Boy In Static - Newborn

Boy In Static- Newborn

Alien Transistor / Hausmusik / Indigo
VÖ: 15.11.2004

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Unter allen Schichten ist Ruh'

Ein kleines Appartement in Boston. Auf der zerknautschten Bettdecke liegt eine Akustikgitarre. Eine kleine Bontempi-Orgel und ein Casio-Keyboard kauern windschief zwischen leergegessenen Burger-Tüten, Klinkenkabeln, Mikrophonen, Cola-Flaschen und der schlabberigen Schlafanzughose. Draußen ist es schon dunkel, der flimmernde Bildschirm eines Laptops taucht den Raum in ein schwaches, kaltes Licht. Dazwischen wuselt ein akribischer, tüftelfreudiger Klangbastler herum - schiebt Regler, dreht an Effektknöpfen. So ungefähr könnte man sich Heim und Arbeit von Alexander Chen vorstellen - 23 Jahre alt, ein kauziger Querkopf, musikalisches Allroundtalent mit Freude an elektronischen Spielereien. Als Künstler nennt er sich Boy In Static und hat nun im stillen Kämmerlein in fitzeliger Eigenarbeit sein erstes Album aufgenommen und produziert.

Gleich säckeweise pfiffiger Ideen hat der talentierte Youngster in den zehn Songs in seinen Erstling eingewoben. Stille Perlen, die zwischen reduziertem Singer/Songwriter-Folk und elektronisch angehauchten Klangteppichen pendeln. Unüberhörbar ist der neongoldene, musikalische Wind, der von Weilheim nach Boston hinübergeweht ist. Gleich im ersten Stück, dem famosen "Bellyful" fühlt man sich frappierend an die späten Notwist erinnert, von denen er bekennender Fan ist und auf deren Label nun sein erstes Album auch erscheint. Auch Sigur Rós oder die früheren Pink Floyd tauchen am Firmament der Erinnerungen auf, während man die Platte hört.

Neben schlichten, klaren Gitarrenpassagen dominieren gerade die beinahe klangmalerischen, impressionistisch anmutenden Momente: Minimalistisches Rhodes-Piano klimpert selbstversunken. Zaghafte, einsame Celli und Bratschen streichen zusammen mit einer gedankenverlorenen Orgel entrückte Klangteppiche. Dazwischen und darunter knistert, rumpelt, blubbert, zirpt, quietscht, knarzt, scheppert und zischt es. Ab und zu kämpft sich sogar eine verzerrte E-Gitarre durch den Klangnebel. Eine betrunkene Hi-Hat torkelt ins Bild. Verfremdete, zuweilen kaum mehr als solche erkennbare Rhythmen brodeln im Untergrund, verzerrt flirrende Breakbeats flackern kurz auf, dann wird es wieder schlicht. Psychedelische Schwermut und trübtaube Trauer prägen die Klangfarben. Bei aller Vielseitigkeit ist sind es doch eher musikalische Schattierungen in Grau.

Facettenreich ist der Flug durch den musikalischen Kosmos des Herrn Chen. Es gibt viel zu entdecken. Und doch döst man irgendwann im gemächlichen Fluß dahin, plätschert auf den klangschönen Klangteppichen in Richtung Indifferenz. Auf "Newborn" schichtet er Spuren über Spuren, aber nicht jeder Teil des Gesamtwerks hinterläßt auch welche im Gehörgang. Trotz einiger wunderschöner Songs und originellen Arrangements nebst zarter Melodien verbreitet das Album stellenweise Ratlosigkeit und schlingert minutenlang ziellos dahin. Trotzdem ist Boy In Static mit seinem Erstling ein vielversprechendes Stück Musik gelungen. Auf dieses Knistern läßt sich aufbauen.

(Ole Cordsen)

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Highlights

  • Bellyful
  • Stay awake
  • Warm blooded
  • Slept fine

Tracklist

  1. Bellyful
  2. Newborn
  3. Kissed unter the sun
  4. Stay awake
  5. Broke
  6. First Words
  7. Epilogue
  8. Truly yours
  9. Warm blooded
  10. Slept fine

Gesamtspielzeit: 43:11 min.

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