Wilco - A ghost is born

Wilco- A ghost is born

Nonesuch / Warner
VÖ: 21.06.2004

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Schwangerschaftsgymnastik

Aufrichtige Begeisterung war die völlig angemessene Reaktion auf das brillante "Yankee hotel foxtrot". Mit ihrem vierten Album entfernten sich Wilco endgültig aus dem bodenständigen Americana-Sektor. Schroffe Gitarren, schräge Töne, schillernde Harmonien. Ein Wahnsinn mit Methode. Jeff Tweedy war endgültig in der Riege der zu verehrenden Songschreiber angekommen, und mancher glaubte kaum, daß Wilco diesem Rohdiamanten von einem Album noch eins würden draufsetzen können. Und wie sie können!

Gleich das tieftraurige "At least that's what you said" will alles. Und bekommt es auch. "I thought it was cute for you to kiss my purple black eye / Even though I caught it from you." Tränenverhangene Akkorde umflüstern Tweedys Klagen, ein trotziges Klavier macht bittersüße Versprechungen, und ein gebrochenes Herz von einer Melodie bettet sich auf schierer Schönheit. Bis plötzlich das hoffnungsvolle Trübsal von einer Explosion aus völlig kaputten Saiten zerrissen wird. Atemstillstand und Wiederbelebung zugleich.

Irgendjemand schleicht bei "A ghost is born" stets um den Kippschalter herum. Das lichtscheue "Muzzle of bees" verstreut einsame Gitarrenperlen, bis diese plötzlich ein Verzerrerpedal finden und sich aufmüpfig in den Vordergrund schummeln wollen. Aus dem stoischen Gekraute von "Spiders (Kidsmoke)" schält sich erst nach 7:41 von 10:48 Minuten aus der minimalistischen Kaum-Handlung plötzlich ein fulminanter Rockgroove der feisteren Sorte. "Handshake drugs" wirft zunächst gemütliche Blasen im Sonntagmorgen-Groove, um dann ziemlich auszufransen. Und das überlange "Less than you think" verliert sich in minutenlangem weißen Rauschen und diffusem Geknirsche. Das Two-in-one-Prinzip: Zuckerbrot und Peitsche. Süß und sauer. Hirn und Eier.

Doch Wilco können natürlich nicht nur um die Ecke rocken, sondern begeistern auch durch ihr Geradeaus-Spiel. Die verschleppte Romantik aus "Company in my back" serviert die Taschentücher mit ein paar handgepflückten Mandolinenklängen, während der kullernde Rocker "I'm a wheel" unverhörens den Baß in die Führungsrolle schubst. "Theologians" ist vermutlich der knuffigste Rundumschlag gegen heuchelnde Glaubensfunktionäre ever. Passend dazu marschiert das den Teufel austricksende "Hell is chrome" selbstbewußt über die Abbey Road, und auch "Hummingbird" erklärt Paul McCartney nur allzu gern, was genau noch mal ein verdammter Song ist. Sogar das abschließende Dur-Geschunkel "The late greats" gefällt sich in vermeintlich simpel anmutendem Geschepper, welches mittendrin - wer hätte das gedacht? - einmal mehr umkippt. Und dennoch sein freundliches Lächeln bis zum Schluß behält. Denn Tweedy und Co. wickeln ihre Knicke und Kanten so geschickt um die angedeutete Richtung, daß sie einem erst auffallen, wenn der Ohrwurm längst am Ziel ist. Und man sich wieder einmal nicht mehr wehren kann vor Freude.

Denn auch wenn Tweedy unbemerkt die Fassaden seiner Songs herunterreißt und die Harmonien wie poröse Leitungen herausrupft, behandelt er doch jede seiner Melodien wie ein rohes Ei. Sanft. Zärtlich. Hingebungsvoll. Steckt sie in ein Nest aus warmer Zuneigung. Pflegt sie mit frischen Befindlichkeiten. Schenkt ihnen Luft und Liebe. Gibt ihnen mehr als genug Freiraum zur Entfaltung - in welche Richtung auch immer. Und freut sich mit uns über jede faszinierende Metamorphose. "A ghost is born". Hurra!

(Oliver Ding)

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Highlights

  • At least that's what you said
  • Hell is chrome
  • Spiders (Kidsmoke)
  • Muzzle of bees
  • Theologians

Tracklist

  1. At least that's what you said
  2. Hell is chrome
  3. Spiders (Kidsmoke)
  4. Muzzle of bees
  5. Hummingbird
  6. Handshake drugs
  7. Wishful thinking
  8. Company in my back
  9. I'm a wheel
  10. Theologians
  11. Less than you think
  12. The late greats

Gesamtspielzeit: 67:31 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
ORKSEL
2019-07-16 22:34:19 Uhr
Danke, dass ihr diesen Thread gepusht habt. Hat mir einen schönen Abend mit "The Whole Love" und Gin Tonic beschert.

MopedTobias

Postings: 12037

Registriert seit 10.09.2013

2019-07-16 18:38:28 Uhr
"Gegniedel" war zumindest bei mir nicht negativ gefärbt (sieht man ja auch an der Wertung), aber hast auf jeden Fall recht mit dem durchkomponierten Charakter. Finde ich auf dem ganzen Album beeindruckend, auch Spiders bleibt über 10 Minuten fokussiert und artet nie in einen ziellosen Jam aus.

dreckskerl

Postings: 922

Registriert seit 09.12.2014

2019-07-16 18:31:29 Uhr
Shit, hab auch das kollektive Hören verpasst, gerade bei einer meiner absoluten Lieblingsalben.

Dass nicht Nels, sondern Jeff die Gitarrenparts spielt, hat bereits jemand korrigiert...bis heute spielt live das monumentale Solo von "At least..." Jeff himself.
Und um bei diesem Solo zu bleiben, ist es meiner Definition nach kein Gegniedel, sondern vielmehr ziemlich durchkomponiert, ähnlich wie das mächtige Solo von "Impossible Germany".
Gegniedel ist erstens etwas negativ gefärbt und umschreibt für mich mehr frei improvisierte, lange Gitarrensoli.

Neues Album!!! Freu!

Single klingt schön, aber auch etwas sehr brav.

Leider liegen die Live Deutschlandtermine einige Wochen vor Veröffentlichung.

Wer Bock hat auf ein ganz aktuelles Konzert:
(übrigens u.a. mit "At least..."), tolle setlist. Amsterdam Paradiso, 16.06.19

https://www.youtube.com/watch?v=KwCluIB_C2c

Diverse Highlights...wundervoll: "How to fight loneliness", "Laminated cat" ...

The MACHINA of God

Postings: 16413

Registriert seit 07.06.2013

2019-07-16 15:17:49 Uhr
Du bist gut, danke. :D
Erster
2019-07-16 15:15:52 Uhr
Und hier die Single

https://m.youtube.com/watch?feature=youtu.be&v=VamTQr4kcKA
Zum kompletten Thread

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