The Fiery Furnaces - Blueberry boat

The Fiery Furnaces- Blueberry boat

Rough Trade / Sanctuary / Rough Trade
VÖ: 06.09.2004

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Director's cut

Es ist kein ganzes Jahr her, da war das Label der Fiery Furnaces noch darum bemüht, ungefähr folgendes Bild von seinem ungleichen Geschwisterpaar zu zeichnen: Die können gar nichts. Gitarre spielen? Woher denn. Singen? Wie unter der Dusche höchstens. Und Songs schreiben? Vielleicht mal im Fernsehen gesehen. "Gallowsbird's bark" klang dann auch wie die Rumpelkammer des Garagenrock. Alles, was niemand mehr gebrauchen konnte, war drin, auf engstem Raum zusammengestaucht und willkürlich gestapelt, bis einfach nichts mehr rein ging. Augen-zu-und-drauf-Klavier, Winnetou-Gitarren, Vollbart-Effekte, Dreijährigen-Schlagzeug, Deppen-Geschichten. Und wehe, es machte einer die Tür auf. Es stimmt also wirklich: Die können gar nichts. Aber das besser als alle anderen.

Weil sich das Debüt der Fiery Furnaces aber trotz seiner offensichtlichen Defizite in punkto allem ganz gut verkaufte, war man bei Rough Trade diesmal bereit, Matthew und Eleanor Friedberger zusammen mit einem ordentlichen Batzen Geld ins Studio zu stecken. Und was auch immer dann passiert ist, ist eigentlich vollkommen unmöglich. Die Fiery Furnaces kauften sich allerlei interessantes Equipment zusammen, erforschten ein paar alte Effektgeräte und hatten plötzlich fünf Asse auf der Hand. "Blueberry boat" heißt ihr neues Album, und es ist wie "Gallowsbird's bark" nur hoch zehn und zum Quadrat. 30 Minuten länger, 1000 Ideen stärker. Wer jedes Jahr nur eine Platte kauft, muß 2004 eigentlich diese nehmen. Weil alle anderen schon mit drauf sind.

Bevor man da aber mal hinkommt, müssen sich nicht nur Leute mit kurzer Zündschnur ein paar unangenehme Fragen stellen. Wie hört sich eine Rockoper von Walt Disney an? Und wie klingt wohl eine Doppelstunde Musik mit Velvet-Underground-Crashkurs? "Blueberry boat" besteht offiziell aus 13 Stücken, tatsächlich hätte man es aber auch genauso gut als ein einziges ins Vinyl ritzen können. In jedem Track stecken fünf mitreißende Songs, von denen keiner lange genug still halten will, um ihn auch nur einmal wirklich packen zu können. Und beim nächsten Durchgang fragt man sich dann ernsthaft, ob dieser oder jener Sound vorhin auch schon da war. Gut möglich, daß diese Platte schlafwandelt. Es geht zu wie im Hogwarts-Treppenhaus.

Ein Blick auf die Protagonisten: Matthew Friedberger ist am Ende des Tages doch irgendwie der Chef. Wenn die Familie Interviews gibt, widerspricht er seiner Schwester. Immer. Aus Prinzip. Dafür hat er aber auch all diese wahnsinnigen Songs geschrieben. "Quay cur" etwa, das circa vierteilige Wildwest-HipHop-Epos in der Familienpackung. Oder "Blueberry boat", die Geschichte einer verwegenen Piratencrew, die die Friedbergers erst unter Beschuß nimmt und dann zu folgenden verzweifelten Worten hinreißt: "Go ahead, you could cut my throat / But you ain't never gettin' the cargo of my blueberry boat." Zwischendurch spielt Matt noch ein Klaviersolo. Man sagt, er habe früher unter einem Aufmerksamkeitsdefizit gelitten. Und man glaubt, die Sache sei noch nicht ganz ausgestanden.

Zu Eleanor Friedberger: Schon als Kind war sie so groß, daß man ihr wachstumshemmende Pillen gab. Heute singt sie deshalb wie eine chinesische B-Jugend-Schwimmerin, aber immerhin behält sie den Überblick. Und das ist nun wirklich nicht einfach, wenn Matthew mal eben die sterblichen Überreste einer längst zerhackten Songskizze wiederbelebt. Wer in den doppelt verknoteten Hirnwindungen dieses kleinen Genies nicht Schiffbruch erleiden will, hat tatsächlich viel zu tun. Und so tut Eleanor, was sie kann, während ihr verrückter Brüder zur Saloon-Schießerei von "Chris Michaels" über die Tasten des Bar-Pianos flitzt. Oder kurz darauf in "Paw paw tree" leibhaftige Hendrix-Gitarren in Zeitlupe durch den Fleischwolf dreht. Wirklich kein Zuckerschlecken.

Aber irgendwann ist der Spuk ja vorbei. Man fühlt sich, als hätte man zehn Filme gleichzeitig geguckt, ein Dutzend Bücher quergelesen und mehrere Plattensammlungen auf einmal gehört. Sollte es jetzt wirklich noch jemanden geben, der nicht restlos bedient ist, kann er sich höchstens noch darüber ärgern, daß die Fiery Furnaces für dieses Monstermeisterwerk von einer Musikplatte nicht das "Sgt. Pepper's"-Cover nachgestellt haben. Hier drin hätten sie sich nämlich alle wieder gefunden: John und Paul, Wayne und Coyne, Super Mario, Andrew Lloyd Webber, Lou Reed, Bud Spencer, Mickey Mouse, Douglas Adams, Harry Potter, Steven Spielberg, Homer J. Simpson, J.R. Ewing, Pete Townshend, Kommissar Rex und all die anderen. Und passiert ist das nur, weil irgendjemand den Friedbergers ein bißchen Geld gegeben hat.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Straight street
  • Blueberry boat
  • Chris Michaels

Tracklist

  1. Quay cur
  2. Straight street
  3. Blueberry boat
  4. Chris Michaels
  5. Paw paw tree
  6. My dog was lost but now he's found
  7. Mason City
  8. Chief inspector Blanchflower
  9. Spaniolated
  10. 1917
  11. Birdie brain
  12. Turning round
  13. Wolf notes

Gesamtspielzeit: 76:16 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Andrea Berg
2012-03-26 05:15:42 Uhr
genau
Andrea
2012-03-26 05:05:17 Uhr
I really couldn\'t ask for more from this arctile.
Arsan
2012-03-24 13:45:59 Uhr
Nur dieadjeadnige, weladche nicht bis 22:00 Uhr in den Le4den steadhen mfcsadsen sind davon begeisadtert. — Wer seine Einadke4ufe nicht bis 20:00 Uhr erleaddigt hat , crbuaht nach 20.00 Uhr auch nichts mehrDieadsen Komadmenadtar beweradten: 3a0 0
HV
2011-11-25 04:52:04 Uhr
9.6 bei pitchie =)
The Widow
2010-03-17 08:38:07 Uhr
Der Songanfang hört sich wie das Ende von The Mars Volta - The Widow an!!
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