Motorpsycho - Let them eat cake

Motorpsycho- Let them eat cake

Psychobabble / Indigo
VÖ: 31.01.2000

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Propheten im eigenen Land

"Qu'ils mangent de la brioche" - so lautete der berühmte Ausspruch Marie Antoinettes als die hungrigen, aufgebrachten Bürger in der Zeit vor der französischen Revolution nach Brot begehrten. Und besser hätten auch Motorpsycho ihr bereits zehntes Werk in zehn Jahren Bandbestehen nicht betiteln können. Denn auch "Let them eat cake" ist eine Art ironischer Mittelfinger, wenn auch ein weitaus subtilerer.

Allen, die von Motorpsycho weitere geradlinige Rocker wie "Hey, Jane" im Wechsel mit psychedelischen Epen Marke Smashing Pumpkins, die nicht selten die 10-Minuten-Grenze überschritten, erwarteten, wird hier vor den Kopf gestoßen. Stattdessen bringen die Norweger nun ihren selbstgebackenen Zuckerkuchen unters Volk.

Der von Streichern durchtränkte Opener "The other fool", gleichzeitig erste Singleauskopplung, gibt die Richtung vor - "Let them eat cake" ist ein experimenteller Semi-Pop-Kuchen geworden, mit den Zutaten Streicher, Bläser, Beatles-Harmonien und allem was noch dazugehört. Nach mehreren Doppel-Alben, die die Band strukturell mit "White album" oder "Exile on main street" in Verbindung bringt, war den Norwegern nach etwas anderem, neuem zumute. Die beiden Vorgaben für "Let them eat cake" waren, jeden Song auf maximal vier Minuten zu beschränken und die Albumlänge unter 40 Minuten zu halten. Nun hat die Band leider keines der beiden Ziele erreicht, nichtsdestotrotz aber ein verglichen mit den Vorgängern sehr viel kompakteres Werk geschaffen.

In die Dreiviertelstunde werden nun zeitweise mehr Instrumente gesteckt als sich die Band früher träumen lassen hatte. So erinnern manche Songs in ihrer Instrumentierung an Mercury Rev, Ben Folds Five oder auch das letzte Beck-Album, auch wenn im Gegensatz zu dessen "Midnite vultures" die Stimmung der meisten Songs in eine ganz andere, überhaupt nicht tanzbare, Kerbe schlägt.

Mittlerweile habe ich die Hoffnung trotz des Stilwechsels aufgegeben, daß Motorpsycho doch noch den großen Durchbruch über Insider-Kreise hinaus schaffen. In ihrer Heimat Norwegen freilich ist ihnen das längst gelungen. Dort entschieden sie eine vom Radio-Sender P3 ausgeschriebene Internet-Wahl mit ihrem neunminütigen Meisterstück "Vortex surfer" vor Europes "The final countdown" für sich. Zur Belohnung lief der Song Sylvester 24 Stunden lang ununterbrochen über den Äther. Daß angeblich ein paar enthusiastische Fans das Wahlergebnis manipuliert haben sollen, wollen wir hier einfach mal außer Acht lassen.

Gegen Ende von "Let them eat cake" fallen Motorpsycho schließlich doch noch in die gewohnteren psychedelischen Gefilde zurück. So klingt "Stained glass", unterstützt von Bent Saethers träger Stimme, stellenweise nicht nur, als ob es hinter gefärbtem Glas, sondern auch auf der dunklen Seite des Mondes aufgenommen wurde. Und auch ein geflüstertes "Let's get some weed and chill out to Pink Floyd" in "The other fool" spricht Bände.

Ein lupenreines Pop-Album ist es trotzdem nicht geworden, und auch wenn der Wechsel ins Lager der Melodieverliebtheit ein wenig an die Belgier dEUS erinnert, so bleiben Motorpsycho immer noch weit weniger eingängig und verschrobener. Bis auf "The other fool" und dem grandios von quäkenden Bläsern vorangetragenen "Walking with J." ist "Let them eat cake" ein letztendlich etwas schwierig anzuhörendes und auch nicht unbedingt das beste Motorpsycho-Werk. Doch selbst ein mittelmäßiges Werk der Norweger siedelt noch deutlich über dem Durchschnitt an.

(Armin Linder)

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Highlights

  • The other fool
  • Walking with J.
  • Stained glass

Tracklist

  1. The other fool
  2. Upstairs-downstairs
  3. Big surprise
  4. Walkin' with J.
  5. Never let you out
  6. Whip that ghost
  7. Stained glass
  8. My best friend
  9. 30/30

Gesamtspielzeit: 45:36 min.

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