Prozac+ - 3

Prozac+- 3

EMI
VÖ: 28.08.2000

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Trash-Pop aus Pizza-Land

Prozac+ beweisen Geschmack. Genau wie das Cover von "3" zieren auch das passende Beiheft appetitlich überfüllte Mülleimer, die große Fragen aufwerfen: Will das italienische Trio damit a) der ganzen Welt den Stinkefinger zeigen oder b) nur die Qualität ihrer Musik selbstironisch anpreisen. Ich glaube an Letzteres, denn für die "Fuck you"-Einstellung sind Prozac+ einfach zu nett, obwohl sie sich neben Pop auch Punk auf die Fahnen geschrieben haben wollen. Leider hilft nicht mal mehr Ironie hilft, wenn es um die Beschreibung der musikalischen Fähigkeiten der Band geht. Denn an ihren Instrumenten vollbringen sie wahrlich keine Heldentaten, was ihrem Erfolg in ihrer Heimat Italien aber keinen Abbruch tat. Nach gerade mal drei Live-Gigs hatten sie einen Plattenvertrag in der Tasche, und seitdem sind sie - zumindest für alle italienischen Kids - die unantastbaren Helden der Indie-Szene. Nach zwei erfolgreichen Longplayern in italienischer Sprache steht nun die Eroberung Resteuropas auf dem Plan, und dazu muß natürlich ein englischsprachiges Album her. Auf "3" holzen Sängerin Eva und ihre beiden Mitstreiter 12 Songs in knapp 36 Minuten herunter - eine kurzweilige Angelegenheit, die dennoch schnell Langeweile aufkommen läßt.

Was dem Trio an musikalischen Fertigkeiten fehlt, versucht es durch Spontanität und naiven Charme wieder wett zu machen. Die Gitarren schraddeln munter drauf los, das Schlagzeug holpert, der Gesang sowieso und die simplen Texte sind die Zwiebelringe auf der Prozac-Pizza. Dazu gibt's noch die üblichen "Uuhu" und "Waahu" - Chöre, die im Ohr kleben bleiben sollen wie der Käse an der Lasagne. Bei dem hitverdächtigen Opener "Acida" und zwei, drei weiteren Songs geht das Rezept auf, danach stellt sich allerdings ein flaues Gefühl im Magen und die berechtigte Ahnung ein, daß der geneigte Rezensent es hier mit einem dreisten Dover-Rip Off zu tun hat. Zu offensichtlich stapft das Tiro in den Spuren der Spanierinnen, die sich erfolgreich aus der Iberen-Halbinsel herausgespielt haben. Nicht nur was die Bandzusammensetzung angeht, auch das Songwriting erinnert in jedem Ton an das spanische Vorbild.

Daß Prozac+ bei mir nicht ohne Umwege im Abfalleimer landen, liegt vor allem daran, daß einige Songs immer noch ganz nett und catchy durch die Boxen dudeln. Dazu kommt die trashige Produktion und die leicht schräg gestimmten Instrumente, die tatsächlich so klingen, als wären sie auf der Müllhalde nebenan aufgesammelt worden. Ein gewisser Indie-Charme hat allemal seine Vorzüge gegenüber den üblichen farb- und gesichtslosen "Nummer sicher"-Studioproduktionen. Auch das verbuche ich mal unter dem Punkt "Nett". Die schnuckelige Eva und ihre Bandkollegen tun niemanden weh. Neben den zweiminütigen Punkkrachern schmeißen sie auch mal eine liebliche Ballade ins Rennen, und mit dem wenn auch blutarmen und wenig originellen Cure-Cover "Boys don't cry" werden sie sowieso von allen Radiosendern geliebt werden. Mit der Prozac+ Liebe ist es bei mir zwar noch nicht so weit, aber auf eine "Acida"-Pizza oder eine "Candid black"-Lasagne lasse ich mich von Eva & Co. gelegentlich gerne mal einladen.

(Christof Nikolai)

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Highlights

  • Acida
  • Candid black
  • X

Tracklist

  1. Acida
  2. I hate myself
  3. Liar
  4. Candid black
  5. X
  6. GM
  7. Just like Prozac+
  8. Angel
  9. I wish
  10. I'll tie you down
  11. Glue
  12. Boys don't cry

Gesamtspielzeit: 35:12 min.

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