert seit 13.06.2013

2020-12-14 17:00:49 Uhr
Dies hier war das Lieblingsalbum meiner besten Freundin. "Aber hier leben, nein danke" war eines ihrer Lieblingslieder.

Sie hat sich vor zwei Wochen das Leben genommen und jetzt höre ich gerade "Ich habe Stimmen gehört".

Dieser Text...
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