Sufjan Stevens - Michigan

Sufjan Stevens- Michigan

Asthmatic Kitty / Rough Trade / Sanctuary / Rough Trade
VÖ: 12.07.2004

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Forever hold your peace

Es ist nicht weniger als eines der ambitioniertesten Vorhaben der Musikgeschichte: Sufjan Stevens möchte über jeden einzelnen Staat der USA ein Konzeptalbum schreiben. Von Virginia bis Kalifornien. Und von North Dakota bis runter nach Texas. Einmal kreuz und einmal quer durchs Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Macht also 50 Platten (51, sollte er "Akte X"-Fan sein oder gelegentlich New Model Army hören) und eine echte Lebensaufgabe. Bloß, wer deshalb glaubt, daß Sufjan Stevens einigermaßen ausgelastet wäre, liegt ganz schön falsch. Erst vor ein paar Monaten hat er auch noch ein Album neben dieser Reihe veröffentlicht, das himmlische Höllenwerk "Seven swans". Und jetzt wird der Auftakt seiner Staaten-Serie endlich in Deutschland nachgereicht: "Michigan". Herzlich Willkommen!

Hier gibt es alles. Die unvorstellbaren Weiten der Großen Seen, unendlich geradeaus führende Highways. Kleine Holzhütten für die Ferien, direkt am Wasser. Ruhe. Und mittendrin einen Industrie-Moloch wie Detroit. Alleinstehende Frauen, die drei Scheißjobs haben, um ihre Kinder über die Runden zu bringen. Die langsam verslummten Viertel, in denen nur die Menschen leben, die es sonst nirgendwo können. Und genauso die steinreichen CEOs, die Karriere gemacht haben, bei General Motors, Boeing oder sonst wo. Michigan ist Sufjan Stevens' Heimatstaat, und es ist ein kleines Amerika für sich genommen. Mit dem gleichen kulturellen Durcheinander, den Gegensätzen und Widersprüchen, die auch das große ausmachen.

Darauf abgestimmt sind es auch Widersprüche, die das Album "Michigan" charakterisieren. Sufjan Stevens erzählt in seiner eigenen Klangsprache, klingt wie kein anderer Songwriter, rastlos, oft nervös, manchmal auch hektisch. Trotzdem scheint seine Platte in sich selbst zu ruhen, alleine wegen ihrer gewaltigen Ausmaße. Die Songs sind bis zu neuneinhalb Minuten lang, weiten sich aus auf Kompositionen von orchestralem Umfang, werden kleine Elegien, sakral wie Kirchenmusik. Und daneben steht dann ein Stück wie "For the widows in paradise". Ein Banjo, eine Trompete. Zwei Stimmen, vier Minuten. Sie singen "I'd do anything for you." Hier gibt es alles.

Seltener, als man zunächst glaubt, basieren die Lieder von Sufjan Stevens auf der Gitarre. Das Klavier stellt sich heraus, ist der heimliche Dirigent unter mehr als 20 Instrumenten, die Sufjan meist selbst gespielt hat. Glockenspiele, Mädchenchöre, Moog-Synthies, Holz-, und Blechbläser tummeln sich händchenhaltend im zentralen "Detroit, lift up your weary head!", das trotzdem noch Zeit findet für etwas so banales wie ein Gitarrensolo. Und allein das Schlagzeug hat genügend Tricks drauf, um sich als Thema für eine eigene Magisterarbeit aufzudrängen. Es braucht gute Kopfhörer, um nichts zu verpassen. Streicher wird man auch damit nicht entdecken. Aber andere Dinge sind ohnehin wichtiger.

So sehr Sufjans Songwriting auch in die Breite geht, so verpflichtet fühlt er sich doch auch den Themen der einfachen Menschen. Er singt seine Lieder für die Witwen, die Arbeitslosen, für seine Geschwister und den Typ aus dem Drug Store, der sein Leben einfach nicht auf die Reihe kriegt. Er findet Worte für sie, die trösten, die helfen und gesund machen. Ohne zu verklären oder in Phantasien zu versinken. Obwohl all seine Lieder so eigenartig klingen, daß man nicht mal sagen könnte, ob sie 100 Jahre alt sind, oder vielleicht doch nie geschrieben wurden. Sondern bloß ein verwegener Traum sind. Irgendwo in Michigan. In einem wirklich kühnen Kopf.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Flint (For the unemployed and underpaid)
  • For the widows in paradise, for the fatherless in Ypsilanti
  • Detroit, lift up your weary head! (Rebuild! Restore! Reconsider!)
  • Vito's ordination song

Tracklist

  1. Flint (For the unemployed and underpaid)
  2. All good naysayers, speak up! Or forever hold your peace!
  3. For the widows in paradise, for the fatherless in Ypsilanti
  4. Say yes! to M!ch!gan!
  5. The upper peninsula
  6. Tahquamenon Falls
  7. Holland
  8. Detroit, lift up your weary head! (Rebuild! Restore! Reconsider!)
  9. Romulus
  10. Alanson, crooked river
  11. Sleeping bear, sault Saint Marie
  12. They also mourn who do not wear black (For the homeless in Muskegon)
  13. Oh God, where are you now? (In Pickeral Lake? Pigeon? Marquette? Mackinaw?)
  14. Redford (For Yia-Yia and Pappou)
  15. Vito's ordination song
  16. Marching band
  17. Pickeral Lake

Gesamtspielzeit: 73:12 min.

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Gomes21

Postings: 2497

Registriert seit 20.06.2013

2017-11-26 10:30:47 Uhr
Für mich steht Michigan auch nur knapp hinter Illinois und C&L und wie Felix schon sagt; ein langsamer grower. Ein sehr intimes Album.

Felix H

Postings: 2789

Registriert seit 26.02.2016

2017-11-26 02:24:29 Uhr
Es ist sicher das "kleinere" Album im Vergleich zu "Illinois", soll es wohl aber auch sein. Für mich war "Michigan" immer ein extrem langsamer Grower. Konnte ich quasi jahrweise messen, bis es nur knapp hinter "Illinois" landete. Gut und dann kam "Carrie & Lowell" als noch intimeres und tolleres Werk. Lässt das hier vielleicht etwas untergehen.

Gordon Fraser

Postings: 1041

Registriert seit 14.06.2013

2017-11-25 19:12:37 Uhr
Landet weiterhin jedes Jahr mindestens einmal im Player, auch weil ich immer noch nicht so hundertprozentig mit allem auf der Platte klarkomme. Die Ideen, die "Illinois" so groß werden lassen, sind hier schon da, aber noch nicht so ausgefeilt. Eher 7/10 für mich.

"Romulus" versteht man erst mit dem Wissen um "Carrie & Lowell" so richtig. Finde solche Querbezüge im Katalog eines Künstlers immer faszinierend.
~°°~
2012-02-23 22:02:35 Uhr
Absolut! Romulus ist nicht nur wunderschön, sondern auch unfassbar traurig.
Von Romulus gibt es auch eine ziemlich nette Coverversion bzw. Interpretation ;)
http://www.youtube.com/watch?v=7shIDuagr9w
The Triumph of Our Tired Eyes
2012-02-02 12:13:43 Uhr
Mein Gott, warum merk ich denn erst jetzt wie grossartig "Romulus" ist? Der Text ist ja mal etwas vom Traurigsten was es gibt. I was ashamed of her.
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