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Nick Cave & The Bad Seeds - Abattoir blues / The lyre of Orpheus

Nick Cave & The Bad Seeds- Abattoir blues / The lyre of Orpheus

Mute / EMI
VÖ: 20.09.2004

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Blueshaltestelle

"I don't do happy. I do sad or angry." Diese Maxime des australischen Schmerzensmanns thront über seinem faszinierenden Oeuvre vom krachigen Gerumpel seiner Birthday-Party-Zeit bis hin zu den ätherischen Elegien von "No more shall we part". Immer wieder schlidderte er in die Abgründe der Seele, forschte nach Ängsten und Sehnsüchten und fand dabei meist himmlische Melodien. Und als zuletzt sogar wieder energisch gerockt wurde, freute man sich auf eine herrlich abseitige Zukunft. Aber dann stieg Blixa Bargeld, der überzeugte Nicht-Gitarrist der Bad Seeds, unmittelbar nach dem Release von "Nocturama" aus.

Cave jedoch ließ sich dadurch nicht beirren. Statt lange zu hadern, schüttelte er gleich einen kompletten Doppellangspieler aus dem beanzugten Ärmel. Und gleich der Opener von "Abattoir blues" rückt einige Erwartungen ungerade: Dieses "Get ready for love" krempelt die Ärmel hoch und rockt sich eins. Doch das ist leider, leider mehr laut als beeindruckend. Gut, daß mit dem angemessen makaber betitelten "Cannibal's hymn" der Eindruck wieder verwischt wird, Cave hätte Lust auf Trivialitäten bekommen. Jedenfalls vorübergehend.

Denn was sich im weiteren Verlauf von "Abattoir blues", aber auch mitunter auf dem zweiten Silberling namens "The lyre of Orpheus" findet, hätte man dem Mann, der für Großtaten wie "The mercy seat", "Where the wild roses grow" oder "The weeping song" verantwortlich ist, nicht immer zugetraut. Vom durchgeschwitzten Stadion-Rock "Nature boy" über den ins Leere scheppernden "Abattoir blues" bis hin zum verflöteten Blümchengeschunkel "Breathless" erwarten den Fan sinistrer Hymnen einige Überraschungen. Der beinahe allgegenwärtige London Community Gospel Choir verpaßt Caves eigentlich auch ohne dieses Ausrufungszeichen schon ausreichend beseelten Songs einen eigentümlichen Beigeschmack. Ironie oder Kitsch sind hier zwei Seiten der selben Medaille.

Dazu klingen zwar die Bad Seeds weiterhin ziemlich eigen, aber es scheint, als hätte ihr Dirigent die ganzen hübschen Moll-Akkorde gegen schnödes Dur ausgetauscht. Warren Ellis' Geige spielt nicht mehr zur Klage, sondern beinahe schon zum Tanz auf. Doch gerade dieser Mut zum Groove verpaßt nicht nur "Easy money" ein gehöriges Gefühl von Schummrigkeit. Das knurrige Schlächter-Drama "Hiding all away" explodiert in einem gewaltigen "There is a war coming." Ungehemmte Orgeln wandern durch "Supernaturally", das einem wie die scheinbar noch hüftbetontere Wiedergeburt des "Loverman" vorkommt. Und Jim Morrison winkt aus seiner Pariser Gruft mit der Sonnenbrille.

Überhaupt finden sich auf dem zweiten Teil deutlich mehr Momente, die eines Nick Cave würdig erscheinen. Es mag daran liegen, daß auf den beiden Alben zwei unterschiedliche Leute das Schlagzeug bearbeitet haben. Während Jim Sclavunos auf "Abbatoir blues" muskulös auf die Felle eindrischt, werden sie auf "The lyre of Orpheus" von Thomas Wydler eher gestreichelt. Das luftige "Babe, you turn me on" ruht sich auf zerwühlten Bettlaken aus. Der frostige Blues von "Spell" oder das Titelstück entdecken die dunkle Seite der Spiritualität. Da kann Cave nichts falsch machen.

Wenn man sich denn einmal an die luftigeren Klänge gewöhnt hat, findet man also auch an diesem Doppelalbum Gefallen. Cave selbst hingegen hält "Abattoir blues / The lyre of Orpheus" für sein persönliches Meisterwerk. Wer dem nicht zustimmen könne, hätte einfach nicht oft genug hingehört. Nun fragt sich, wem da die eigenen Erwartungen einen Streich spielen: dem sanft enttäuschten Anhänger der Caveschen Moritaten oder doch dem Meister der finsteren Mollgeschichte?

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Cannibal's hymn
  • Hiding all away
  • Easy money
  • Supernaturally
  • Spell

Tracklist

  • CD 1
    1. Get ready for love
    2. Cannibal's hymn
    3. Hiding all away
    4. Messiah ward
    5. There she goes, my beautiful world
    6. Nature boy
    7. Abattoir blues
    8. Let the bells ring
    9. Fable of the brown ape
  • CD 2
    1. The lyre Of Orpheus
    2. Breathless
    3. Babe, you turn me on
    4. Easy money
    5. Supernaturally
    6. Spell
    7. Carry me
    8. O children

Gesamtspielzeit: 82:25 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 7677

Registriert seit 26.02.2016

2021-11-19 22:59:16 Uhr
Ich weiß hier noch nicht, was Cave von mir will.

Praise him 'till you forgot what you are praising him for
Praise him 'till you forgot what you are praising him for
Then praise him a little bit more


;-)

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 17839

Registriert seit 10.09.2013

2021-11-19 22:52:00 Uhr
Mit dem Opener werde ich nicht so recht warm. Du schreibst ja oben auf der Seite, er wäre "gleichzeitig Abfeiern und Parodie auf Gospel-Rock" und dieses Unentschlossene kriegt mich nicht ganz. Ich weiß hier noch nicht, was Cave von mir will. Erst ab "Beautiful world" macht's so richtig click (wobei "Hiding all away" vorher auch schon cool ist).

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 7677

Registriert seit 26.02.2016

2021-11-19 22:25:29 Uhr
"Get Ready For Love" und "Hiding All Away" sind sowas von 1A.

AliBlaBla

Postings: 748

Registriert seit 28.06.2020

2021-11-19 21:58:23 Uhr
@The MACHINA of God
Der ist schon sehr schön der Song, ..und ich hoffe, sonst auch ein schöner Abend bei dir...

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 17839

Registriert seit 10.09.2013

2021-11-19 21:55:03 Uhr
Der ist schon echt super und euphorisch, allerdings nicht in meiner 1A-Riege von Cave. Da wären von diesem Album nur "O children" und "Nature boy".
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