Elliott Smith - From a basement on the hill

Elliott Smith- From a basement on the hill

Domino / Rough Trade
VÖ: 18.10.2004

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Mister Misery

Er war immer derjenige, der einem selbst dann noch Hoffnung schenkte, wenn man meinte, nun wirklich ganz am Boden zu sein. Der Leidensmann, der von den kleinen Enttäuschungen, den inneren Zerrissenheiten und den alltäglichen Plagen sang. Melodien ließ er stets wie kleine Kinder wirken. Naiv. Unschuldig. Zerbrechlich. Seine Gefühle lagen wie funkelnde Juwelen in einer offenen Vitrine. Man konnte teilhaben an Smiths Kampf gegen die Welt. Und zwischen Depressionen und Drogen entstanden einige der berührendsten Pop-Momente der letzten zehn Jahre.

Als vor einiger Zeit ruchbar wurde, daß Smith an einem Doppelalbum arbeitete, erwarteten viele nicht weniger als ein künstlerisches Opus Magnum, wo er sich doch schon auf "Figure 8" selbst übertroffen hatte. Eine weitere große Skizze der Emotionen, ein weiteres melodietrunkenes Zwinkern aus dem Halbdunkel. Doch eines Tages wachte die Welt auf und war um einen ihrer Poeten ärmer. Mitten im Aufnahmeprozeß von "From a basement on the hill" riß das Schicksal in Form eines Küchenmessers den Künstler aus Studio und Leben.

Doch keine Trauer dauert ewig. Als Smiths Familie bewußt wurde, daß er in seinem Studio eine in Eigenregie fast fertig produzierte Platte hinterlassen hatte, baten sie Langzeitproduzent Rob Schnapf und Smiths Ex-Freundin Joanna Bolme, die mittlerweile bei Stephen Malkmus den Baß bedient, um Hilfe. Mit fast kriminologischer Akribie spürten die beiden Smiths Notizen und Partituren hinterher, fahndeten auf den Bändern nach Song-Bruchstücken und interviewten damalige Studio-Besucher, um sich Schritt für Schritt in seine verschrobene Gedankenwelt zu versetzen. Langsam wuchs "From a basement on the hill" zusammen. Und was man hört, überrascht und begeistert gleichermaßen.

Gleich "Coast to coast" macht klar, daß Smith an den Verstärkern gedreht hat. Seine markanten Harmonien verstecken sich hinter scheppernden Drums und sägenden Gitarren. Sein Falsett schwebt über dem dezenten Lärm. Gleich im Anschluß streichelt er die sechs Saiten wieder so behutsam, als traue er sich kaum vor die Tür. Und singt im gleichen Atemzug: "Burning every bridge that I cross / To find some beautiful place to get lost." Anmutige Folkrocker wie "Pretty (Ugly before)", das vollbesetzte Indie-Rumpeln "Don't go down" oder das entrückt stampfende "King's crossing" ergeben ein blaßbuntes Songpuzzle, das mit jedem Stück mehr Klarheit zu gewinnen scheint und doch rätselhaft bleibt.

Auch wenn die hoffnungsvolle Unfertigkeit des Albums nicht ganz an das überwältigende "Figure 8" anknüpfen kann, bleiben Smiths Eigenarten und Absonderlichkeiten stets unbedingt liebenswert. In Euphorie und Depression findet sich der Zwang zur bittersüßen Leidenschaft. Immer wieder stößt man auf diese typischen Elliott-Smith-Momente: das tänzelnde Klavier aus "A passing feeling", die kippende Harmonie von "Memory lane", das seltsame Lick aus "Strung out again". Und immer wieder diese heimtückisch faszinierende Ohrwurm-Melodie, gegen die man schlicht und einfach machtlos ist. Wie in "A fond farewell". Oder im gehauchten "I'm already somebody's baby" aus "Twilight", das nach unentschlossener Romanze schmeckt. Hach!

"I don't give a fuck", säuselt Smith im abschließenden "A distorted reality is now a necessity to be free" wie einst die Beach Boys. Kryptische Ironie und betäubter Zynismus. "The last hour" wirkt daneben wie ein resignierter Abschied. "Make it over." Elliott Smith starb am 21. Oktober 2003. Ob er sich die so symbolträchtigen Messerstiche in der Brust selber zugefügt hat, ist noch immer unklar. Auf "From a basement on the hill" wird man Hinweise finden, wenn man sie denn sehen will. Aber waren seine Songs nicht immer schon selbsterfüllende Prophezeiungen?

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Pretty (Ugly before)
  • A fond farewell
  • King's crossing
  • Twilight

Tracklist

  1. Coast to coast
  2. Let's get lost
  3. Pretty (Ugly before)
  4. Don't go down
  5. Strung out again
  6. A fond farewell
  7. King's crossing
  8. Ostrich & chirping
  9. Twilight
  10. A passing feeling
  11. The last hour
  12. Shooting star
  13. Memory lane
  14. Little one
  15. A distorted reality is now a necessity to be free

Gesamtspielzeit: 57:55 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
XY
2007-02-18 09:40:21 Uhr
Bisher mochte ich Elliott Smith ja nicht so sehr, weil: zu langweilige Songs, gepaart mit zu wenig Abwechslung auf den Alben, zu poppig und Simon&Garfunkel-mäßig, zu hohe Stimme, usw. Aber dieses posthum veröffentliche Album hat mich jetzt gepackt. Still und leise haben sich die Songs in mein Ohr geschlichen quasi. Da sind schon richtige Perlen dabei (Pretty ugly before, strung out again, a fond farewell, little one uvm).
Crocko
2006-10-04 21:51:20 Uhr
Wirklich wahr. Ne neue Schmith-Platte so richtig produziert würde ich echt lieben. True Love hat mich zum heulen gebracht
ZTack
2006-10-04 20:22:09 Uhr
Toller Blog
Jo le Tango
2006-10-04 00:58:42 Uhr
Hier:
http://www.cutthechord.blogspot.com/2006/09/things-you-might-not-know-about-new.html

Ist zwar nur ein blog aber die kennen sich wirklich aus.
Cacau
2006-10-03 20:20:18 Uhr
@jo le tango

wo?
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