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Agnes Obel - The meaning of flowers

Agnes Obel- The meaning of flowers

Deutsche Grammophon / Universal
VÖ: 18.09.2026

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Fragmentierte Formen

Nach der längsten Pause ihres musikalischen Schaffens – sechs Jahre liegen zwischen dem fantastischen Nachtalbum "Myopia" und "The meaning of flowers" – lädt Agnes Obel erneut ein, ein Dutzend neuer Stücke zu entdecken. Kaum eine andere Sängerin bietet dabei so viele verschiedene Wege, sich dem Werk zu nähern. Auf der musikalischen Ebene dürfte hier ein neues Level an Komplexität erreicht worden sein, welches der Inhalt spiegelt: Das Album wird begleitet von einer umfassenden Liste an Literatur und Lyrik, die ihm zugrunde liegt.

Zum Einstieg empfängt uns zunächst ein warmer, Theremin-artiger Synthiesound, die ersten Worte künden von einem Aufbruch: "Do what you like, I relate / Don't worry about how the road bends down" – dieser Neuanfang wird hier thematisch in eine nie endende Liebe übergehen. Es sind die ersten Gedanken von vielen, die "The meaning of flowers" versammelt. Das eine große Thema wie das des Schlafes auf "Myopia" ist es dieses Mal nicht, vielmehr ein Sammelsurium an Inspirationen, Einflüssen, Erlebtem: von der Literatur der ersten Autorin der Welt – Enheduanna – und bedeutenden Philosophinnen bis hin zur eigenen Erfahrung als Mutter.

Nach dem Opener übernimmt "Laymelli". Dieser siebenminütige Song steht sinnbildlich für zwei parallele Entwicklungen, die Obel in den letzten anderthalb Dekaden vollzogen hat. Stand anfangs noch eine recht klassische Songstruktur mit einer feinen Gesangsstimme im Fokus, fragmentiert sich seitdem alles immer weiter. Ihre Varianz hat dabei deutlich zugenommen – und auch ihr Wille, damit und drumherum zu experimentieren. Manche Songzeilen sind hinter Schichten an Lautmalerei versteckt, so manches Mal nimmt das, was hier und dort ihrer Kehle entweicht, den Status einer zusätzlichen Instrumentierung ein. Selbst aus den höchsten Tönen wie in "Gemini" dringen noch Worte, deren Deutung nach der Wahrnehmung auch wieder so eine Sache für sich ist. Einen einfachen Einstieg verwehrt Obel also, es lohnt jedoch, dran zu bleiben. Stück für Stück fächert sich dieses Werk auf, wenn es einmal zwischen den eigenen Ohren sortiert ist.

Den einen Hit oder gar mehrere, an denen es sich festkrallen lässt, wie etwa das fantastische "Broken sleep" vom Vorgänger, gibt es im ersten Lichte nicht, wenngleich etwa "Never been" auf dänischer Popmusik der 1980er- und 1990er-Jahre basiert. Obel selbst bezeichnet "Deem me now" als ihr Lieblingsstück auf dieser Platte – ein nachvollziehbarer Gedanke angesichts der Eleganz, die sie hier durch ihre Art über einem Basswabern ausstrahlt. Einmal eingetaucht kann sich nach wenigen Durchgängen auch "Blood so red" veritabel in die Gehörgänge schleichen. Manches ist jedoch bewusst auch nicht ausformuliert. Das kurze "Beyond the sun" ist als unfertige Skizze gehalten, die finale Form ist zumindest auf diesem Longplayer noch nicht anzutreffen. Eine kleine Pianomelodie ist hier Anlass für ein paar im Raum schwebende Zeilen. Auch die Idee hinter "Tangerine" scheint noch unklar, verzichtet Obel hier gar ganz auf Gesang und lässt Piano und Saxofon-Arpeggios freien Raum.

"Don't look down" wiederum könnte direkt aus einer nicht ganz sauber aufgezogenen Spieluhr entstammen, deren Pianomotiv immer wieder zwischen Vorder- und Hintergrund wechselt, je nach dem, ob Obel stimmlich übernimmt oder nicht. Im finalen "Faustian deal" verschwindet dieses Instrument nach drei Stücken zunächst ganz. Die Dänin vollzieht noch einmal einen Bruch, da nun gezupfte Streicher übernehmen. Obel singt, flüstert, loopt dazu Stimmflächen übereinander. Die Lautmalereien, sie greifen ineinander, wetteifern miteinander und mit den Instrumenten, ehe letztere gewinnen und eine finale Violinenmelodie in den Himmel schießt und dort zur Ablösung verharrt. Wie diese aussehen wird, lässt uns Agnes Obel hoffentlich schneller erfahren als nach weiteren sechs Jahren.

(Klaus Porst)

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Highlights

  • The meaning of flowers
  • Laymelli
  • Blood so red
  • Deem me now

Tracklist

  1. The meaning of flowers
  2. Laymelli
  3. Gemini
  4. Never been
  5. Blood so red
  6. No such thing as silence
  7. Deem me now
  8. Jenn's on the way
  9. Beyond the sun
  10. Tangerine
  11. Don't look down
  12. Faustian deal

Gesamtspielzeit: 51:55 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

dreckskerl

Postings: 12458

Registriert seit 09.12.2014

2026-10-03 13:21:38 Uhr
ARTE-Concert

Aufzeichnung vom 9. Juli 2026 beim Festival Nuits de Fourvière, Lyon.
Sensationeller Klang!

https://www.youtube.com/watch?v=NbDp6IkLhEg

VelvetCell

Postings: 10578

Registriert seit 14.06.2013

2026-10-02 21:57:44 Uhr
Naja, zwei Durchgänge sind ja auch "gar nix". Vielleicht ein Album, das Zeit braucht, um sich zu entfalten.

Unangemeldeter

Postings: 2898

Registriert seit 15.06.2014

2026-10-02 20:23:14 Uhr
Ich hatte erst zwei Durchgänge, aber mein Eindruck deckt sich auch komplett mit dem von gottmik. Das ist alles sehr schön, aber auch sehr viel Wohlklang, mir fehlt irgendeine Art von Dringlichkeit.
Citizen of Glass bleibt wohl mein Favorit von ihr.

cargo

Postings: 877

Registriert seit 07.06.2016

2026-10-02 19:53:00 Uhr
Gehe hier 1:1 mit gottmik mit.

gottmik

Postings: 87

Registriert seit 11.12.2025

2026-10-02 19:46:12 Uhr
Auch der zweite Hördurchgang hat meinen Eindruck nicht verändert: Das Album ist beileibe kein Schandfleck aber dennoch ihr schwächstes. Ich finde die Laut.de Rezension auch wesentlich passender als die auf Plattentests.de, zumindest entspricht sie viel mehr dem Album das ich gehört habe. Ich empfand die Musik nicht komplexer und experiemteller, sowie es hier steht, sondern viel mehr überraschend leicht, verspielt, melodisch eingängig und weniger dunkel und geheimnivoll als zuvor - sowie es eben Laut.de beschreibt.
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