HIM - Razorblade romance

HIM- Razorblade romance

Supersonic / BMG
VÖ: 24.01.2000

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Romantische Todeshymnen

Die erste Enttäuschung erwartet mich beim Einlegen der CD: Man hat die Albumlänge diesmal nicht wie beim Vorgänger künstlich auf 66:06 Minuten verlängert. Davon abgesehen ist gegenüber dem Debüt bei HIM alles beim alten geblieben. Wer bereits "Greatest lovesongs Vol. 666" kennt, den erwartet hier nicht viel Neues. Weder was das Albumcover noch was die Musik angeht wagen HIM große Experimente. Stattdessen erwartet den geneigten Hörer eine "Greatest lovesongs Vol. 666 Vol. 2".

Nachdem ich alleine bei der allseits bekannten ersten Single "Join me in death" inclusive Wiederholungen bereits rund 30 Begriffe gezählt habe, die mit dem Tod zu tun haben, wird mir schwindelig und ich entschließe mich, die Zählung zu beenden. Bei soviel Todessehnsucht werden Erinnerungen an The Cure zu ihren "Disintegration"-Zeiten wach, und auch musikalisch können die Finnen nicht verleugnen, daß ihre Vorbilder in der 80ern liegen. Elemente aus Glam-Rock und New Romantic werden hier mit ganz viel Bombast-Gitarren, einem emotionsreichen Organ, das zwischen Kopfstimme, Jauchzen und düsterem Grollen pendelt sowie den genannten Suizidgelüsten zu einem würzigen Süppchen verquirlt, das für die Charts oder gar für einen neuen Trend wie geschaffen ist.

Frontmann Ville Valo spielt die androgyne Gothic-Diva, irgendwo zwischen Marilyn Manson, dem jungen Jim Morisson und Ziggy Stardust. Nur gibt es hier den gravierenden Unterschied, daß sich HIM zumindest im Gegensatz zu Meister Manson oder Joachim Witt alles andere als ernst nehmen. Ähnlich wie Marilyn Manson läßt sich Ville Valo in Verbindung mit gezielt eingesetzten Gerüchten ideal für die Teenie-Postille vermarkten. Die Texte gaukeln keinen lyrischen Intellekt vor sondern sind absichtlich simpel gehalten und drehen sich nur um das Eine, die romantische Stilisierung des Todes. Man muß daher nicht allzutief blicken um festzustellen, daß die Finnen und ihr Frontmann mit ihrem Image nur kokettieren und sie es mit ihrer Liebe zur Zahl 666, den düsteren Texten und ihre romantische Todessehnsucht ganz bewußt weit übertreiben. Die Rasierklinge mit dem eingestanzten Herzen auf der CD und in der Mitte des Booklets und auch das neue "Heartagram"-Logo brachten mich ebenso zum Schmunzeln wie kurz zuvor die heiligenscheinartigen Strahlen um Valos Kopf auf dem Cover. Vielleicht ist es gar nicht so weit hergeholt, eine Gilette HIM Special Edition dieser Klinge zum gepflegten Pulsadernsufschneiden zu erwarten.

Wer von HIM mit dem sich abzeichnenden Erfolg hingegen auch musikalisch eine zunehmende Kommerzalisierung erwartet hatte, liegt falsch. "Razorblade romance" ist insgesamt sogar noch etwas weniger eingängig als das Debütalbum. Kleine kommerzielle Zugeständnisse mußten HIM kürzlich trotzdem machen. So mußte der Titel der Single "Join me in death" zur größeren Radiotauglichkeit kurzerhand in "Join me" verkürzt werden, auf dem Album darf das Stück seinen vollen Titel tragen. Immerhin hat es die Band jetzt nicht mehr nötig, sich durch markige Coversongs wie "Wicked game" Gehör und Bekanntheit zu verschaffen, sämtliche elf Songs stammen aus der Feder von Ville Valo.

Als möglicher Nachfolger von "Join me in death" bietet sich neben dem nicht minder eingängigen "Right here in my arms" vor allem das hypnotische "Gone with the sin" an, das demgegenüber weit gemächlicher ausfällt. In Verbindung mit zuviel Kerzenlicht und Alkohol und zuwenig psychischer Standhaftigkeit könnte Ville Valo einen damit tatsächlich in den Freitod stürzen wie es in Skandinavien tatsächlich schon passiert sein soll. Als bizarren Soundtrack für einen Selbstmord könnte ich mir was aktuelle Musik angeht nichts besser vorstellen als die ruhigeren Songs der Finnen.

Ansonsten befürchtete ich schon, die dreifache Sechs würde mir auf "Razorblade romance" gar nicht mehr begegnen, da belehrte mich der neunte Track "Death is in love with us" doch noch eines besseren. Alles in allem sind HIM also dafür bereit, in Deutschland in die Fußstapfen der Guano Apes und der Bloodhound Gang als die etwas anderen Rock-Superstars zu treten - bewaffnet mit einem guten Album, einem exzellent vermarktbaren charismatischen Frontmann und vor allem einer gehörigen Portion humorigem Abstand zum Business wie jüngst der Auftritt bei Top Of The Pops bewies. Und so wird man bestimmt nicht bis zur sechsten CD warten müssen, um HIM an der Spitze so mancher alternativer Bestenlisten zu sehen.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Join me in death
  • Gone with the sin

Tracklist

  1. I love you (Prelude to tragedy)
  2. Poison girl
  3. Join me in death
  4. Right here in my arms
  5. Gone with the sin
  6. Razorblade kiss
  7. Bury me deep inside your heart
  8. Heaven tonight
  9. Death is in love with us
  10. Resurrection
  11. One last time

Gesamtspielzeit: 42:40 min.

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  • HIM (3095 Beiträge / Letzter am 10.10.2010 - 20:32 Uhr)

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