Evanescence - Anywhere but home

Evanescence- Anywhere but home

Wind-Up / Epic / Sony
VÖ: 22.11.2004

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Die Leibhaftige

Sie waren der erstaunlichste Hype des Jahres 2003. Seit Jahren scheuchten mißgelaunte Finsterrocker ein Klischee ums nächste durch die Dunkelkammer, und keine Sau interessierte sich. Und dann kommt plötzlich eine Truppe aus Amiland, um mit aufgesetzter Zerbrechlichkeit, einem bewußten Nicken in Richtung Linkin Park und natürlich einer nicht ungeschickten Filmsoundtrack-Plazierung die Ohren von Millionen Halbwüchsigen zu erobern. "Bring me to life" hauchte dem halbverwesten Gothic-Einerlei tatsächlich derartiges Leben ein, daß selbst die jodeldiplomierten Nachthemden von Within Temptation und Nightwish plötzlich reif für die Charts waren.

Evanescence also. Die Band, die die Vergänglichkeit schon im Namen mit sich herumschleppt, scheint jetzt die ganze Karriere im Schnelldurchlauf mitnehmen zu wollen. Rasanter Aufstieg gleich mit der ersten Single. Die Trennung von Gitarrist und Songschreiber Ben Moody mitten während der ersten Welttournee. Grammy-Nominierung für die Schnulzenauskopplung "My immortal". Und jetzt gleich schon mit "Anywhere but home" die erste Vollbedienung. Welche aus dem immensen kreativen Potential genau eines (!) veröffentlichten Albums schöpfen darf.

Und es wird viel geboten. Ein komplettes Konzert zum Hören und zum Sehen. Plus sämtliche der manieristischen Videoclips. Zum Genießen freilich fehlt einiges. Denn was auf "Fallen" noch und nöcher produziert wurde, damit das Debüt selbst einen Stealth-Bomber an Stromlinienform übertrumpfen konnte, dröhnt und drängelt dumpf aus den Membranen. Selbst wenn im aufgebohrten Überflieger "Bring me to life" sanfte Piano-Tupfer einen Hauch von Tiefgang andeuten, schreddert die auf kernig getrimmte Bratzgitarre alle vom Band soufflierten Sound-Nuancen.

Statt kristallklarer Klänge setzt es ein immerhin authentisches Festival-Gefühl. Als ob man circa 500 Meter von der Hauptbühne entfernt und mitten im Regensturm der Band harren würde. Die sich dafür mit dem so ziemlich matschigsten Schlagzeug seit der Erfindung des Topfschlagens bedankt. Und manchmal hilft nicht einmal das selig mitsingende Publikum. Wenn wie in "Going under" mal wieder die Stimme von Frontsirene Amy Lee weit, weit davonschwebt, möchte man gleich hinterher entfleuchen.

Geschmückt wird "Anywhere but home" dann immerhin noch von einer nur vermeintlich indiskutablen Coverversion. Evanescence covern Korn. Wer noch nicht vor Lachen bei der Vorstellung gestorben ist, möge sich erst einmal anhören, was Lee da für "Thoughtless" aus ihrem Klavier zaubert. Die Dame hat doch tatsächlich recht genau zugehört, als Tori Amos einst Slayers "Reign in blood" umdeutete. Und wären da nicht die ewig bratenden Powerchords, würde man glatt über das lustlose Grölen im Refrain hinweghören. Aber Subtilität ist die Sache von Evanescence ohnehin nicht. Könnte an ihrer Herkunft liegen: Little Rock, viel Kalkül.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Tourniquet

Tracklist

  1. Haunted
  2. Going under
  3. Taking over me
  4. Everybody's fool
  5. Thoughtless
  6. My last breath
  7. Farther away
  8. Breathe no more
  9. My immortal
  10. Bring me to life
  11. Tourniquet
  12. Imaginary
  13. Whisper
  14. Missing

Gesamtspielzeit: 61:47 min.

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